Passiert

Aus dem Leben mit dem Wort 

Ein kleiner Verbesserungsvorschlag zu meiner Gartenarbeit wurmte mich. Ich dachte, es wäre eine Kleinigkeit, diese Verstimmung einfach aus dem Kopf zu bekommen – wie ein Sandkorn, das man aus dem Auge wischt. Ich schaffte es nicht. Es arbeitete in mir und ich musste aufpassen, dass das Sandkorn nicht zu einem Stein wird, den ich dem anderen an den Kopf werfe. Immer mehr Vorwürfe und negative Gedanken. Aber ich spürte, wenn ich meine Wut ausspreche, würde ich den anderen verletzen, obwohl sein Vorschlag gutgemeint war. Ich bat den Heiligen Geist, mir zu helfen und bekam die Kraft, nichts zu sagen. Tage später konnte ich bei einem Spaziergang alles als wertvolle persönliche Erfahrung und nicht als giftigen Vorwurf erzählen.
G.W.

Wenn ich auf mein langes Ordensleben zurückblicke, scheint mir das Wort „Meine Gnade genügt dir“ sehr treffend. Mit Freude bin ich 1960 in unsere Gemeinschaft eingetreten. Doch seit Beginn habe ich mich als begrenzt und unfähig empfunden. Einzig das Vertrauen, dass Er mich berufen hat, hat mich trotz meiner Schwachheit weitergehen und durchhalten lassen. Heute staune ich, wie Gott mich getragen hat. Als kleines Werkzeug durfte ich mich zur Verfügung stellen. Immer wenn ich an meine menschlichen Grenzen kam und nicht mehr weiter wusste, spürte ich später, dass etwas Neues in mir gewachsen ist. So erfüllt mich große Dankbarkeit.
R.Z.

Ich fuhr im Sammeltaxi zur Arbeit, als ein Mechaniker mit einem verschmutzten Overall zustieg, der nicht so gut roch. Das war wohl auch der Grund, weshalb die Dame, die neben mir saß, sich weigerte, ihn neben sich Platz nehmen zu lassen. So entstand ein Streit zwischen den beiden. Noch unschlüssig, ob ich mich neben den Mann setzen sollte oder nicht, erinnerte ich mich, dass Jesus immer dazu aufgefordert hatte, niemanden auszugrenzen, Brücken zu bauen. Daraufhin beschloss ich, auf den Platz neben dem Mechaniker zu wechseln, obwohl ich ein weißes Kleid anhatte. Die Dame war über mein Verhalten erstaunt und der Streit verebbte. Als ich mein Ziel erreicht hatte, ließ es sich der Mechaniker nicht nehmen, meine Fahrtkosten zu bezahlen.
M.C.U. (Nigeria)

Auf der Rückfahrt ging ich in ein leeres Zugabteil. Ich freute mich darauf, eine Stunde Zeit zu haben, noch den einen oder anderen Artikel lesen zu können. Da kam ein Herr in meinem Alter ins Abteil. Er fing gleich an zu plaudern. Immer wieder dachte ich, ich würde lieber lesen, als mit ihm zu sprechen. Aber ich wollte das Gespräch auch nicht abbrechen. So gab ich mir jedes Mal einen inneren Ruck, hörte weiter zu und stellte interessierte Fragen. Nach einer Stunde musste ich aussteigen. Ich hatte nichts gelesen, aber spürte: Ihm hatte es gutgetan, von sich und der vergangenen Zeit erzählen zu können.
W.A.

Das Wort vom November ist eines meiner Lieblingsworte und passt genau: Durch meine Querschnittslähmung bin ich wie ein Baum fest verwurzelt. Deshalb kommen alle Telefonate unserer Gemeinschaft bei mir an, deshalb klopft es ständig an meiner Tür: „Hast du mal einen Moment Zeit?“; „Wo ist der Schlüssel?“; „Hast du ein Kuvert, eine Briefmarke?“ Jedes Mal ist es Jesus, der anklopft! Das ist mir bewusst. Das verhindert Gereizt-sein, Ungeduld, Überdruss und schenkt mir Energie und Motivation, jedes Klopfen so zu leben, als wäre ich nur für dieses eine auf der Welt. Dann vertraue ich auf Jesus, dass er all diese unzusammenhängenden Augenblicke zu einem planvollen Ganzen zusammenfügt. Dazu dient auch das Klopfen meiner „inneren Stimme“: „Hör zu!“; „Urteile nicht!“; „Verzeih!“; „Hab Geduld!“; „Ich bin’s“. So ist jeder Tag ausgefüllt im „Gespräch“ zwischen ihm und mir.
R.B.

Nach dem Selbstmord meines Bruders hat sich unser ganzes Leben in der Familie verändert. Ich habe starke Glaubenszweifel bekommen und meine Tage wurden öde und leer. Doch eines Tages ging mir auf, dass mein Verhalten nicht sehr hilfreich war für meine Eltern. Und so habe ich mich so gut ich konnte zusammengenommen und den Schmerz der Eltern auf mich genommen, damit diese schreckliche Tragödie für sie leichter zu ertragen war. Ganz langsam spürte ich, dass so meine eigenen Wunden heilten. Es war eine große Eroberung, die mir heute noch hilft, wo ich selbst Mutter bin.
O.M.

Ich bin Lehrer. Nach dem Unterricht bemühe ich mich, ein ordentliches Klassenzimmer zu hinterlassen für den, der nach mir kommt: Ich räume das Lehrerpult auf, öffne die Fenster, putze die Tafel. Wir haben zwei Papierkörbe im Klassenzimmer, einen für Papier, einen anderen für den Restmüll. Manchmal gibt es da ein heilloses Durcheinander, das ich in Ordnung bringe. Ich bin überzeugt, dass die Pausenminuten, die ich dadurch verliere, keine verlorene Zeit sind, sondern neue Energien in mir wecken.
A.S.

(Erschienen in der gedruckten Neuen Stadt, Januar/Februar 2019)
Ihre Meinung interessiert uns, schreiben Sie uns! Anschrift und E-Mail finden Sie unter Kontakt