Multiresistente Keime

Nicht nur zur Erkältungszeit schrecken Meldungen über gefährliche, multiresistente Keime viele auf. Was genau verbirgt sich dahinter?

Was versteht man unter Multiresistenz?
Medizinisch meint es, dass Keime unempfindlich geworden sind gegen Medikamente, von denen sie früher abgetötet wurden oder die ihre Vermehrung verhindert haben. Multiresistente Keime können also mit verschiedenen Antibiotika (Bakterien) oder Virostatika (Viren) nicht mehr behandelt werden.

Wie entwickeln sich multiresistente Keime?
Dafür gibt es mehrere Ursachen:

  • Antibiotika werden in ungenügender Dosierung oder nicht lange genug eingenommen. So werden Bakterien zwar geschwächt, aber nicht abgetötet. In der Folge können sie einen Schutz gegen das Medikament entwickeln und in ihren Genen abspeichern. Bei der Vermehrung wird das an die nächste Generation weitergegeben.Antibiotika-Einsatz bei viralen Infekten, bei denen sie ohnehin wirkungslos sind: grippale Infekte, Mittelohrentzündung, der Großteil der Durchfälle.
  • Antibiotika in der Massentierhaltung führen dazu, dass geringe Mengen durch den Fleischverzehr in den menschlichen Körper gelangen: Dagegen können Bakterien, die natürlicherweise im Darm, an der Haut oder im Rachen vorkommen, Resistenz entwickeln.
  • Wenn Antibiotika ohne Erregernachweis oder nicht fachgerecht eingesetzt werden. So wirkt Penicillin immer noch gegen einen Großteil der krankheitsauslösenden Bakterien. Werden aber die neueren hochwirksamen Antibiotika eingesetzt, beginnt die Resistenzentwicklung früh; im Ernstfall wirken sie dann nicht mehr.

Warum ist es heute so ein großes Thema?
Die Zahl der Infektionen mit multiresistenten Keimen steigt jährlich. 2015 traten in Europa 672 000 Fälle auf, 33 110 Menschen starben. Vor allem in Krankenhäusern stellt das ein Problem dar, weil sich dort viele (abwehr-geschwächte) Personen befinden und es durch den hohen Einsatz von Antibiotika vermehrt zu Resistenzbildung kommt. Übertragen wird vor allem über die Hände, aber auch Schmierinfektionen und eine Verbreitung über die Luft sind häufig. In Pflegeeinrichtungen sind meist sowohl die intakte Haut als auch chronische Wunden oder die unteren Harnwege mit Problemkeimen besiedelt, die durch direkten Kontakt oder über das Betreuungspersonal auf andere übertragen werden können.

Was kann man tun?
Wichtig ist der kritische, gezielte Einsatz von Antibiotika. Sie werden immer noch zu häufig verschrieben, oft in der Absicht, bakterielle Folgeinfektionen zu vermeiden oder aus Sicherheitsdenken, manchmal auch auf Druck der Patienten. Wenn möglich, sollte jedoch erst der Erreger nachgewiesen, dann behandelt werden.
Multiresistente Keime stellen für Gesunde keine Gefahr dar. Weil sie diese aber auf kranke oder abwehrgeschwächte Personen übertragen können, kommt der Hygiene eine hohe Bedeutung zu: häufiges Händewaschen, Händedesinfektion vor allem in Krankenhäusern und Pflegeeinrichtungen und generell nach Kontakt mit Kranken. Wenn man diese einfachen Maßnahmen befolgt und sorgsam mit Antibiotika umgeht – keine Selbstmedikation ohne ärztliche Verordnung und kein eigenmächtiges Abbrechen einer begonnenen Therapie – muss man sich nicht ausgeliefert fühlen.
Dr. Josef Helm

(Erschienen in der gedruckten Neuen Stadt, Januar/Februar 2019)
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