Verbindung aus freien Stücken

Freundschaft: Was sie von anderen Beziehungen unterscheidet, wie lange sie hält und was sie uns bringt.

Wie viele Freunde haben Sie? Vermutlich tun Sie sich mit einer Antwort ebenso schwer wie ich. Beste Freunde, enge Freunde, gute Freunde, gute Bekannte – wie dazwischen unterscheiden? Wie eng oder weit ziehen wir den Kreis? Frauen haben in unserer Gesellschaft im Schnitt 6,5 und Männer 5,5 „enge Freunde“. Jugendliche haben zumeist einen größeren Freundeskreis als ältere Menschen. Und dessen Zusammensetzung ändert sich in jüngeren oft schneller als in späteren Jahren. Denn im Alter fällt es oft schwerer, neue Freunde zu finden.
„Feste, lebenslange Freundschaften, von sehr früher Kindheit bis ins ganz hohe Alter, kommen relativ selten vor“, sagt dann auch der Schweizer Entwicklungspsychologe Moritz Daum. Denn Ereignisse wie Studium, Jobwechsel, Umzüge ändern immer wieder das soziale Geflecht. Vom zweiten Lebensjahr an entwickeln Kinder Vorlieben für Spielkameraden; trotzdem sind diese noch relativ austauschbar, weil Kinder in dem Alter noch sehr selbstbezogen sind, meinte Daum 2017 in einem Interview mit der „Neuen Zürcher Zeitung“. In der Pubertät seien Freundschaften dagegen stärker an die Person gekoppelt, dafür aber auch zerbrechlicher, weil wir uns in dieser Lebensphase stark verändern. Wichtiger als die Zahl der Freundschaften ist ihre Qualität, so Daum. Gute Beziehungen bräuchten Offenheit als Voraussetzung für die Entwicklung von Vertrauen, um beim anderen beispielsweise seine Probleme loswerden zu können.
Freundschaft beruht auf Gegenseitigkeit, betonte Anne Cronin: „Geben und Nehmen müssen sich die Waage halten“, unterstrich die Soziologin aus Lancaster Ende Dezember im Deutschlandfunk. Inwieweit sie es tatsächlich tun, sei allerdings nicht messbar, sondern Gefühlssache. Charakteristisch für die Freundschaft ist ihrer Ansicht nach die Freiheit in der Beziehung: „Es gibt keine feststehenden Erwartungen, die zu erfüllen sind.“ Unter Freunden bestehen keine Ansprüche auf Nähe und Besitz, bestätigte der Potsdamer Philosoph Rüdiger Zill im gleichen Beitrag vom Deutschlandfunk. Freundschaft sei eine Beziehung, die von den Beteiligten um ihrer selbst willen eingegangen werde. Wobei er fürchtete, dass diese Absichtslosigkeit in unserer Gesellschaft teilweise verloren geht. Freundschaft lasse intimste Nähe zu – ohne den erotischen Aspekt, was sie von der Liebe abgrenze.
Dennoch spielt Körperlichkeit eine Rolle. Das kann in der digitalen Welt verloren gehen: „Facebook-Freunde, sofern ich sie nicht in der physischen Realität auch habe, sind Freunde, die zum großen Teil aus Kommunikation Intimität gewinnen“, äußerte Literaturwissenschaftler und Philosoph Björn Vedder bei der gleichen Gelegenheit. Damit könnten sie nie dieselbe Intimität wie im direkten Gegenüber erreichen, wo „ich weiß, wie sich die Narbe auf dem Gesicht meines Freundes verzieht, wenn er lacht; ob seine Hände hart und knotig sind; wie er geht und steht.“ Was Facebook-Freunde aber durchaus erfüllen, sei der Wunsch nach Anerkennung und Bestätigung.

Illustration: (c) cienpies (iStock)

Für uns heute kurios, dass die männerdominierte Welt bis zum Ende des 19. Jahrhunderts meinte, Frauen seien für Freundschaften weniger zugänglich. Mittlerweile würden dagegen eher Frauenfreundschaften das gesellschaftliche Bild prägen, sagt Steve Stiehler, Freundschaftsforscher in Sankt Gallen. Männerfreundschaften gelten in seinen Augen zu unrecht als weniger intim, nur weil weniger über Gefühle gesprochen wird. Es sind meist Aktivitäten, die Freunde zusammenhalten, in denen sich Emotionalität ausdrückt und die für sie einen Vertrauensbeweis darstellen. Pläneschmieden oder Besprechen praktischer Dinge seien die Grundlage, die erlaube, dass Selbstoffenbarungen eher beiläufig herauskommen. Bei Frauen zeige sich Nähe tendenziell mehr in einer Beziehung von Angesicht zu Angesicht und im Gespräch, so Stiehler, bei Männern eher in einer Schulter-an-Schulter-Beziehung und im Tun.
Zeitmangel kann Freundschaften bedrohen. Denn ohne Zeitaufwand geht es nicht. Darauf verweist Johan Schloemann, Redakteur der Süddeutschen Zeitung, 2016 in seinem Artikel „Vom Wert der Freundschaft“. „Dauerhafte Freundschaften“, schreibt er, „sind nämlich solche, in die einmal eine schier unendliche Zeit des gemeinsamen Herumhängens und Redens eingegangen ist – und zwar von Angesicht zu Angesicht, nicht digital, und ohne Verwertungsabsicht.“ Das Paradoxe sei, dass man Zeit in Freundschaften investieren muss, diese aber abwerte, sobald man Zeit bewusst als Investition versteht.
Eine Voraussetzung jeder freundschaftlichen Beziehung ist die Freundschaft mit sich selbst. Das betonte die deutsche Philosophin Ina Schmidt im Sommer 2018 in der Sendung des SRF „Freundschaft – der Schlüssel zum Glück?“ und das sah schon ihr römischer Kollege Seneca vor zweitausend Jahren so. Denn: „Wenn ich mich selbst nicht leiden kann, wie kann ich dann jemandes Freund sein?“ Um sich selbst Freund zu sein, seien Wohlwollen, Verständnis, Ehrlichkeit und Verantwortung nötig. Gute Freunde helfen, moralisch besser zu werden und uns mit der Welt und uns selbst anzufreunden, sagt Schmidt in dem Interview. Ein Gedanke, der auf Aristoteles zurückgeht. Er unterschied zwischen Freundschaften des Nutzens, der Lust und der Tugend. Letztere galt für ihn als höchste Form, weil in ihr beide Seiten das Beste füreinander wollen. Freunde fänden im anderen eine Art Spiegel, einen Seelenverwandten. Verbinden würden sie eine gemeinsame Sicht auf die Welt oder ein „gemeinsames Grundverständnis dessen, was das Gute ausmacht.“ Schmidt erinnert jedoch daran, dass der Soziologe Georg Simmel Anfang des 20. Jahrhunderts eine andere Auffassung vertrat: Freunde teilten immer nur bestimmte Seiten miteinander – einzelne Interessen, Tätigkeiten, Gesprächsthemen. Selbst der beste Freund bleibe daher immer auch ein Geheimnis.
Clemens Behr

(Erschienen in der gedruckten Neuen Stadt, Mai/Juni 2019)
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