Mit Mut und Weitsicht

Der italienische Arzt Giuseppe Santanché – Clari – war einer der Pioniere der Fokolar-Bewegung in der DDR. Seine Unerschrockenheit war für viele Ansporn, sich die Spiritualität der Einheit auch unter schwierigen Umständen zu eigen zu machen.

„Der 13. Mai war immer ein ganz besonderer Tag für uns, die wir in Ostdeutschland die Fokolar-Bewegung kannten.“ Monika Mayerhofer schreibt das 2013 in einem Brief an Giuseppe Santanché. Sie unterstreicht damit die Bedeutung jenes Tages, an dem dieser 1961 zusammen mit einem anderen italienischen Arzt nach Leipzig gekommen war. Bereits einige Jahre zuvor hatte der damals 36-jährige Anästhesist die entstehende Fokolar-Bewegung in Italien kennengelernt und dort in verschiedenen Fokolargemeinschaften gelebt.

Giuseppe Santanché – Clari / Alle Fotos: privat

Was brachte ihn dazu, in den Osten zu ziehen, wo doch die gesellschaftlichen Umstände in den Monaten und Jahren zuvor viele – auch Christen – bewogen hatten, wegzugehen? Dass da jemand kam und nicht nur sein „warmes sonniges Heimatland gegen den kalten Norden“ eintauschte, sondern auch noch „für die paar Pfennige“ freiwillig in einer schwierigen politischen Situation leben und arbeiten wollte, wo er „doch im Westen das Doppelte und Dreifache hätte kriegen können“, war nicht selbstverständlich. Es erregte Aufmerksamkeit bei den neuen Kollegen am St. Elisabeth Krankenhaus in Leipzig, löste Skepsis und Fragen aus bei der Stasi 1und rief Bewunderung und Dankbarkeit hervor bei den nach und nach gewonnenen neuen Freunden.
Wer war dieser Arzt, der alles verließ und einen Großteil seines Lebens „hinter dem Eisernen Vorhang“ in den Dienst anderer stellte und am 21. September 2018 seinen Lebensweg vollendete? Viele kennzeichnen den Italiener als „charmant“, „mutig“, „intelligent und mit breitem Wissen auf vielen Gebieten“. Er sei „ein Kämpfer“ gewesen, habe eine „starke Persönlichkeit“ gehabt, manchmal „auch überrollend“, „aber fähig zu dienen“.
Giuseppe Santanché, in der Fokolar-Bewegung kurz als Clari bekannt, wurde 1925 als zweites von elf Geschwistern in Ascoli Piceno in Mittelitalien geboren, „in einer Familie mit guter christlicher Tradition“. Die Mutter starb früh und der Vater, ein Militärkommandant, musste sich von nun an allein um die Kinder kümmern, von denen der Jüngste erst zwei Jahre alt war. In der Schule war Giuseppe gut, aber auch immer unter den Ersten, die Streiche anzettelten, und als „kleinen Anführer“ hatten ihn die Lehrer immer schnell im Verdacht. Im Hause Santanché sprach man viel über Politik; „diese Luft atmete ich“, erzählte Clari immer wieder. Er hatte die Schule noch nicht abgeschlossen, als der Zweite Weltkrieg ausbrach. Im Kampf gegen die Faschisten schloss er sich zusammen mit seinem ältesten Bruder den Partisanen an.
Nach Kriegsende schrieb sich Clari in Turin für das Medizinstudium ein. In dieser Zeit bereitete sich Italien gerade auf die ersten Wahlen nach der Zeit des Faschismus vor. Zusammen mit seinem Bruder ging der Student ganz auf im politischen Einsatz und in der Reflektion über Politik. Genau in diese Zeit, zu Beginn der 1950er-Jahre, fällt auch eine Begegnung, „die mein Leben änderte“. Eine seiner Schwestern hatte ihn gebeten, sie zu einem Besuch zu begleiten. „Ich konnte ihr nicht Nein sagen. So landete ich im Fokolar.“ Die drei jungen Frauen und ihr Zusammenleben beeindruckten ihn und er kehrte öfter dorthin zurück. „Von ihnen habe ich gelernt, Kartoffeln zu schälen, bei Tisch zu servieren“ und so „einen total neuen Blickwinkel bekommen. Dabei war es mir nicht neu, von Gott, der Liebe ist, zu sprechen oder den Nächsten als anderes Ich zu sehen. Neu war das Bemühen, dies konsequent in das tägliche Leben umzusetzen.“
Das Übungsfeld dafür war für den Assistenzarzt das Militärkrankenhaus von Turin: „Der Satz ‚Was du dem Geringsten meiner Brüder getan hast, das hast du mir getan’ 2 traf mich mitten ins Herz und drängte mich zu konkreten Taten. Die Welt des Militärs kannte ich von Kindheit an. Und als Stationsarzt hatte ich mich an einen typisch hierarchischen Stil gewöhnt. Jetzt begann ich, den Kranken selbst das Glas Wasser zu reichen, um das sie baten, und es nicht als Befehl an die Schwestern weiterzugeben.“ Viele erinnern sich an eine Szene, die er als Schlüsselerlebnis immer wieder erzählte: „Es war bei einer Visite. Ein Soldat kam herein und beim Ausziehen der Jacke fiel ihm die Brieftasche heraus. In mir spielte sich kurz ein kleiner Kampf ab: ‚Aufheben? – Ein Offizier tut das nicht! – Aber für Gott tätest du es?!’ Ich bückte mich, hob die Brieftasche auf und spürte die Blicke aller auf mich gerichtet. Für mich hatte sich die Welt verändert.“
1952 ging Clari als Anästhesist nach Rom und hielt auch dort den Kontakt mit den Fokolaren. „Das gemeinsame Leben zog mich an und irgendwann spürte ich: ‚Hier muss ich mich ganz einsetzen. Das ist mein Weg.’“ Er sprach mit Chiara Lubich 3 darüber. „Sie sagte mir ganz offen: ‚Wir sind noch nicht vom Heiligen Stuhl anerkannt. Ich lebe immer mit gepackten Koffern. Wenn du das auch möchtest, geh ruhig ins Fokolar. Lerne auch du, immer mit gepackten Koffern zu leben.’“ Angesichts seines weiteren Lebensweges und der zahlreichen Reisen in den Ländern des Ostblocks bezeichneten das einige später augenzwinkernd als „Prophezeiung“.
Bereits seit Ende der 1950er-Jahre hatten einzelne Menschen aus der DDR von der Spiritualität der Einheit erfahren und begonnen, ihr Leben danach auszurichten. Um diese Kontakte zu stärken, war Ende 1959 in Westberlin eine Fokolargemeinschaft entstanden. Diese war schnell zur Anlaufstelle für viele Christen aus dem Osten geworden, die in jenen Jahren noch ohne allzu große Probleme von einer Seite der Grenze zur anderen gelangen konnten. „Als sich das Klima in Deutschland zu ändern begann, spürte man die Gefahr, dass diese Menschen von einem Moment zum anderen abgeschnitten würden“, erinnerte sich Giuseppe Santanché. Aber „die Ansichten über unser ostdeutsches Vorhaben gingen unter uns weit auseinander.“ Keiner konnte ja zu diesem Zeitpunkt abschätzen, wie sich die Situation entwickeln würde, auch nicht, ob man dort dann überhaupt etwas tun oder sagen konnte.

