Als Freund in Syrien

Syrien, seit acht Jahren in einem schwer durchschaubaren Krieg: Ruedi Beck, Pfarrer in Luzern, will nicht zulassen, dass der Ausnahmezustand seine langjährige Freundschaft mit einem Syrer gefährdet.

Seit 2016 hat er ihn daher in der überwiegend christlichen Stadt Kafarbo schon dreimal besucht. Erlebt hat er die Angst der Bewohner, viel Herzlichkeit, Feiern, große innere Stärke und harte Arbeit, um wieder zu einem normalen Leben zu finden.

31. Mai 2016: Um drei Uhr nachts landete die Maschine aus der Schweiz in Beirut, Libanon. Ruedi Beck erinnert sich noch gut. Pater Nabil, sein syrischer Freund, holte ihn mit dem Auto am Flughafen ab. An der libanesisch-syrischen Grenze ein überraschend herzlicher Empfang vom Zollvorsteher. Er bewirtete die beiden, während Beamte Wagen und Dokumente überprüften. Weiter in rasantem Tempo über Nebenstraßen, durch beeindruckende Landschaften, zahllose Checkpoints, bis nach Kafarbo. Hier lebt Pater Nabil, als melkitisch-katholischer Priester verheiratet, mit seiner Frau und fünf Kindern. Der weitgehend christliche 20 000-Einwohner-Ort liegt nur wenige Kilometer von Hama entfernt, der viertgrößten Stadt des Landes. Der Syrer und der Schweizer lernten sich in ihrer Studienzeit vor dreißig Jahren in Italien kennen. Begrüßungen, Umarmungen; zum Wiedersehen gab es Essen, Kaffee und viel zu erzählen. Ruedi Beck bekam das schönste und kühlste Zimmer im Haus. Draußen vierzig Grad im Schatten. Seit Ausbruch des Krieges war er das erste Mal wieder in Syrien. Dass er gerade als Pfarrer von Basel nach Luzern wechselte, erlaubte ihm den sechswöchigen Aufenthalt.
Seitdem ist Pfarrer Beck jedes Jahr zwei Wochen bei seinem syrischen Freund. „Das Gemeinschaftsleben ist viel ausgeprägter als bei uns“, erzählt er. „Nabil und ich gehen ständig Leute besuchen. Abends um halb zehn wieder zurück, dachte ich anfangs, jetzt sei Feierabend. Weit gefehlt! Spätestens um elf klingelt es und jemand kommt vorbei, bleibt bis ein Uhr. Das gehört dazu.”

Anfahrt auf Kafarbo in Syrien. – Alle Fotos: (c) Ruedi Beck

In den Orten, die Ruedi Beck kennengelernt hat, ist es trotz des Kriegs ziemlich ruhig. Die Leute sitzen abends an der Straße und trinken Tee. Hier hat die Regierung von Baschar al-Assad das Sagen, hier gab es kaum nennenswerte Zerstörungen. Anders in Gebieten in Rebellen-Hand. „Manche Orte liegen in Schutt und Asche“, sagt Beck. „Die Bewohner haben unsäglich stärker gelitten, haben oft alles verloren, leben in Flüchtlingscamps. In den Gesichtern der Kinder sieht man, dass sie Schreckliches erlebt haben.“
Zu Gast in den Familien bemerkt Beck Fotos junger Männer: Jeder hat tote Familienmitglieder, Verwandte, Freunde zu beklagen. Die Führungselite um Assad gehört der religiösen Minderheit der Alawiten an. Sie misstraut den sunnitischen Muslimen und sieht sie als potenzielle Überläufer, da von ihnen der IS und die Rebellen Kämpfer rekrutieren. Die Christen hingegen gelten als neutral und werden gern dort an der Front eingesetzt, wo die Befürchtung besteht, dass Sunniten zu den Rebellen überlaufen könnten. So haben gerade christliche Familien Gefallene zu beklagen. Ruedi Beck kann daher gut verstehen, „dass sie zu den Söhnen sagen: ‚Wir zahlen alles, bloß damit du fliehen kannst.’“
Viele Frauen mittleren und höheren Alters nutzen das Internet, um mit ihren Lieben in der Ferne zu sprechen. „Fast alle Familien sind auseinandergerissen.“ Beck erinnert sich an eine alleinstehende Dame mit vier Kindern, die jetzt in Schweden, Frankreich, Deutschland und Kanada leben. Ein Sohn hat geheiratet; seine Angehörigen waren „Online-Gäste“ der Fernhochzeit.
Im Haus von Nabil gab es in den ersten Kriegsjahren selten Wasser. Die Pumpe brauchte Strom, und der fiel meistens aus. „Wenn sie nachts plötzlich ansprang, stand man auf und ließ, solange es möglich war, Wasser auf Vorrat in Behälter laufen“, berichtet Ruedi Beck.

