Drama Jemen

Im Süden der arabischen Halbinsel spielt sich derzeit eine der größten humanitären Katastrophen ab. Aber die Welt schaut weg.

Macht es für uns einen Unterschied, ob sich 200 000 oder 500 000 Jemeniten mit Cholera angesteckt haben? Hinter jeder Zahl stehen einzelne Personen, Gesichter, Schicksale: Es ist Annemie Immerz, die nachdrücklich daran erinnert. Als ihr Mann Anfang der 1990er-Jahre beruflich im Jemen zu tun hatte, lebte sie drei Jahre mit ihrer Familie dort. Seitdem hat sie das Land und ihre Bewohner ins Herz geschlossen. Aufmerksam verfolgt sie alle Informationen aus dem Jemen. Auf diesem Hintergrund hat sie vor Kurzem bei „Punkt 7“ in der Augsburger St. Anna-Kirche die aussichtslose Lage der Menschen in dem Land skizziert. Nicht einmal zehn Minuten lang war ihr Vortrag. Die Zuhörer waren aufgewühlt, sprachlos. Sie brauchten einige Zeit, bis sie ihr Mitgefühl für das Leid des Volkes in Fürbitten kleiden konnten.
„Punkt 7“ gibt es seit Oktober 2014 am 7. jeden Monats um 19 Uhr. Die evangelische St. Anna-, die katholische St. Moritz-Gemeinde, die Citykirchenarbeit beider Konfessionen und die Fokolar-Bewegung in Augsburg laden dazu ein. Dreißig bis hundert Menschen nehmen sich dann eine halbe Stunde Zeit für die Nöte der Welt. Ob es um die Ebola-Epidemie, Syrien, Südsudan, die Armut in der eigenen Stadt, Flüchtlinge oder Frauenhandel geht: Sie wollen mit den Leidenden solidarisch sein. „Augsburg betet für den Frieden“ ist das Motto.
Flüchtlinge aus dem Jemen? Gibt es bisher nicht in Europa. Sie hätten gar nicht das Geld, sich auf den Weg zu machen, ist Annemie Immerz überzeugt. „Der Jemen besitzt zwar Erdölvorkommen. Der Erlös kommt jedoch nicht bei der Bevölkerung an, sondern versickert in dunklen Kanälen.“ Schon zur Zeit ihres Aufenthalts standen unglaublich viele Bettler an den Straßenkreuzungen, erinnert sie sich. „Ein Einkauf im bescheidenen Supermarkt brachte uns immer in Gewissenskonflikte, da wir von einer Schar hungriger Kinder umringt wurden, die die Hände aufhielten.“ Annemie Immerz hätte sie gern gewaschen, mit Kleidung und einer guten Mahlzeit versorgt, auch wenn das am großen Elend kaum etwas geändert hätte. „Wildfremde Menschen sprachen uns Europäer auf der Straße an und baten um Medikamente. Für Krankheiten, die Ärzte bei uns nur noch aus Lehrbüchern kennen.“
Mittlerweile tobt im Jemen ein erbarmungsloser Krieg. „Familien verkaufen ihre Töchter in Ehen, nur um sie nicht mehr durchfüttern zu müssen.“ Unvorstellbare Armut und Krieg prallen aufeinander, mit verheerenden Folgen. Nahrungsmangel schwächt die Widerstandsfähigkeit, Unmengen von Müll liegen auf den Straßen, es mangelt an Trinkwasser: Bedingungen, unter denen Seuchen wie Cholera gedeihen. Die Durchfallerkrankung ist an sich mit einfachen Mitteln behandelbar. „Aber die Krankenhäuser, die noch arbeiten, sind heillos überfüllt, die hygienischen Zustände unerträglich“, weiß Annemie Immerz. „Medizinisch fehlt es an allem.“ Dabei hatte die Weltgesundheitsorganisation WHO schon 2015 gewarnt, das Gesundheitssystem stehe kurz vor dem Kollaps.
2013 brach ein Bürgerkrieg aus, der sich später aufgrund internationaler Beteiligung ausweitete. Wie kam es dazu? Ein Blick in die Zeit davor: Die Republik Jemen entstand 1990 durch die Vereinigung der Arabischen Republik Jemen und der Demokratischen Volksrepublik Jemen. Als 1994 vorübergehend ein Krieg zwischen beiden Teilen entbrannte, musste Familie Immerz das Land verlassen. Mit dem sogenannten „Arabischen Frühling“ 2011 keimte auch im Jemen neue Hoffnung auf eine Verbesserung der Verhältnisse auf. Zehntausende forderten den Rücktritt des langjährigen Präsidenten Ali Abdullah Saleh. Der trat auch ab, blieb jedoch weiterhin einflussreich. „Es gab Hoffnung, dass das Land nicht erneut in einen Krieg abrutscht“, erinnert sich Annemie Immerz. „Denn in Zusammenarbeit mit den Vereinten Nationen wurde ein Zukunftsplan erstellt und eine Übergangsregierung unter Abed Rabbu Mansur Hadi gebildet, der inzwischen im Exil in Saudi-Arabien lebt. Und bis 2014 sollten Neuwahlen abgehalten und eine neue Verfassung ausgearbeitet werden. Doch nichts davon geschah.“
Die Stämme aus dem Norden des Landes standen der Zentralregierung in der Hauptstadt Sanaa schon immer feindselig gegenüber. Aus dem Norden stammen auch die Huthi. Sie gehören den Zaiditen an, einer schiitischen Gruppierung mit eigener Rechtsschule, und bilden eine politisch-religiöse Bewegung mit einer bewaffneten Miliz. „Sie nutzten die chaotische Situation aus, um Sanaa zu erobern und die Regierung zu stürzen“, erzählt Annemie Immerz. „Dabei bekamen sie von der Bevölkerung, die ohnehin von der Politik mehr als enttäuscht war, viel Unterstützung.“
Den Huthi greift der schiitisch geprägte Iran unter die Arme. Sie kämpfen mit Anhängern von Ex-Präsident Saleh und einem jemenitischen Al Kaida-Ableger. Als die Rebellen auch die  provisorische Hauptstadt Aden einzunehmen drohten, griff das sunnitisch-wahabitische Saudi-Arabien unter Mitwirkung mehrerer Staaten zugunsten von Staatspräsident Hadi und Regierungschef Chalid Bahah ein. Die militärische Offensive „Sturm der Entschlossenheit“ begann am 25. März 2015. Damit bombardiere eines der reichsten Länder der Welt eines der ärmsten, kommentiert der Journalist Jürgen Stryjak im Deutschlandfunk. Seitdem haben sich die Lebensbedingungen weiter verschlimmert. Hinter Saudi-Arabien steht eine Allianz, zu der die USA, Frankreich, Großbritannien, Katar und die Vereinigten Arabischen Emirate gehören.

