Räume öffnen, Weite gewinnen

Menschen zu (Lebens-)Entscheidungen befähigen, ist dem Priester Wolfgang Schneck ein zentrales Anliegen. Wie er das lebt.

Bei Lebensentscheidungen war es mir immer wichtig, den Rat eines erfahrenen Menschen einzuholen. Früher nannte man solche Ratgeber Seelen-Führer. Dahinter steckt der Gedanke, dass Menschen Erfahrungen gemacht haben und als Beispiel anderen vorangehen und Rat geben können.

Pfr. Wolfgang Schneck – Foto: privat

Ich selbst habe 1997 – schon Pfarrer – eine fundamentale Erfahrung gemacht. Bei einem psychologisch-seelsorgerischen Kurs in Brasilien habe ich erfahren, dass letztlich alle Lösungen in mir stecken. Allerdings musste ich frei werden von Blockaden, Groll und manchem, was ich in mich hineingestopft hatte. Ich habe lernen können, wie ich die innere Freiheit und Würde im Hier und Heute immer wieder erringen kann. Fachliche Begleitung brauche ich jetzt nur, wenn ich von allein meine Mitte – Christus – nicht erreiche.
Nach dieser Selbsterfahrung hat sich manches in der Seelsorge geändert. Ich habe zum Beispiel bei Kommunionkindern nicht mehr so viel Wert auf das kognitive Lernen gelegt, sondern Wege gesucht, wie ich mit ihnen – als einzelne und als Gruppe – in die Personen-Mitte, in ihre Seelentiefe finden konnte. Ich merkte bald, dass Begleiten gegenseitig wurde. Ich habe viel von Kindern, Jugendlichen und später Erwachsenen lernen dürfen. Sie sind mir zu Ratgebern geworden.
Besonders im seelsorglichen Gebiet und wo es um Gewissensentscheidungen oder Lebensrichtungen geht, helfen Kriterien. Wir Christen sagen: „Ich will mich an Gott orientieren.“ Konkret rate ich da zu folgenden Schritten: sich für Gott entscheiden; nach dem Willen Gottes fragen; Gesetze und Regeln machen Klarheiten und Grenzen deutlich; die innere Stimme, das Wort Gottes und das der Kirche hören; andere oder eine Gemeinschaft fragen.
Das Gewissen spielt eine wichtige Rolle und bildet sich im Raum von Beziehung. Alle Phasen der Gewissensentfaltung vollziehen sich in Beziehung und Auseinandersetzung mit anderen Menschen. Aber es gibt Engführungen in der Gewissenserziehung: Ein „Du musst alles ganz gut machen!“ kann zu Perfektionismus und Skrupulosität führen; ein „Schau einfach, was dir gut tut!“ zu Chaos und Skrupellosigkeit.
Zur Entscheidung befähigen kann vieles heißen: vom einfachen Zuhören über die fachkundige Beratung bis hin zu therapeutischen Hilfen. Ich versuche, im Gespräch vor allem herauszufinden, was jemanden hindert. Da kann es sich um Situationen in der Vergangenheit handeln, Bindungen an Familienmitglieder oder Druck jeglicher Art; alles, was unfrei macht. Manchmal hilft schon einfach ausschlafen, damit sich Haut- und Muskelengen lösen. Das würde ich aber sowieso tun – und dann erst entscheiden.
Manchmal finde ich Menschen so eng vor. Sie haben sich in irgendetwas verrannt, pflegen ihre Vorurteile und relativ enge Beziehungskreise. Dadurch können sie nicht entscheiden oder sie machen, „was man halt so macht“. Räume öffnen, Weite gewinnen kann man letztlich nur mit dem Anderen, dem Fremden. Das kann ein Begleiter sein, ein Ortswechsel, ein guter Vortrag oder geistliche Tage im Kloster. Mir selbst helfen gute Freunde außerhalb der Pfarrgemeinde, des Berufstandes – und der gesunde Menschenverstand. Und manchmal sage ich zu Gott: „Ich entscheide mich jetzt für diese Richtung. Wenn es falsch ist, lass es mich bitte bis zu einem bestimmten Datum wissen oder spüren.“
Wolfgang Schneck

Wolfgang Schneck,
62, ist seit 1981 katholischer Priester. Nach der Kaplanszeit leitete er die Jugendgemeinschaft „Offenes Seminar“ der Diözese Augsburg und war dann Stadtpfarrer in Mindelheim. Sechs Jahre war er am Zentrum für Priester und Diakone der Fokolar-Bewegung in Grottaferrata bei Rom. Seit 2012 ist er Pfarrer in Dillingen/Donau.

 

(Erschienen in der gedruckten Neuen Stadt, November/Dezember 2017)
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