Einfach schön, oder?

Über die Bandbreite des Schönen und warum es sich lohnt, genau hinzuschauen.

„Ist das aber schön!“, „Wow. Wie schön!“ oder einfach „Schön!“ – Meist sind das sehr spontane Ausrufe. Sie zeigen, dass wir in der Regel genau und sehr schnell wissen, was wir „schön“ finden. Und was eben nicht. Studien zeigen: Wenn wir einem Menschen begegnen, wissen wir in Sekundenschnelle, ob er oder sie attraktiv ist oder nicht. Genau so, wenn wir ein Bild sehen, eine Landschaft, ein Gesicht oder das Titelbild der neuen Zeitschrift. Schwieriger ist es dann, zu erklären, warum das so ist.
„Schön“ ist ein Wort, das alle benutzen. Auch Kinder, und das meist schon sehr früh. Und ist es nicht erstaunlich, für wie viele unterschiedliche Phänomene es zum Einsatz kommt? Für den Sternenhimmel. Das Foto, ein Musikstück, das Outfit, ein Gebäude, eine Veranstaltung, die Atmosphäre in einem Gespräch; für Autos oder technische Konstruktionen und natürlich auch für Menschen, Lebensumstände und das Leben überhaupt. Ein ganz schön großes Spektrum.
Und wie steht es mit „Schönheit“? Sicher könnten wir lang über Schönheitsideale und aktuelle Trends sprechen. Die Redensart „Kleider machen Leute“ gilt ja nicht erst, seit es rote Teppiche gibt, auf denen sich Stars und Models – hip und trendy – präsentieren. Neuer ist da schon die ausgeprägte „Selbstinszenierung“: Der eigene Körper wird dabei nach Meinung von Experten zum Statussymbol. Die Soziologin Waltraud Posch bezeichnet ihn gar als „Plattform der Inszenierung“. Was optisch nicht passt, wird schnell beseitigt. Stylen, Peelen, Lasern, Kaschieren ist angesagt. Körperliche Schönheit ist käuflich: die perfekte Nase, der perfekte Mund, die perfekten Körpermaße. Das Ärzteblatt berichtete im Mai, die Zahl der Schönheitsoperationen in Deutschland sei von 2017 auf 2018 um neun Prozent auf 77 485 angestiegen. Dabei wuchs besonders die Zahl der minimalinvasiven Behandlungen, zu denen das Wegspritzenlassen von Falten zählt. Zwar entschieden sich Frauen etwa sechsmal häufiger für einen ästhetischen Eingriff als Männer; allerdings stieg die Zahl der Eingriffe bei Männern von 2017 auf 2018 um mehr als das Doppelte.
Schönheitsideale sind wandelbar und gelten normalerweise innerhalb einer Kultur. Aber weil in unserer globalisierten Welt Grenzen zerfließen, gleichen sie sich weltweit immer mehr an. Als auf Fidschi 1995 das Fernsehen eingeführt wurde, traten fünfmal häufiger Essstörungen auf als zuvor. Der einzige Sender zeigte vor allem amerikanische, englische und australische Programme – und junge Frauen hatten plötzlich das Gefühl, zu dick zu sein.
Wie bei vielem gibt es auch den Gegentrend zum perfekt gestylten Körper: Natürlichkeit wird immer mehr zum Auszeichnungsmerkmal. Wer aber glaubt, jetzt könne man sich gehen lassen, irrt. Im Gegenteil: Auf diese Weise als „natürlich“ aufzufallen und Anerkennung zu finden, erfordert viel Anstrengung und Übung. Die neue Natürlichkeit will gehegt und gepflegt, kultiviert und inszeniert werden. Sie ist gekennzeichnet durch kleine Unvollkommenheiten, Brüche und Abweichungen. Es gilt das Zahnlückenprinzip von Madonna: Wohlinszenierte Abweichungen vom gängigen Schönheitsideal machen dieses erst interessant.
Klar, das alles ist äußerlich. Und Schönheit ist mehr als das. Es stimmt aber auch, dass Kleidung die Schönheit und Ausstrahlung eines Menschen unterstreichen kann. Genau so wie ein als angenehm und schön empfundenes Ambiente jedes noch so schwierige Gespräch leichter machen kann. Kleidung und Ambiente, egal wie aufwendig oder preiswert – das Schöne zieht uns an, rührt tief in uns etwas an. Und Schönes zeigt Wirkungen: Der Neurobiologe Semir Zeki sagte in einem Interview im Zeit-Magazin Anfang des Jahres, dass Schönheit kein Luxus, sondern lebensnotwendig sei. Und er verwies darauf, dass Menschen in hässlichen Räumen zu asozialem Verhalten neigen.
Unzählige Studien belegen: Wir sind ständig auf der Suche nach Schönheit. Und Forscher bestätigen, dass wir Dinge als schön, als ästhetisch empfinden, wenn sie eine gewisse Ordnung haben. Das können zum Beispiel Symmetrie und regelmäßige Proportionen in der Geometrie oder harmonische Melodien in der Musik sein. In der Kunst kennt man den „Goldenen Schnitt“ und die so beschriebenen Proportionen empfinden wir erwiesenermaßen als besonders harmonisch und schön. Deshalb findet das Prinzip seit Jahrhunderten in der Kunst, der Architektur und im Design von Alltagsgegenständen seine Anwendung. Interessant ist, dass sich der Goldene Schnitt auch in der Natur findet. Die Anordnung der Blätter vieler Pflanzen rund um die zentrale Achse folgt diesem Verhältnis; auch Fichtenzapfen, Blütenstände von Sonnenblumen und Muschelgehäuse sind in Spiralen geordnet, die mathematisch auf dem Goldenen Schnitt basieren.
Schönheit steht für Fülle, für Leben. Falten, Narben und Brüche hingegen sagen etwas über die Vergänglichkeit des Lebens. Trotzdem lässt Schönheit sich nicht auf ein perfektes, symmetrisches Äußeres reduzieren. „Schönheit kommt von innen“ ist nicht nur eine Redensart. Bei Menschen jeden Alters kann man das erleben: Wer mit sich selbst im Reinen ist und seinen inneren Frieden gefunden hat, der strahlt das auch aus. Schönheit stellt uns deshalb vor eine Frage. Über das Leben – über das, was ist, und das, was bleibt.
Gerade die „schönen Künste“ –Literatur, Musik, bildende und darstellende Kunst – wollten und wollen diesen Fragen in allen Zeiten auf den Grund gehen. Auch dort haben unterschiedliche Vorstellungen darüber, was „schön“ ist, immer wieder heftige Diskussionen ausgelöst – und manchmal führen gerade jene Werke, die auf den ersten Blick nicht so glatt scheinen, zu den erstaunlichsten Antworten.
Auf den folgenden Seiten wird in vielfältiger Weise deutlich, was Christian Morgenstern so gesagt hat: „Schön ist eigentlich alles, was man mit Liebe betrachtet.“ Der achtsame, aufmerksame Blick ist vielleicht zunächst vom Äußeren angezogen, aber er geht tiefer. Er sieht auch das zunächst Verborgene.
Gabi Ballweg

(Erschienen in der gedruckten Neuen Stadt, Juli/August 2019)
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