Mann des Wortes

Die Verbreitung von Martin Luthers 95 Thesen gegen den Ablasshandel am 31. Oktober 1517 gilt als Auftakt der Reformation. Das Datum jährt sich bald zum 500sten Mal – Anlass für die NEUE STADT, mit interessierten Lesern in die damalige Zeit einzutauchen:  Eine Spurensuche in neun Etappen nach Wurzeln, Wirken und Nachwirkungen des Reformators.

Eisenach
Im „Bachhaus“, seit 1907 Museum und Gedenkstätte, wurde Johann Sebastian nicht geboren. Das Gebäude seiner Geburt und frühen Kindheit soll aber in der Nähe gestanden haben. Mit Tasteninstrumenten seiner Zeit –  Orgelpositive, Spinett, Cembalo, Clavichord – wird hier den Besuchern stündlich ein Bachsches Klangerlebnis vermittelt.

Das Bachhaus in Eisenach - alt und modern. - Alle Fotos: (c) Clemens Behr

Das Bachhaus in Eisenach – alt und modern. – Alle Fotos: (c) Clemens Behr

Unsere 34 Personen starke Reisegruppe folgt den „Spuren von Luther und Bach“. Zwar hat der große Komponist erst zweihundert Jahre nach Martin Luther gelebt, war aber so von dessen Gedankenwelt geprägt, dass sein Werk als musikalischer Ausdruck der Reformation gesehen wird. In Eisenach kreuzen sich ihre Lebensläufe. Wie Johann Sebastian hatte auch Luther in Eisenach die Lateinschule besucht und in der Kurrende, im Knabenchor, gesungen.
300 Meter sind es vom Bach- zum Lutherhaus, in dem der Reformator als Schüler von 1498 bis 1501 wohnte. Hier erfahren wir, dass ein Blitzschlag Martin Luther veranlasst hat, Mönch zu werden, welche Glaubenspraktiken und Frömmigkeitsformen seine Zeit geprägt und wie sich seine reformatorischen Ideen entwickelt haben.

Möhra
Zahlreiche Familien im 600-Seelen-Dorf Möhra, 20 Kilometer von Eisenach, tragen den Namen Luther. Sein Vater Hans Luder stammte von hier. Noch vor Martins Geburt zog er mit seiner schwangeren Frau ins Mansfelder Land.

Luthers Entführung auf dem Lutherdenkmal in Möhra.

Luthers Entführung auf dem Lutherdenkmal in Möhra.

Viele Jahre später, auf dem Rückweg vom Reichstag in Worms Anfang Mai 1521, auf dem er mit dem Kirchenbann belegt worden war, predigte Luther in Möhra. Auf der Weiterreise ließ der Kurfürst von Sachsen den Vogelfreien entführen und auf die Wartburg außer Lebensgefahr bringen. An der Stelle des inszenierten Überfalls beginnt der „Lutherweg“, der nach Eisenach führt. Wir gehen einen Abschnitt durch den Wald. Er ist jedoch unerwartet steil, für manchen beinahe eine Überforderung. Aber einer greift dem anderen unter die Arme; gemeinsam wird die Herausforderung gemeistert.

Wartburg

Die Wartburg.


Getarnt als Junker Jörg verbarg sich der geächtete Luther zehn Monate auf der großen Burganlage über Eisenach. In dieser Zeit übersetzte er das Neue Testament aus dem Griechischen ins Deutsche. Später feilte er weiter an den Texten und übertrug auch das Alte Testament. Dabei orientierte er sich an der sächsischen Kanzleisprache, sah aber auch „dem gemeinen Mann auf das Maul“. Luthers Übersetzung beeinflusste die deutsche Schriftsprache und trug zu einer einheitlichen Verständigung von der Ostsee bis zu den Alpen bei. Viele Redewendungen verdanken wir seinem Bemühen, biblische Inhalte griffig und anschaulich auszudrücken, um sie dem einfachen Volk zugänglich zu machen. Sich an Christus und am Wort Gottes zu orientieren und viele Menschen dafür zu gewinnen, blieb zeitlebens sein großes Anliegen.