Giuseppe Santanché und Chiara Lubich mit Papst Johannes Paul II.

Nicht zuletzt ermutigt durch ostdeutsche Bischöfe, die um Unterstützung baten, stellten einige Fokolare dann doch einen Einreiseantrag. Und weil Ärzte fehlten, hat auch der Anästhesist Giuseppe Santanché nach wenigen Monaten ein Dauervisum für die DDR bekommen. Zusammen mit Enzo Fondi, ebenfalls Arzt, kamen sie am besagten 13. Mai in Leipzig an. „Am Anfang wohnten wir in zwei Zimmern im Krankenhaus. In der ersten Zeit sollten wir aus Sicherheitsgründen mit keinem unserer Freunde in Verbindung treten. Wir durften nur arbeiten.“
Dass sie das gut taten, bestätigt auch die Tatsache, dass viele von „Dr. Santanché“ zunächst nur durch „wabernde Gerüchte“ auf den Krankenhausfluren hörten, bevor sie ihn kennenlernten. Mit seiner Fachkompetenz „war (er) federführend für dieses Fachgebiet. Sein Engagement für die Patienten war geprägt von Sorgfalt, Hingabe und Ehrfurcht vor dem Leben“, schreibt das Krankenhaus in seinem Nachruf. Im Lauf der Zeit hat er der Abteilung, die er neu aufbaute und ab dem 1. Juni 1962 als Chefarzt leitete, zu einem DDR-weit guten Ruf verholfen.
Nach einigen Monaten erhielten die Fokolare eine Wohnung von der Stadt Leipzig. Drei Zimmer und eine Küche. „Ich schlief trotzdem oft im Krankenhaus, einfach um das Zimmer für die Gäste zu lassen. Wir waren fast nie allein. Es kamen Priester, Jugendliche, Familien, Freunde auf der Durchreise“, erinnerte sich Clari. Dass sie unter ständiger Stasi-Beobachtung standen, hat ihn nicht allzu sehr beeindruckt. Und als dann die Archive geöffnet wurden, zeigte sich, wie sehr sie bewundert worden waren, „weil sie sich durch ausgesprochene Freundlichkeit, Optimismus, Vertrauen und Barmherzigkeit auszeichneten.“

