Aufeinander zugehen: Muss das sein?

Wie sich unsere Welt verändert, warum sich die Kirchen für Muslime interessieren und was Dialog bedeuten kann.

1961 bemühte sich Deutschland, 1964 Österreich um türkische „Gastarbeiter“. Später wurden mit Marokko und Tunesien Anwerbeabkommmen unterzeichnet. In den 1980er- und 1990er-Jahren kamen muslimische Flüchtlinge aus dem Iran, Afghanistan, Bosnien und dem Kosovo, in den letzten Jahren verstärkt aus Syrien, dem Irak und afrikanischen Staaten. Heute wird der Anteil der Muslime an der Bevölkerung in der Schweiz auf über fünf, in Deutschland auf fünf bis sieben, in Österreich auf acht Prozent geschätzt.
Der Terroranschlag 2001 in New York und der zunehmende islamistische Terrorismus haben bei vielen Menschen starke Vorbehalte gegenüber der islamischen Religion ausgelöst. Wer keine direkten Kontakte zu Muslimen hat, kennt „den Islam“ häufig nur aus den Medien oder vom Hörensagen, aus europäischer Perspektive vermittelt und bewertet. Dabei lassen sich Politik, Kultur und Religion nicht sauber trennen. Was leicht dazu führt, dass wir für Religion halten, was kulturell bedingt ist oder politisch instrumentalisiert wird. Manche Mitbürger haben Angst, dass der Islam in unseren Breiten überhandnehmen und die religiöse und kulturelle Landschaft komplett verändern könnte, bis dahin, dass sie jeglichen Dialog ablehnen.
Islam ist nicht gleich Islam. Wie Christen haben auch Muslime strengere oder laxere Bindungen an ihre Religion oder gehören ihr nur pro forma an. Je nach Herkunft sind sie unterschiedlich geprägt und folgen verschiedenen Strömungen und Traditionen, von denen die der Schiiten und Sunniten nur die geläufigsten sind. Wer das Gespräch mit Muslimen sucht, sollte sich dieser Vielfalt bewusst sein. Dass sich manche Richtungen feindselig gegenüberstehen, erschwert Dialog.
Ein friedliches, tragfähiges Miteinander ist notwendig, damit die Menschheit überleben kann. Aber es entsteht nicht von selbst. Auch unabhängig von einer religiösen Zugehörigkeit gilt: Dazu braucht es ein Mindestmaß an gegenseitigem Kennen, an Begegnung und Gespräch.
Religion muss dabei gar nicht unbedingt Thema sein, meint der langjährige Präsident des Päpstlichen Rates für den Interreligiösen Dialog, Kardinal Francis Arinze: Jeder, der mit Gläubigen einer anderen Religion zu tun hat, könne den Dialog des Lebens praktizieren, schreibt er 1. Darunter versteht er alltägliche Begegnungen in gegenseitiger Offenheit, das Teilen von Plänen, Belangen, Hoffnungen und Sorgen. Werte und Traditionen träten dabei von selbst in Beziehung.
Arinze unterscheidet vier Formen interreligiösen Dialogs. Arbeiten Christen und Gläubige anderer Religionen konkret zusammen, setzen sie den Dialog des Handelns um. Suchen Experten das sachliche Gespräch über ihren Glauben und ihr religiöses Erbe, nennt Arinze das den Dialog des theologischen Austausches. Dazu gehöre, dass sie versuchen, die andere Religion von innen her zu verstehen. Beim Dialog der religiösen Erfahrung teilen Gläubige miteinander, wie sie meditieren, beten und nach Gott oder dem Absoluten suchen. Sie sollten tief in ihrer Tradition verwurzelt und gut vorbereitet sein. – Arinze zufolge schließen die vier Formen einander nicht aus. Er kommt zum Schluss, dass bei jeder Begegnung zwischen Menschen unterschiedlichen Glaubens Dialog möglich sein muss.
So groß war die Bereitschaft der Kirchen, mit Vertretern anderer Religionen auf Augenhöhe zu reden, nicht immer. Lange Zeit haben sie Juden, Muslime und Angehörige anderer Glaubensrichtungen bekämpft. Nach der systematischen Ermordung der Juden im Zweiten Weltkrieg erkannten sie, dass ihre Lehren zur Entwicklung von Hass und Gewalt beigetragen hatten. Das hat ein Umdenken ausgelöst, das sich auch in den Ergebnissen des Zweiten Vatikanischen Konzils niederschlug. „Die Katholische Kirche lehnt nichts von alledem ab, was in anderen Religionen wahr und heilig ist“, heißt es 1965 in der Erklärung „Nostra Aetate – In unserer Zeit“. Der Abschnitt zum Islam endet mit dem Aufruf, Zwistigkeiten und Feindschaften „beiseitezulassen, sich aufrichtig um gegenseitiges Verstehen zu bemühen und gemeinsam einzutreten für Schutz und Förderung der sozialen Gerechtigkeit, der sittlichen Güter und nicht zuletzt des Friedens und der Freiheit für alle Menschen.“
Zum Umdenken beigetragen hat auch eine Neubesinnung darauf, dass Gott alle Menschen geschaffen hat und liebt. Mit der Schlussfolgerung, dass sie sich trotz der Unterschiede auch untereinander um gute Beziehungen bemühen sollten.
Keiner behauptet, Dialog sei leicht. Es gibt Fettnäpfchen, Hindernisse, Rückschläge wie in jeder Beziehung. Denn das ist Dialog vor allem: Beziehung, Begegnung. Hören und sich mitteilen, aktiv sich einbringen auf beiden Seiten. Dabei treten sowohl Unterschiede als auch Gemeinsamkeiten zutage: bei Überzeugungen und Glaubensvollzügen, ethischen Fragen und im sozialen Engagement. Voraussetzung ist ein Klima der Freiheit und Offenheit. Ohne die Basis einer gegenseitigen Wertschätzung wird es nur schwer dazu kommen.
Vor allem in Dokumenten der protestantischen Kirchen drückt sich das Ringen der Christen aus, wie Bekenntnis, Verkündigung und Mission in der Beziehung zu anderen Religionen zu gestalten sind. Im Dialog wird bewusst darauf verzichtet, den anderen für die eigene Religion gewinnen zu wollen. Das gibt den Beteiligten Sicherheit und schafft Vertrauen, heißt aber nicht etwa, dass der Dialog eine Relativierung oder Vereinheitlichung der Religionen anstrebt. Im Gegenteil, hilfreich und fruchtbar kann er vor allem dann sein, wenn beide Partner in ihrer religiösen Identität gefestigt sind.
Auf dieser Basis führt auch die Fokolar-Bewegung Dialog zwischen Christen und Muslimen. Auf den folgenden Seiten berücksichtigen wir vor allem ihren Zugang und ihre Erfahrungen im deutschsprachigen Raum. Damit schöpfen wir das Thema lange nicht aus. Es wäre interessant, auch Muslime selbst zu Wort kommen zu lassen. Wir hoffen, Ihnen trotz dieser Beschränkungen nachdenkenswerte und lebensnahe Impulse zu geben.
Clemens Behr

1 Francis Arinze: „Begegnung mit Menschen anderen Glaubens. Den interreligiösen Dialog verstehen und gestalten.“ Verlag Neue Stadt 1999

(Erschienen in der gedruckten Neuen Stadt, März/April 2018)
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