Das Schöne suchen und entdecken.

Schönheit kann in einfachen Dingen Ausdruck finden, auch dort, wo sie selbst sie zunächst nicht empfindet, meint Avit Hartmann aus Linz.

Die Fragen „Was ist schön?“ und „Was bedeutet Schönheit?“ begleiten mich schon mein ganzes Leben. Meine Eltern lernten sich in der Oper kennen. Meine Mutter und ein Bruder setzten sich mit Kunst, insbesondere klassischer Musik, auseinander. Ich merkte sehr bald, dass ich mich zu schönen Dingen hingezogen fühlte. Durch den frühen Tod meines Vaters – meine Mutter wurde mit 39 Witwe und es waren acht Kinder zu versorgen – lernte ich eine andere Seite von „Schönheit“ kennen. Es gab keine teuren „Klamotten“; ein paar „schöne Schuhe“ zog ich nur zu besonderen Anlässen an und in der warmen Zeit ging ich barfuß zur Schule. Es hieß, auf diese Dinge gut aufzupassen. Das war für mich als Sechsjährige nicht immer einfach.
Mit der Zeit verstand ich immer mehr, dass Schönheit in einfachen Dingen Ausdruck finden kann. Dass es keine teuren Möbel braucht: So habe ich einen Kasten (Schrank), der 100 Jahre alt ist und den mein Großvater gemacht hat. Dieses Möbelstück berührt mich immer wieder, weil es von einer Schönheit erzählt, die aus dem Leben entstand. Forscher bestätigen, dass wir Dinge als schön, ästhetisch empfinden, wenn sie eine gewisse Ordnung haben. Für mich bedeutet Ordnung Beständigkeit; etwas hat Bestand und ist Ausdruck meiner „inneren Ordnung“.
Im Alltag bezeichnen wir etwas als „schön“, wenn es in uns ein wohltuendes Gefühl auslöst. Das Schöne zieht an, weckt eine tiefe Sehnsucht. Aber ich frage mich auch: „Kann etwas schön sein, obwohl ich es zunächst nicht so empfinde?“
Als unser Bruder eine unheilbare Krankheit hatte und nur noch kurze Zeit zu leben, war es sein Wunsch, zu Hause sterben zu können. Er liebte die Kunst, umgab sich mit schönen Dingen und sein Äußeres war ihm sehr wichtig. Die Diagnose bedeutete körperlichen Verfall, und bereits nach wenigen Monaten waren seine Beine eine einzige offene Wunde. Wir hatten für ihn das größte und hellste Zimmer mit seinen erlesenen Möbeln eingerichtet. Es fehlte nur ein großes Gemälde. Gemeinsam besprachen wir den Abstand und ich machte mich daran, Dübel und Haken zu montieren. Danach hängte ich es auf. Lange betrachtete er das Ganze. In großer Selbstverständlichkeit teilte er mir dann mit, dass ich es ein wenig zu hoch montiert hätte. In seiner „Selbstverständlichkeit“ lag eine Schönheit, die ich so noch nicht kennengelernt hatte. Ich habe verstanden, welche Bedeutung die Liebe hat. Sie lässt uns den anderen liebenswert erscheinen – und schön. Diese Erfahrung begleitet mich nun schon viele Jahre und macht mich achtsamer für das Schöne um mich herum.
Ich ertappe mich immer wieder, dass ich Menschen nach ihrem Äußeren beurteile. Ich definiere, was schön, was hässlich ist. In meiner Arbeit habe ich Menschen kennengelernt, auf die der Begriff „schön“ nicht zutraf, weder auf ihre Lebensgeschichten noch ihre -umstände; auch ihr äußeres Erscheinungsbild widersprach jedem gängigen Schönheitsideal. Aber sie haben mich gelehrt, dass das Schöne nicht immer vordergründig ist. Dass es gesucht und entdeckt werden will. Dass es so etwas wie eine unvergängliche Schönheit gibt, das Innere des Menschen, seine unendliche Seele.

Avit Hartmann
65, Linz/O.Ö., hat 30 Jahre als Psychotherapeutin in einer Spezialklinik gearbeitet und ist jetzt in Pension. Sie liebt „ Schönes “ in jeder Form. Sich damit auseinanderzusetzen gehört für sie ganz selbstverständlich zum Leben.

(Erschienen in der gedruckten Neuen Stadt, Juli/August 2019)
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