„Ich kann dir nicht wehtun, ohne mich zu verletzen.“

Gefühlt greifen Respektlosigkeit, ja Hassausbrüche bis hin zur Gewaltanwendung um sich. Wo bleibt die Achtung vor dem Menschen?

Überwachungskameras hatten es aufgezeichnet: Eine Frau steigt zu später Stunde die Treppe einer Berliner U-Bahn-Station hinab. Mehrere Männer folgen ihr; einer gibt ihr plötzlich grundlos einen kräftigen Tritt in den Rücken; dann wenden sie sich um und gehen ihres Weges, als ob nichts gewesen wäre. Die Frau fällt kopfüber den Rest der Stufen herunter und bricht sich den Arm.
Ein User postet bei Facebook ein Bild mit frierenden Flüchtlingen in verschneiten Zelten, äußert Mitleid und mahnt zu Menschlichkeit im Umgang mit ihnen. Darunter haben Freunde „gefällt mir“ geklickt, andere aber beleidigende, menschenverachtende Kommentare eingestellt. Viele Politiker, ehrenamtliche Helfer und Hilfswerke können von Hassmails ein Lied singen. Was ihnen Mitmenschen verbal an den Kopf knallen, zermürbt. Da braucht es ein sehr dickes Fell. In Bocholt ist vor einigen Wochen der Lokalpolitiker Thomas Purwin als Vorsitzender der SPD zurückgetreten, um seine Familie zu schützen. Mittlerweile waren die hässlichen Drohungen auch an seine Lebensgefährtin und seine Tochter adressiert. Im letzten November wurde der Sprecher des Landesvorstands der sächsischen Grünen, Jürgen Kasek, in einem Regionalzug von rechten Hooligans angegriffen. Er erhält Morddrohungen.
Verhaltensweisen, die erschrecken: Rücksichtslosigkeit, überflüssige Gewalt an Unschuldigen, psychischer Terror. Natürlich: Es gibt daneben auch wunderbare Beispiele gelingenden Zusammenlebens. Aber bei den Berichten oben kommen Zweifel, ob wir noch von einer zivilisierten Gesellschaft sprechen können. Der Respekt vor der Person, vor jedem Menschen – eine Errungenschaft, für die Generationen gekämpft haben – scheint abhanden zu kommen.
Die Würde des Menschen ist unantastbar. Die Freiheit der Person – des Glaubens, der Weltanschauung, der Meinungsäußerung – ist unverletzlich. Niemand darf wegen seines Geschlechts, seiner sozialen oder nationalen Herkunft, seiner Sprache, seines religiösen oder politischen Bekenntnisses benachteiligt oder bevorzugt werden. Diese Grundrechte sichern die Allgemeine Erklärung der Menschenrechte der Vereinten Nationen sowie das Grundgesetz und die Bundesverfassungen unserer Nationen jeder Bürgerin, jedem Bürger zu. Die Philosophie der Aufklärung hat sie mit geprägt, aber ihre Wurzeln reichen bis in die Antike, bis zu den Anfängen von Judentum und Christentum zurück. Warum werden diese Rechte immer mehr mit Füßen getreten?
Weitere Lebensbereiche, in denen die Menschenwürde bedroht ist? Wir können an Abtreibungen denken, vielfältige Formen des Menschenhandels, kennen vielleicht Fälle respektloser Behandlung von Menschen mit Krankheiten, Behinderungen oder Pflegebedarf. Casting- oder sogenannte Reality-Shows im Fernsehen leben davon, dass Mitbürger ihre Privatsphäre aufgeben und sich in der Hoffnung auf Ruhm oder Geld einer voyeuristischen Öffentlichkeit preisgeben. Welches Menschenbild haben die Macher, die Zuschauer? Hier wird Not ausgenutzt, Persönlichkeitssphäre verletzt, werden Menschen vorgeführt, um Emotionen zu produzieren.
Aufgrund ihrer Wurzeln wundert es nicht, dass sich die gesetzlich verbürgte Menschenwürde mit der christlichen Sicht des Menschen deckt. Gott schuf ihn als sein Abbild, heißt es in der biblischen Schöpfungsgeschichte 1. Der Mensch ist für ihn ein Gegenüber. Auch wenn Gott immer Gott bleibt, begibt er sich auf die Augenhöhe des Menschen, sieht ihn als Partner. Das gibt dem Menschen eine unglaubliche Würde.

