Sie sollten damit keinen Erfolg haben!

Wie es ist, von anderen dauerhaft schikaniert zu werden, davon kann Kathrin Utner aus Niederösterreich erzählen. Als Schuldirektorin hat sie am eigenen Leib erfahren, was Mobbing bedeutet.

Zuletzt war Kathrin Utner dreizehn Jahre Direktorin einer Volksschule in Niederösterreich. Und bevor sie letzten August in Pension ging, hatte sie eine Schule, wie sie sich die immer erträumt hatte und einen „so guten Ruf wie nie“. Dem gingen aber heftige Mobbingerfahrungen an ihrer Schule voraus, bis hin zu denunzierenden Medienberichten. Durchgehalten hat sie nur, „weil ich mir auch weiterhin jeden Tag im Spiegel in die Augen schauen wollte und mir immer sicher war, dass Gott mit mir geht, ich nicht allein bin.“
Was Verantwortung bedeutet, weiß die 61-Jährige schon seit ihrer Kindheit. Als älteste von vier Geschwistern und mit einer Mutter, die häufig krank war, „war ich es gewohnt, Dinge zu übernehmen, meine Geschwister zu betreuen und sofort zu springen, wenn einer gejammert hat.“ Und später? „Da habe ich noch während meines Studiums einen Mann geheiratet, der noch engagierter war als ich und noch mehr wollte“, erzählt sie lachend. Weil ihr Mann die Selbstständigkeit anstrebte, war die Familie, die durch die Geburt von vier Kindern wuchs, auch auf das sichere Einkommen von Kathrin Utner angewiesen. Nach dem Studium begann sie als Volksschullehrerin zu arbeiten und landete nach verschiedenen anderen Stationen „in einer ganz kleinen Volksschule; erst mit nur zwei, später vier Klassen. Da habe ich gelernt, jedes Kind individuell zu betrachten und mich immer wieder zu fragen, was ich mir noch aneignen kann, um den Kindern besser zu helfen.“
Kathrin Utner war beliebt. „Man hat dort gespürt, dass ich immer kindorientiert gearbeitet habe.“ Daran lag ihr auch aufgrund ihrer persönlichen Erfahrung: „Drei meiner vier Kinder hatten eine ausgeprägte Lese-Rechtschreib-Schwäche. Ich hatte erlebt, dass man mit solchen Kindern ungleich anders arbeiten muss: mit viel mehr Unterstützung und viel mehr Übungen.“ Klar, dass sie so auch in der Schule viel Verständnis für Kinder mit Schwächen aufbrachte. „Mein Fokus war immer: Wie kann ich einem schwachen Kind helfen zu entdecken, was es noch alles kann.“
Nach zehn Jahren fragte sich die engagierte Lehrerin, ob es nicht an der Zeit war, etwas Neues auszuprobieren. Nach Gesprächen mit ihrem Mann und den Kindern – die jüngste Tochter war inzwischen 15 – bewarb sie sich für eine Leiterstelle an einer Volksschule – und wurde auch wirklich zum zweiteiligen „Hearing“ eingeladen. Alles lief gut. Danach: abwarten. In diesen Wochen hat sie sich immer wieder Gott anvertraut: „Wenn er das will, wird es, und sonst ist was anderes dran.“ Aus diesem Vertrauen heraus konnte sie gelassen bleiben. Dann die Überraschung: Kathrin Utner hatte das Rennen gemacht – „obwohl es eher ungewöhnlich ist, dass man bereits beim ersten Mal genommen wird.“
In der neuen Schule hatte die frischgebackene Direktorin dann von Anfang an mit Schwierigkeiten zu kämpfen. Da waren zum einen unterschiedliche Einschätzungen. „Die sahen sich als Eliteschule. Für mich bedeutete das: Eine Schule, auf die viele wollen, weil sie gut ist, die Kinder fördert und ihnen viele Angebote macht. Aber für sie war es: Da gehen die Kinder und Enkel von ‚wichtigen’ Leuten hin.“ Das Lehrerkollegium musste sie wohl „wie die Faust aufs Auge“ empfunden haben. „Die lebten nach dem Motto: Wem es hier nicht passt, der kann gehen. Und gegangen sind die Kinder mit Teilleistungsschwächen.“ Als Kathrin Utner einer Kollegin erklärte, sie habe selbst „solche Kinder“ zu Hause, hat sich das schnell im Lehrkörper verbreitet: „Man machte sich offen lustig darüber.“
Ziemlich rasch wurde die neue Direktorin mit langen Listen ihrer Fehler konfrontiert. „Die wurden auch an alle zuständigen Behörden weitergeleitet.“ Ihr direkter Vorgesetzter war überfordert, schlug aber eine Art Mediation vor. Die fand zwar statt, eskalierte aber schon nach dem ersten Termin. Nach und nach durchschaute Kathrin Utner die Dinge. „Es ging immer von einer Lehrerin aus. Sie hatte zwei, drei Freundinnen und die haben die anderen sozusagen in Geiselhaft genommen. Keiner hätte sich öffentlich gegen diese kleine Gruppe gestellt.“
Diese Kolleginnen trafen sich – wie sie dann mitbekam – noch regelmäßig mit Utners Vorgängerin. Jedes Mal wenn sie von einer solchen Begegnung zurückkamen, „nahmen die Bosheiten in der Schule wieder zu.“ Es gab Störaktionen gegen die Schulleiterin, man provozierte „Schreiduelle“ auf dem Gang, damit es viele mitbekamen. Behauptungen wurden Fakt, auch wenn sie nicht der Wahrheit entsprachen. Alles zielte darauf ab, die Atmosphäre zu vergiften und dann darauf hinzuweisen, wie furchtbar die Direktorin und wie schlimm die Situation an der Schule sei.