“Verwundert über die fahruntüchtigen Lastwagen im Ort…”

Viele Leute leben von der Landwirtschaft. Auch Nabil ist Pfarrer und zugleich Bauer. „Die meisten haben fast nichts und verdienen sich mit dem Anbau von Getreide und Gemüse etwas Geld“, erläutert Beck. Besonders in den ersten Kriegsjahren war die Bestellung der Felder schwierig, denn sie lagen in Feindesland. „Um zu ernten, musste man erst die Armee holen. Sie baggerte eine Stunde lang eine Erdwall-Barrikade weg, erst dann konnte man mit dem Mähdrescher hinfahren. Nach der Ernte musste die Armee den Wall wieder aufrichten.“
Den Schweizer verwunderten die vielen fahruntüchtigen Lastwagen im Ort: Hier fehlt ein Teil des Motors, dort ein Rad. Mit der Zeit erfuhr er, dass die Besitzer absichtlich etwas ausgebaut und versteckt haben. Sonst würde die Armee die Fahrzeuge für den Krieg beschlagnahmen. So sind die Lastwagen eine Art Versicherung für die Zeit danach. Allerdings liegt solange auch ein Teil des Arbeitslebens lahm.

Die Pfarrei in Syrien bietet täglich ein Programm für Kinder an.

Untätig bleiben die Syrer dennoch nicht. Selbst Binnenflüchtlinge suchen sich rasch eine Beschäftigung; manche ziehen mit einem Werkzeugkasten umher, um etwas zu verdienen. „Dank eines solchen Arbeitseifers konnte die Gemeinde auch ihr Pfarrheim umbauen“, erzählt Beck. Bei Besuchen in der 50 Kilometer südlich gelegenen Stadt Homs lernte er ein Heim für behinderte Kinder kennen. Ordensschwestern hielten den Betrieb selbst die Kriegsjahre über aufrecht. Ebenso beeindruckten ihn junge Leute, die zu Kriegsbeginn in Homs ein Zentrum aufgebaut haben, um in Not geratene Menschen aufzunehmen.
Männer in Kafarbo haben auf den Heizöl-Mangel reagiert, der vor allem im Winter Probleme macht. „Von Spendengeldern kaufen sie Öl und bringen es Familien mit kleinen Kindern oder alten Menschen. So können die zumindest ein Zimmer heizen, anstatt sich mit Wolldecken zu behelfen.“
In Kafarbo orientieren sich rund 200 Bewohner am „Wort des Lebens“. Regelmäßig setzen sie sich für bis zu 450 bedürftige Familien ein. Eine derartige Solidarität ist nicht selbstverständlich, hat Ruedi Beck beobachtet: „Dort, wo sie schon zuvor gelebt wurde, hat der Krieg sie verstärkt. Wo sie aber schon vor dem Krieg gering war, nahm sie durch ihn weiter ab.” Ähnliches gilt für das Verhältnis von Christen und Muslimen. „Es war gerade Ramadan, der muslimische Fastenmonat“, erinnert sich Beck. „Wir waren am Abend mit anderen Priestern zum Fastenbrechen eingeladen mit allen 200 Imamen von Hama. Ich spürte ein starkes Bemühen, Beziehungen von Respekt und gegenseitiger Wertschätzung zu pflegen.“ Und wenn Christen in der Umgebung bedrängt werden, wo die Rebellen das Sagen haben, kommt es vor, dass ein Imam hingeht und verhandelt.