Ebenso zum Fundament christlichen Glaubens gehört, dass Gott jede Person grenzenlos liebt. Jesus hat dafür mit seinem Verhalten zahlreiche Beispiele gegeben: Wenn er Menschen gesund gemacht oder ihnen zu essen gegeben hat, hat er dafür keine Bedingungen gestellt. Er hat auch keine Unterschiede gemacht nach ethnischer Zugehörigkeit, sozialer Schicht, Geschlecht oder Glaube. Jesus präsentiert Gott als barmherzigen, verzeihenden Vater. Wenn er Vater aller Menschen ist, sind sie untereinander Geschwister. An diesem Verständnis von Gott und vom Menschen richten viele Christen ihr zwischenmenschliches Verhalten aus – sie bemühen sich darum.

Illustration: (c) Archiv NST/elfgenpick

„Jeden lieben“ steht daher auf einer der sechs Seiten eines Würfels, den Kinder der Fokolar-Bewegung morgens oder vor dem gemeinsamen Spiel werfen, um sich an den Worten darauf zu orientieren. Jeden lieben, ohne Ansehen der Person. Chiara Lubich, die 2008 verstorbene Gründerin der Bewegung, hat oft betont, dass die Nächstenliebe niemanden ausschließt: „Sie unterscheidet nicht, ob jemand sympathisch ist oder unsympathisch, mehr oder weniger hübsch, jung oder alt, Landsmann oder Fremder, ob er zur selben Kirche gehört oder nicht, dieselbe Religion oder eine andere hat. Die Liebe, die Jesus meint, gilt allen.“ 2
Die Kinder wie auch die Erwachsenen verstehen unter „lieben“ nicht bloß ein Gefühl, sondern tätige Zuwendung: Jede Person mitspielen lassen, trösten, wenn sie weint, sich mit ihr freuen, helfen, wenn sie Unterstützung braucht. Das ist aktiv, das ist mehr als Respekt, der auch eine distanzierte Haltung bleiben kann. Lubich geht so weit zu sagen: „Der Nächste ist ein anderes ‚du selbst’“. Ein Gedanke, den vor ihr schon der indische Widerstandskämpfer und Pazifist Mahatma Gandhi hatte: „Du und ich: Wir sind eins. Ich kann dir nicht wehtun, ohne mich zu verletzen.“
Auf einer anderen Seite des Würfels der „Kunst zu lieben“ steht „Jesus im Nächsten lieben“. Die Aufforderung geht auf die Aussage von Jesus zurück: „Was ihr für einen meiner geringsten Brüder getan habt, das habt ihr mir getan.“ 3 Jesus identifiziert sich mit den Menschen, so gering sie auch angesehen sein mögen. Was ihnen angetan wird, sei es böse oder gut, scheint der Sohn Gottes zu betrachten, als wäre es ihm selbst widerfahren. Auch von dieser Warte hat also jede Person unendlichen Wert, jedes menschliche Leben eine unantastbare – göttliche – Würde. Im Mitmenschen Jesus sehen bedeutet, an das Gute in ihm zu glauben, es zu suchen, wenn es auf den ersten Blick nicht zu sehen oder stark verschüttet ist, und es – mit seiner ganz persönlichen Einzigartigkeit – freizusetzen.
Es geht um eine innere Haltung, um kleine Gesten, um leise Worte, die keine großen Schlagzeilen machen. Sie kommen nicht mit Macht; ihre Kraft steckt im Unscheinbaren. Sie machen Hoffnung, sie können Sinn und Orientierung geben, Veränderung bewirken, Freude verbreiten, sogar ansteckend sein. Zum Runtermachen, zum Hass, zur Ausgrenzung, zur entgrenzten Gewalt sind sie die Gegenbewegung.

1 Genesis 1,27
2 Chiara Lubich, Von der Kunst zu lieben, Verlag Neue Stadt 2004
3 Matthäus 25,40

Clemens Behr

(Erschienen in der gedruckten Neuen Stadt, März/April 2017)
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