schmalkaldischer_bund_img_2322Schmalkalden
Fränkisches Fachwerk prägt das Städtchen, das dem „Schmalkaldischen Bund“ und dem „Schmalkaldischen Krieg“ den Namen gab. Hier schlossen sich 1531 protestantische Städte und Fürsten gegen den katholischen Kaiser Karl V. zusammen. Sie versprachen sich gegenseitig Hilfe, sollte dieser sie angreifen. 1537 stellte Martin Luther hier vor Grafen, Fürsten, Gesandten von Papst und Kaiser, Reichs- und Hansestädten sowie über vierzig Theologen seine Glaubenssätze vor. Als „Schmalkaldische Artikel“ gingen sie in das Konkordienbuch ein, Grundlage des evangelisch-lutherischen Bekenntnisses. Bis die Auseinandersetzungen zwischen protestantischen und katholischen Herrschern 1546/47 im Krieg gipfelten, hatte der Bund 26-mal in Schmalkalden getagt.

Erfurt
Luther kam 1501 nach Erfurt, um auf Geheiß seiner Eltern Jura zu studieren. Vier Jahre später trat er ins Kloster der Augustiner-Eremiten ein, wurde 1507 zum Priester geweiht. Das Theologiestudium begann er erst im darauffolgenden Jahr.

Kreuzgang im Erfurter Augustinerkloster.

Kreuzgang im Erfurter Augustinerkloster.

Zu seiner Zeit war das Leben von Armut, Krieg, Krankheiten wie der Pest und einer hohen Kindersterblichkeit bedroht. Es herrschte die Angst, vor Gott als Weltenrichter nicht bestehen zu können und auf ewig verdammt zu sein. Bei einer Reise 1510-11 nach Rom schockierten Luther Oberflächlichkeit, Sittenverfall und Reichtum des dortigen Klerus.

Leipzig
In der Pleißenburg, an deren Stelle heute das Neue Rathaus steht, führten 1519 der Reformator und sein entschiedenster Widersacher, der katholische Theologe Johannes Eck, über drei Wochen Streitgespräche über Papst, kirchliches Lehramt, freien Willen und göttliche Gnade sowie Ablasshandel. Die „Leipziger Disputation“ führte zum Bruch mit der römischen Kirche.

27 Jahre lang war Johann Sebastian Bach Kantor an der Leipziger Thomaskirche.

27 Jahre lang war Johann Sebastian Bach Kantor an der Leipziger Thomaskirche.

Keine andere Kirche ist so eng mit Johann Sebastian Bach verbunden wie die Thomaskirche: Von 1723 bis zu seinem Tod 1750 leitete er den 1212 gegründeten Thomanerchor, unterrichtete Musik, gestaltete die Gottesdienste in den vier Hauptkirchen der Stadt musikalisch, komponierte – zeitweilig ein Werk pro Woche – und fertigte Gutachten für die Orgeln im Umland an. Unter viele seiner Werke schrieb er „SDG“, „Soli Deo Gloria – dem alleinigen Gott die Ehre“.

Torgau
1530 verfassten Luther, Philipp Melanchthon, Justus Jonas und Johannes Bugenhagen hier mit den „Torgauer Artikeln“ die Grundlage für das Augsburger Bekenntnis.

Schloss Hartenfels in Torgau mit dem "Wendelstein", einer spiralförmige Steintreppe ohne tragende Mittelsäule.

Schloss Hartenfels in Torgau mit dem “Wendelstein”, einer spiralförmigen Steintreppe ohne tragende Mittelsäule.

Ihr Sterbehaus in Torgau ist die einzige Gedenkstätte für Katharina Luther, die Martin 1525 heiratete. Im Jahr zuvor hatte er seine Mönchskutte abgelegt; Katharina von Bora hatte 1523 ihr Leben als Ordensfrau aufgegeben. Die Ehefrau des Reformators managte einen großen Haushalt: Bei Luthers in Wittenberg lebten neben sechs eigenen auch Kinder von Verwandten, Studenten und Gäste. Von dort floh Katharina 1552 als Witwe vor der Pest nach Torgau, wo sie noch im gleichen Jahr starb.