Selbst Eltern wurden geschickt miteinbezogen. Es gab nämlich keinen Elternverein. „In jeder Klasse haben Lehrerinnen sich aber Freundschaften mit Eltern erlaubt, die dann das Sagen hatten.“ Alle anderen hatten keine Wahl. Entweder sie waren stille Mitläufer oder sie wurden so lange gemobbt, bis sie mit ihren Kindern die Schule wechselten. „Das war eine regelrechte Strategie.“ Und die wurde auch Kolleginnen gegenüber angewandt bis hin zur Direktorin. Die Signale waren deutlich: „Du passt hier nicht hin, also geh!“
Eine aufreibende Zeit. Nach ihrem ersten Leitungsjahr saß Kathrin Utner dann einmal ziemlich ausgelaugt in der Kirche. „Ich habe zu Jesus gesagt: Warum? Warum ist das so? Warum hast du mich da hingeschickt und was willst du von mir?“ Bei der Erinnerung an diesen Moment bricht der so stark wirkenden Frau auch nach Jahren fast noch die Stimme. Damals hatte sie das Gefühl, als würde Jesus ihr sagen: „Ich brauche dich da für die Kinder!“ Utner empfand das wie einen Auftrag. „Von da an habe ich angefangen, meinen Fokus komplett auf die Kinder zu legen. Vor allem auf die, die von den Lehrerinnen gezielt fertiggemacht wurden, weil sie schwach waren oder Defizite hatten.“ Kathrin Utner schaute sich jede Situation ganz genau an und legte dann oft ihr Veto ein: „Ich trag das nicht mit.“ Oder: „Das Kind hat ein anderes Potenzial, das man nützen könnte.“
Oft schickten ihr die Lehrerinnen Kinder in die Direktion, um sie so vor der Klasse bloßzustellen. Kathrin Utner hörte den Kindern zu. Dann fragte sie: „Schaffst du es, wieder in die Klasse zurückzugehen? – Einmal hat ein Bub dann gesagt: Lass mich noch ein wenig hier bei dir sitzen.“ Weil die Lehrerinnen merkten, dass sie mit dieser Methode bei der Direktorin nicht landen konnten, haben sie dann aber nach anderen Möglichkeiten gesucht – und die Kinder vor der Klasse oder auf dem Gang „fertiggemacht“. Wenn Utner dazukam, „habe ich mich einfach dazugestellt. Kein Wort gesagt. Das war eine sehr gute Strategie, weil sie dann sofort aufgehört haben.“ Und die Kinder merkten, dass jemand für sie eintrat. Das dankten sie ihrer Direktorin – indem sie ihr hin und wieder eine Schokolade schenkten oder eine Zeichnung brachten. „Für mich war das, als wollte mein Schutzengel mir damit Trost spenden.“

