Zuhause für Nichtsesshafte

Ein Bauernhof im Ruhrgebiet bietet nach einem Dasein auf der Straße Arbeit und neuen Lebenssinn.

Acht früher nichtsesshafte Männer haben auf einem Bauernhof im ländlichen Süden der Stadt Essen ein Zuhause gefunden. Der Rehmannshof in Kupferdreh gibt ihnen Arbeit und ein geregeltes Leben. Sie versorgen 127 Schweine, 300 Hühner, Gänse, Enten, Kaninchen, drei Shetlandponys und vier Kamerunschafe. Außerdem bauen sie in Treibhäusern Gurken, Tomaten und Kräuter an, jäten, pflanzen und ernten.

„Unsere Männer haben in der Regel ein Suchtproblem und verschiedene Therapien hinter sich, aber ohne Erfolg“, erzählt Sozialarbeiter Andreas Wartmann. Auf dem Rehmannshof herrscht Schnapsverbot; leichte alkoholische Getränke sind aber in Maßen erlaubt. Weitere sechs Personen kommen für eine gewisse Zeit täglich von außen auf den Hof und verrichten Gemeinwohlarbeit, um danach in den Arbeitsmarkt zurückzufinden. „Morgens setzen wir uns zusammen, schauen, was zu tun ist, und verteilen die Aufgaben“, erklärt Wartmann, der seit 1998 auf dem Hof tätig ist. Zwei landwirtschaftliche Fachkräfte stehen bei der Umsetzung zur Seite.

„Wir sind eine Einrichtung der Gesellschaft für Soziale Dienstleistungen Essen (GSE), die Heime für Senioren und psychisch Kranke und Werkstätten für behinderte Menschen unterhält. Und da bilden wir die Außenwohngruppe des Wohnheims Esternhovede für alleinstehende wohnungslose Männer.“ Ein Gemeinschaftsraum, Freizeitmöglichkeiten und Ausflüge helfen den Bewohnern, neu zu lernen, an einer Gruppe anzudocken. „Sie müssen erst wieder zu sich finden“, sagt Wartmann. Hier erfahren sie sich neu als Mensch. „Sie merken: Die anderen reagieren auf mich, auch mal negativ, aber zumeist positiv. Ich bin jemand!“ Geregelt und angstfrei essen und ihren Körper pflegen zu können, ist für sie anfangs neu. „Aber nach einer gewissen Zeit treten sie ganz anders auf! Alles, was zu einem menschenwürdigen Leben gehört, aber aufgrund der Verwahrlosung verloren war, kehrt Stück für Stück zurück.“

Dazu trägt der Kontakt mit den Tieren bei: „Das hat therapeutischen Charakter. Sie streicheln sie, entwickeln eine Freundschaft. Und bei der Arbeit haben sie ein unmittelbares Erfolgserlebnis: Der Stall ist gemistet, die Tiere fühlen sich wohl!“ Eier, Gemüse und Kräuter werden an die Zentralküche oder einzelne Heime geliefert. „Das ist unser Ziel: den Leuten Sinn zu vermitteln.“

Andreas Wartmann will darauf hinwirken, dass Seniorenheime den Rehmannshof verstärkt als Ausflugsziel nutzen. „Dann gibt es hier Kaffee und Kuchen oder ich grille. Die Besucher können die Tiere über den Hof führen. Das tut den alten und dementen Menschen gut – und ihr Besuch ist gut für unsere Bewohner.“
Clemens Behr

(Erschienen in der gedruckten Neuen Stadt, Januar/Februar 2017)
Ihre Meinung ist uns wichtig, schreiben Sie uns! Anschrift und E-Mail finden Sie unter Kontakt