Passiert

Aus dem Leben mit dem Wort

Schon einige Monate war eine Kollegin mir gegenüber unfreundlich und unkollegial. Die Zusammenarbeit wurde immer komplizierter. Ich betete oft darum zu verstehen, wie ich die Situation lösen konnte. Dann merkte ich, dass ich sie darauf ansprechen musste. Ich erklärte ihr, wie ich ihr Verhalten empfand, dass es mich beeinträchtigte und letztlich schlecht fürs ganze Team war. Wir sind ohne Lösung auseinandergegangen. Am nächsten Tag fiel mir auf, dass sie etwas für meine Arbeitsaufgabe vorbereitet hat und mir im Lauf des Tages zuarbeitete. Wir waren schneller als sonst und es machte allen Spaß. Das sagte ich ihr dann abends auch.
B.G.

Die Bandage, die ich für mein Fußgelenk häufig brauche, war beim Anziehen gerissen. Aber meine Ärztin war in Urlaub. Im Sanitätshaus schilderte ich die Situation. Die Angestellte war sehr nett, nahm sich viel Zeit und versprach mir, dass ich das Geld wiederbekäme, wenn ich das Rezept nachreichte. Als ich dann nur einen Teilbetrag dabei hatte, bat sie mich einfach, den Rest im Lauf des Tages vorbeizubringen. Die Bandage durfte ich trotzdem schon anbehalten. Weil ich wohl sehr überrascht schaute, sagte sie: „Ich vertraue Ihnen!“ Am Abend kam mir mit großer Dankbarkeit, wie sehr mir da doch Barmherzigkeit zuteil geworden war.
R.J.

Später Samstagnachmittag. Ich wusste: Im Brotkorb war nichts mehr. So lief ich schnell aus der Uni-Bibliothek in einen Supermarkt, um für den Sonntag gerüstet zu sein. Am Brot-Regal war ein älterer Mann gerade dabei, alle Brötchen einzupacken. Er brauchte anscheinend eine Menge. Sonst war kein Brot mehr vorrätig. Als er mich sah, fragte er, ob ich auch noch Brot brauchte. Ich nickte. Er ließ drei Brötchen im Regal. Mich rührte diese Geste so sehr, dass ich mich entschied, nur eines mitzunehmen und ansonsten fürs Wochenende auf Nudeln zu setzen. Der Mann fragte, ob ich die restlichen zwei nicht auch noch brauchte. Ich verneinte: „Nehmen Sie die ruhig noch. Ich spür, Sie brauchen die!“ Lächelnd nickte er und bedankte sich. Diese ehrliche und achtsame Begegnung am Brotregal ließ in mir große Freude zurück.
A.M.

Ein Mitarbeiter des TÜV hatte sich angemeldet. Er schaute vorbei, um einen Aufzug in unserem Haus technisch zu warten und abzunehmen. Ausgerechnet am Vortag gab der Aufzug seinen Geist auf. Ich erklärte dem Mitarbeiter, dass wir in der Kürze der Zeit noch keinen Techniker hatten kommen lassen können. Dann entwickelte sich ein Gespräch über Gott und die Welt. Auf einmal sagte er: „Wissen Sie, ich schau mir den Aufzug jetzt mal genauer an!“ Am Ende hat er den Schaden selbst repariert, den TÜV abgenommen und mir am Schaltkasten noch ein paar Tricks erklärt. Als er dann unser Haus verließ und ein Spendenschweinchen an einer Ecke stehen sah, griff er in seine Hemdtasche und warf ein paar Münzen hinein. Ich denke, das war sein Trinkgeld.
M.F.

Eine Freundin besuchte mich an meinem Studienort. Wir machten uns auf den Weg zu einem nahen Wallfahrtsort, an dem ich gern bin, weil ich da immer innere Ruhe finden kann. Wir gingen zu Fuß, weil meine Freundin das Geld sparen wollte. Der Hinweg dauerte zwei Stunden. Für den Heimweg entschieden wir uns, doch mit der Straßenbahn zu fahren. Als wir einstiegen und das Ticket kaufen wollten, lag im Automaten ein noch für eine Stunde gültiges Ticket. Es war, als hätte ein Engel es für uns hinterlassen, damit wir kein Geld ausgeben mussten. Wir hatten eine Stunde Zeit für den Heimweg. Das passte genau! Ein Geschenk!
A.M.

Heute war ich mit dem freiwilligen Besuchsdienst im Krankenhaus an der Reihe. Es regnete und ich war müde: Immerhin bin ich 62 und leide an Arthrose. Aber als ich an die Kranken dachte, habe ich mich doch auf den Weg gemacht. Als ich dann im Krankenhaus ankam, traf ich einen depressiven Patienten; er war noch nicht angezogen, gelähmt und niemand kümmerte sich um ihn. Ich verbrachte zwei Stunden mit ihm und versuchte, ihm alles zu geben, wozu ich fähig war. Auf dem Heimweg war mir dann, als sagte mir jemand: „Und gestern Abend dachtest du noch, du seist nutzlos!“
M. Italien

(Erschienen in der gedruckten Neuen Stadt, Juli/August 2019)
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