Die Überraschung, was wächst.

Einfache Gesten, die Neugier auf den anderen und der Wunsch, Beziehung zu leben: Für Hedy Lipburger nährt sich daraus jeder Dialog.

Grundsätzlich hat für mich Dialog nicht unbedingt mit Sprechen und Auseinandersetzen zu tun. Für mich ist er die Überraschung, was aus einfachen Gesten konkreter Hilfe und Aufmerksamkeit entstehen kann. So konnte ich nicht einfach zuschauen, als in der Pfarre in unserer Nachbarschaft 250 Menschen bei der Lebensmittelausgabe anstanden; darunter viele Flüchtlinge. Die neu Angekommen aus Syrien luden wir in den Pfarrsaal ein. Es waren 40. Alle wollten uns Adressen geben, fragten nach Deutschkursen. Wir waren überfordert. Ganz spontan kam mir, alles Gott anzuvertrauen und ihn zu bitten, uns den Weg zu zeigen. Tatsächlich entwickelten sich in kürzester Zeit viele Dinge. Wir schufen Räume der Begegnung, kamen mit einigen ins Gespräch, machten Ausflüge, ließen sie in Haus und Garten helfen, besuchten sie im Flüchtlingsheim und luden sie zum Essen ein.
Das Wichtigste war die persönliche Beziehung, die Wertschätzung. Menschheitsfamilie wird für mich fassbar, wenn ein junger Muslim, der nach 20 Monaten in den Irak abgeschoben wurde, schreibt: „Hallo, meine Freunde! Ich danke meinem Gott, dass Er mir die Chance gegeben hat, Euch kennenzulernen und mir den richtigen Weg für mein Leben gezeigt hat. Ich habe von Euch die Bedeutung von Freundschaft und vom gegenseitigen Helfen gelernt: kurzum zu lieben und geliebt zu werden. Ich danke Euch, dass ich Teil von Euch sein kann.“

Ich habe große Achtung vor einer anderen Religion und begegne den Gläubigen „auf Zehenspitzen“: Mir ist bewusst, dass sie einen großen Reichtum in sich tragen, den ich behutsam entdecken kann. In erster Linie möchte ich auf sie eingehen und zeige ihnen meine Freude, sie kennenlernen zu können. Dabei frage ich mich oft, was mir an ihrer Stelle ein Stück Heimat wäre. So begleitete ich eine Gruppe „unserer Flüchtlinge“ an einem Freitag in die Moschee. Zufällig war genau da zum ersten Mal das große Gebet in der neuen Moschee in Graz. Hinterher sagten sie mir: „Es war ein großartiger Moment für uns. Wir hatten den Eindruck, wir selbst zu sein. So etwas gemeinsam zu erleben, hat uns auch untereinander zusammengeführt. Wir waren sehr glücklich.“

Jede echte Begegnung mit Muslimen hat mich Neues entdecken lassen, mir Freude gegeben. Ich habe sogar den Eindruck, dass ich sie brauche, um meinen Glauben besser zu leben. Aber es gibt natürlich auch Dinge, die für mich schwer verständlich sind. Ich bleibe nicht dabei stehen, denn die Auslegung des Korans ist sehr unterschiedlich je nach Kultur und Bildung. Da ist es nützlich, wenn ich von Muslimen, die im Glauben verwurzelt und offen sind, die Hintergründe erfahre.
Obwohl ich meist mit Männern zu tun hatte, war es nie eine Schwierigkeit – vielleicht, weil ich ihre Mutter oder Großmutter sein könnte. Sie haben großen Respekt für die ältere Generation.
Den meisten Gegenwind spüre ich in unserer Gesellschaft von Menschen, die kaum oder gar keinen direkten Kontakt mit Muslimen haben und ihre Meinung aus den Medien haben. Es ist fast wie eine ansteckende Krankheit. Globale Verurteilungen sind für mich schwer zu ertragen. Ich habe mich nie lange damit aufgehalten. Am Dialog halte ich fest, weil er lebensnotwendig ist für ein friedliches Zusammenleben. Und ich könnte nicht ertragen, dass jemand wegen einer anderen Religion verachtet wird.

Hedy Lipburger
Jg. 1948, pensionierte Sprachtherapeutin aus Vorarlberg, lebt derzeit in Genf. Ihre Entscheidung für Gott und das Leben in einer Fokolargemeinschaft führten sie nach Italien, Deutschland, Singapur, Wien, Linz, Innsbruck und – Graz, wo sie auch die Flüchtlingsströme der vergangenen Jahre miterlebte.

(Erschienen in der gedruckten Neuen Stadt, März/April 2018)
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