Natalia Dallapiccola (li) im Gespräch mit Giuseppe Santanché (re)

Von Leipzig aus verbreitete sich die Spiritualität der Einheit im ganzen damaligen Ostblock: von Polen nach Ungarn, in die Tschechoslowakei, nach Litauen, Russland bis nach Sibirien und in die Mongolei. Clari war zusammen mit Natalia Dallapiccola, einer der ersten Gefährtinnen Chiara Lubichs, Mittelpunkt des entstehenden Lebens. Oft war er mit seinem Mut und seiner Unerschrockenheit auch treibende Kraft, wenn es um neue Ideen oder gewagte Schritte ging. So ist es wohl auch wesentlich ihm zu verdanken, dass jedes Jahr das große Sommertreffen der Bewegung – die Mariapoli – mit bis zu 1000 Teilnehmern in Erfurt stattfinden konnte, für die DDR, aber auch für die Tschechoslowakei. Er ermutigte die Jugendlichen im Heiligen Jahr 1975, durch die ganze DDR zu reisen und in Pfarrsälen mit Musik und Erfahrungen ihr christliches Leben weiterzugeben. Und einmal setzte er „furchtlos und voller Mut“ alles daran, dass die Fokolarinnen und Fokolare direkt mit Chiara Lubich am Telefon sprechen konnten. „Allein das zu denken, war für uns ein unvorstellbarer Traum. Wir lebten ja in einer politischen Situation, die einen offiziellen Kontakt nach Rom unmöglich machte“, erinnert sich Monika Hohl aus Dresden. „Aber Clari hat es geschafft.“
Trotz aller Höhen kannte aber auch Clari Zweifel und Tiefen. So schrieb er etwa: „Wenn die Aufmerksamkeit für den anderen, für sein Empfinden verloren geht, dann gleitet man ab in einen ‚väterlichen Dirigismus’, der das Leben der Einheit zerstört. Mir ist es oft passiert. So wie damals, bevor ich die Spiritualität kennenlernte. Ich fing wieder an zu kommandieren, zu sagen ‚das macht man so und so’. Es ist nicht schwer, neu zu beginnen, aber wenn man an der Verwirrung festhält, verlässt uns der lebendige Herr.“

Viele der Jugendlichen, die die Bewegung in den 1960er- und 1970er-Jahren im Osten kennengelernt haben, erinnern sich dankbar an Gespräche bei Autofahrten und an gemeinsame Abende, bei denen Clari ihnen half, sich mit ihrem Glauben und ihrem politischen und sozialen Umfeld auseinanderzusetzen: „Durch ihn und seine Visionen lernte ich, daran zu glauben, dass wir etwas verändern können, dass Großes geschehen kann. Er schaute immer schon einen Schritt voraus, vermittelte Weite und neue Dimensionen.“ So schreibt Monika Mayerhofer in ihrem Brief an ihn: „Erst später merkte ich, wie sehr mich diese Begegnungen geprägt haben, auch für das sozialistische Umfeld und den Schulalltag.“
„Als Mensch mit Weltdimension“ reiste Clari viel durch die Länder des Ostblocks und nach dem Fall der Mauer war er von 1989 bis 1998 im Fokolar in Moskau, von wo er bis nach Litauen, Sibirien und in die Mongolei kam. Danach ging er zurück nach Italien, wo er die letzten Jahre seines Lebens am internationalen Zentrum der Bewegung lebte.
Gabi Ballweg

1 Das Ministerium für Staatssicherheit (MfS), auch Staatssicherheitsdienst, war in der Deutschen Demokratischen Republik (DDR) zugleich Nachrichtendienst und Geheimpolizei.
2 vgl. Matthäus 25,40
3 Gründerin der Fokolar-Bewegung und dieser neuen Lebensform in der Kirche, die 1943 in Trient ihren Ursprung hatte.

(Erschienen in der gedruckten Neuen Stadt, November/Dezember 2018)
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