Als Priester mit den Imamen zum Fastenbrechen eingeladen.

Beck weiß jedoch auch von Orten, wo der Krieg getobt und die Gräben zwischen den Religionen vertieft hat. Von Dörfern, wo Rebellen oder der IS Druck auf die Muslime ausgeübt und sie ihre christlichen Nachbarn verraten oder umgebracht haben. Erfahrungen, die sich tief einprägen und das über Jahrhunderte gewachsene Gleichgewicht zerstören. Viele Christen in Syrien meinen heute, dass in der Not keine Freundschaft unter den Religionen hält. Ihre Sicht: Sobald sie können, werden die Muslime uns beherrschen!

Ruedi Beck beim Spiel mit Kindern, die mit ihren Familien nach Kafarbo geflüchtet sind. Sie sind voll in der Pfarrei integriert.

„Das Schlimmste für die Christen ist das Gefühl, von ihren Schwestern und Brüdern im Westen vergessen oder gar verraten worden zu sein“, sagt der Pfarrer aus Luzern. Obwohl sie in einem säkularen Staat leben, sind in der Vorstellung der Syrer Länder immer an eine Religion geknüpft, und die USA und Europa sind christlich. Warum diese ihre syrische Regierung, die sie schützt und mit der sie sich daher identifizieren, nicht unterstützen, ist für sie unverständlich. „Weshalb nehmen sie mit offenen Armen Muslime auf, führen aber Krieg gegen uns?“, wurde Ruedi Beck oft gefragt. In Bezug auf die Flüchtlinge haben sie von Europa leicht ein Bild, das auf schrägen Informationen beruht: zum Beispiel, dass der Westen Muslime gegenüber Christen bevorzugt und ihnen schneller einen Aufenthalt bewilligt.
Wie können wir Bürger in Europa uns verhalten? Ruedi Beck hält es für gefährlich, verallgemeinernd über Gläubige anderer Religionen zu urteilen. Damit tue man denen Unrecht, die dem nicht entsprechen und für ein friedliches Miteinander stehen. Vor wenigen Wochen hat er in Israel darüber mit einem einheimischen Dozenten des „Institut Biblique“ gesprochen. Dieser meinte, man spreche im Zusammenhang mit dem Nahost-Konflikt oft über Juden und Palästinenser. In dieser Weise würden wir den Krieg befeuern. Denn die Auseinandersetzung betreffe den Staat Israel und die palästinensischen Behörden, nicht Juden und Muslime! – Überlegen, wie wir reden: Vorsicht mit oberflächlichen Kenntnissen und Verallgemeinerungen! Genau hinschauen und lernen, sich wahrheitsgemäß auszudrücken: „Das gilt in Syrien in Bezug auf das Verhältnis von Christen und Muslimen, das gilt auch für uns“, sagt Ruedi Beck. „Krieg beginnt im Kopf.“
Im September bricht er wieder nach Syrien auf. Pater Nabil und seine Gemeinde sollen spüren, dass sie nicht vergessen sind.
Clemens Behr

Syrien
185 180 km
2; 22 Millionen Einwohner (2011); Hauptstadt: Damaskus.
Religionen: ca. 74% sunnitische, 2% schiitische und 12% alawitische Muslime, 10% Christen, 2% Drusen
Krieg: seit 2011, ca. 500 000 Tote
Flüchtlinge: 6,1 Millionen im Inland, 5,5 Millionen im Ausland
Auf humanitäre Hilfe angewiesene Syrer: 13,1 Millionen
Derzeit ist das Land dreigeteilt: Der größte Teil wird von der Regierung kontrolliert, der Nordosten von den Kurden, und in der nordwestlichen Provinz Idlib sind die meisten verbliebenen Rebellen und terroristischen Gruppierungen zusammengezogen.

(Erschienen in der gedruckten Neuen Stadt, Juli/August 2019)
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