Das saudische Militär wirft Cluster- oder Streubomben, von denen viele nicht sofort explodieren. Aufgrund von Blindgängern im Boden können Landwirte ihre Felder nicht mehr bestellen. Die Luftangriffe, die Stellungen von Huthi-Rebellen treffen sollen, zerstören auch Wohngebiete und Versorgungseinrichtungen. „Pflegepersonal, Ärzte und Angestellte im öffentlichen Dienst haben seit Monaten kein Gehalt bekommen“, berichtet Annemie Immerz. „Der Streik der Müllabfuhr führt zu unglaublichen Bergen von Abfall.“ Die Cholera greift um sich und Millionen Jemeniten leiden Hunger. „Viele flüchten über das Rote Meer nach Somalia, berüchtigt für Kämpfe, blutige Anschläge, Piraterie und radikale Islamisten. Früher war es der Jemen, der verzweifelte Flüchtlinge aus Somalia aufnahm.“
Dreiviertel der Bevölkerung braucht dringend humanitäre Hilfe. Über zwei Millionen Kinder sind akut unterernährt. Der Flughafen der Hauptstadt wurde vor einem Jahr geschlossen. Die Seeblockade der Saudis tut ihr Übriges, um die Gütereinfuhr zu behindern. Verkehrswege und Stromversorgung sind in desolatem Zustand. Die schlechte Infrastruktur und die Bombardements machen es Hilfsorganisationen wie Care International, Oxfam, Ärzte ohne Grenzen und Internationalem Roten Kreuz enorm schwer, Hilfsgüter ins Land zu bringen, Kranke zu versorgen und gegen die Seuche vorzugehen. Ihr Personal arbeitet häufig unter Lebensgefahr.
Die größte Cholera-Epidemie seit Langem, urteilt Peter Maurer. Der Schweizer ist Präsident des Internationalen Komitees vom Roten Kreuz (IKRK). Die Wirtschaft liege am Boden. Medikamente seien unbezahlbar. Wer noch Arbeit hat, bekomme kein Gehalt. Die Menschen seien verzweifelt, berichtete er Ende Juli nach einer einwöchigen Reise in das Kriegsland: „Ich habe Familien getroffen, die gezwungen waren, unmögliche Entscheidungen zu treffen wie entweder Brot, Wasser oder Medizin für ihre Kinder zu kaufen.” Den Kriegsparteien warf er „fundamentale Verletzungen des humanitären Völkerrechts” vor.
Eine der schwersten humanitären Krisen weltweit, sagt die WHO. Doch die Welt schaut weg. Nicht nur die Jemeniten fühlen sich verlassen, auch die freiwilligen Helfer, fasst Jürgen Stryjak im Deutschlandfunk zusammen. Sein Erklärungsversuch, warum sich nichts bewegt: „Nach Jahren der Kriege in Syrien und anderswo herrschen Abstumpfung und Ratlosigkeit.”
Nach Meinung von Experten ist der Krieg im Jemen militärisch nicht zu gewinnen. Eine diplomatische Lösung sei deshalb die einzige Möglichkeit, ihn zu beenden. Aber die Bemühungen um Friedensverhandlungen sind zum Erliegen gekommen. Stattdessen werden Saudi-Arabien, Katar und die Vereinigten Arabischen Emirate weiterhin aus Europa und den USA mit Rüstungsgütern beliefert. Allein Deutschland hat im ersten Quartal 2017 Exporte in Höhe von 130 Millionen Euro an diese Länder genehmigt. Wie absurd!
Clemens Behr

Jemen
Fläche: 528 000 km² – etwa wie Spanien oder Frankreich
Einwohner: 28 Millionen
Hauptstadt: Sanaa mit 2,5 Millionen Einwohnern liegt in 2 200 m Höhe

(Erschienen in der gedruckten Neuen Stadt, September/Oktober 2017)
Ihre Meinung interessiert uns, schreiben Sie uns! Anschrift und E-Mail finden Sie unter Kontakt