Wenn Kathrin Utner erzählt, fragt man sich, wie sie diese schwierige Zeit durchgestanden hat. Zum einen, so sagt sie, weil sie immer das Vertrauen hatte, dass Gott mit ihr geht, und zum anderen, weil es nach und nach auch Zuspruch von außen gab. Vor allem die Personalvertretung fing an, ihr gute Tipps zu geben, etwa wie sie eine Konferenz möglichst störungsfrei führen könnte. „Denn jede war mit Störaktionen gespickt und mit persönlichen Angriffen sowie Behauptungen.“ Utner führte Gesprächsregeln ein und achtete auf die Einhaltung. „Weil sie gewohnt waren, nur mit Vorwürfen zu arbeiten, habe ich nur noch Ich-Botschaften zugelassen.“ Fast kämpferisch fügt sie hinzu: „Und ich wollte in jedem Fall verhindern, dass sie mit ihrer Strategie Erfolg hatten. Sonst hätten sie die immer wieder angewandt, egal wer nach mir gekommen wäre.“
Nach etwa vier Jahren haben einige Lehrer angefangen, sich versetzen zu lassen; aber auch das nicht einfach nur so. Medien wurden informiert, dass sie so unglücklich seien; dass Frau Direktorin Utner – mit Foto und Namen – eine unfähige Leiterin sei, die Eltern, Kindern und Lehrern das Leben schwer mache; klassenweise wolle man die Schule verlassen. Auch wenn das alles nicht stimmte, belastete das die ganze Familie Utner sehr. Eine für alle ziemlich herausfordernde Situation. Nicht zuletzt das führte auch zu einer heftigen Ehekrise; „mein Mann hatte schon vorher nicht verstanden, warum ich das alles so lange ertragen hatte. Nun eskalierte es.“ Kathrin Utner sagt von dieser Zeit heute: „Ich selbst war wie unter einer Glashaube und hatte das Gefühl, dass die Berichte gar nicht ganz an mich herankamen. Und ich hatte ein unglaubliches Vertrauen darauf, dass Gott mich führt und schützt.“ Aber, so fügt sie auch hinzu, weil sie sich nun auch mehr darum kümmerte, ihre Ehe zu retten, und sich mehr der Familie widmete, konnte sie auch gar nicht alles an sich heranlassen.
Kathrin Utner hat einen Satz aus dem Evangelium, der für sie und ihr Engagement – nicht nur in der Schule – immer wie eine Leitschnur war: „Es gibt keine größere Liebe, als wenn einer sein Leben hingibt für seine Freunde.“ (Johannes 15,13) In diesen schwierigen Jahren hat sie aber auch noch einen anderen für sich entdeckt: „Vergib ihnen, denn sie wissen nicht, was sie tun.“ (Lukas 23,34) Weil sie spürte, wie wichtig es für sie selbst war, dass sie den Kolleginnen immer wieder neu begegnete, sie jeden Tag mit neuen Augen sah, wurde ihr dieses Gebet sehr wichtig. „Denn Boshaftigkeit kann ich eigentlich nur einer nachsagen. Die anderen wussten einfach nicht, was sie mit ihrem Verhalten bewirkt haben.“ Kathrin Utner ist davon überzeugt, dass diese Haltung für sie selbst zu einer Art Schutz wurde und gleichzeitig die anderen in gewisser Weise „entwaffnet“ hat: „Die haben ja fest darauf gesetzt, dass sie mich mit ihrem Verhalten provozieren könnten und ich dann ausraste“.
Fünf Lehrer sind gegangen. „Die waren weg und es ist Ruhe eingekehrt!“ Heute weiß Utner, dass einer ihrer Vorgesetzten sich diskret aber entschieden im Hintergrund eingemischt hatte, sich die entsprechenden Personen „vorgeladen“ hatte. Das Klima an der Schule änderte sich völlig. Gemeinsam mit dem neuen Kollegium konnte sie nun jene Schule verwirklichen, die sie sich in einem Kurs zur Vorbereitung auf ihre Leitungsaufgabe „erträumt“ hatte: einen Ort, wo die Kinder im Mittelpunkt stehen, wo alle Schulpartner zusammenarbeiten, um das Optimale aus dem Kind herauszuholen; wo man dem Kind mitgibt: ‚Schau, du hast deine Fähigkeiten, du bist ein wertvoller Mensch, egal wie deine Leistungen ausschauen!’
Gabi Ballweg

(Erschienen in der gedruckten Neuen Stadt, März/April 2018)
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