Wittenberg
Bei einem Gang durch Lutherstadt Wittenberg begegnen uns Koreaner und Amerikaner. Einen großen Touristenansturm erwartet die rund 46 000- Einwohner-Stadt aber erst 2017.
Luther war seit 1511 im Kloster der Augustiner-Eremiten – heute das Lutherhaus – ansässig. In Wittenberg erwarb er seinen Doktor in Theologie, lehrte an der Uni und predigte in der Stadtkirche.

Marktplatz mit Blick auf Stadtkirche in Wittenberg.

Marktplatz mit Blick auf Stadtkirche in Wittenberg.

Unsere Gruppe bewegt das Relief der Judensau an der Außenseite der Stadtkirche aus der Zeit vor Luther. Wir erfahren, dass Luther zunächst für eine menschliche Behandlung der Juden geworben hatte in der Hoffnung, sie bekehren zu können. In seinen späteren Jahren nahm seine Judenfeindlichkeit jedoch zu. Seit 1988 macht auf dem Boden unter dem Relief eine Mahnplatte auf die historischen Folgen des Judenhasses aufmerksam. Wir beten spontan, dass sich Fremden- und Judenfeindlichkeit nicht erneut verbreiten.
Mehrere Werke von Lucas Cranach und seinem gleichnamigen Sohn schmücken die Stadtkirche. Der ältere Cranach war eng mit Luther befreundet. Er entwickelte sich zum charakteristischen Maler der Reformation.

In einem der Cranach-Höfe.

In einem der Cranach-Höfe.

1518 kam Philipp Melanchthon nach Wittenberg und wurde Luthers engster Mitarbeiter. Die Gräber der beiden sind in der Schlosskirche zu finden, die auch Universitätskirche war. Auf der 1858 gegossenen Tür stehen in Latein Luthers 95 Thesen. Zwar soll sie der Reformator seinerzeit nicht eigenhändig angeschlagen haben, aber sie breiteten sich von Wittenberg aus.
An der Luthereiche östlich der Altstadt verbrannte Luther Ende 1520 öffentlich das Gesetzbuch der katholischen Kirche, die Bannandrohungsbulle des Papstes und Schriften seiner Gegner: seine symbolträchtige Trennung von der Kirche Roms.

Die Schlosskirche.

Die Schlosskirche.

Stadt- sowie Schlosskirche sind zum 500-Jahr-Jubiläum bereits saniert; der Umbau des Schlosses ist noch im Gang: Es entstehen ein Besucherzentrum, eine Forschungsbibliothek zur Reformationsgeschichte und das neue Evangelische Predigerseminar.

Eisleben
Hier wurde Luther geboren, hier starb er. Die Petri-Pauli-Kirche, in der er die Taufe empfing, will nach einer Neugestaltung einen neuen Zugang zur Taufe vermitteln. Mit uns steht ein dreijähriges Mädchen mit seiner Mutter an dem großen, in den Boden eingelassenen Taufbrunnen, in dem es am nächsten Tag Christin werden wird.

Taufbrunnen in der Petri-Pauli-Kirche in Eisleben.

Taufbrunnen in der Petri-Pauli-Kirche in Eisleben. – Alle Fotos: (c) Clemens Behr

Anfang 1546 führte die letzte seiner zahlreichen Reisen Martin Luther wieder in seine Geburtsstadt, wo er einen Streit der Mansfelder Grafen schlichten wollte. In der Andreaskirche hielt er, von Krankheit und Erschöpfung gezeichnet, am 15. Februar seine letzte Predigt. Drei Tage später starb er 62-jährig. Wie an vielen anderen Orten haben wir den Eindruck, zu wenig Zeit zu haben. „Kommen Sie wieder“, rät uns eine ältere, engagierte Reiseführerin, „aber bitte nicht nächstes Jahr!“
Clemens Behr

(Erschienen in der gedruckten Neuen Stadt, Oktober 2016)
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