Lässt sich bewusst vorbeugen?

Durch unser Verhalten können wir die Wahrscheinlichkeit beträchtlich verringern, dass sich eine Alzheimer- oder eine gefäßbedingte Demenz entwickelt: um 30 bis 35 Prozent!

Die einzelnen Maßnahmen sind nicht spektakulär, aber in der Summe doch effektiv. Ganz oben gehört alles dazu, was einen Schlaganfall verhindert. Wichtigster Faktor ist der Blutdruck: Im mittleren Lebensalter sollte er bei Werten um 120-130 zu 70-80 liegen. Also Bluthochdruck vermeiden oder behandeln. Ständig sitzen schadet; man muss sich bewegen! Manche raten: dreimal eine halbe Stunde pro Woche sportliche Betätigung. Aber jede Bewegung zählt! Und es sollte auch Spaß machen.
Wenn jemand einsam lebt und antriebslos ist, kann das schon Folge der Erkrankung sein. Wer dagegen soziale Kontakte pflegt, ist weniger in Gefahr, demenzkrank zu werden. Dabei zählt die Qualität, nicht die Menge: Günstig sind also enge Beziehungen, in denen man sich häufig sieht, vieles bespricht, Freud und Leid miteinander teilt. Vorteile hat auch, wer sich noch im höheren Lebensalter für andere einsetzt. Es gibt Hinweise, dass „Mindfulness – Achtsamkeit“ den Blutdruck und das Demenzrisiko senkt. Also auch Gebet, Meditation, Zeiten innerer Entspannung. Viele dieser Erkenntnisse beruhen zwar nicht auf experimentellen, aber auf Beobachtungsstudien.
Was noch Demenz vorbeugt: Nikotin und Übergewicht vermeiden; Diabetes mellitus, die Zuckerkrankheit, vermeiden oder behandeln; bei Vorhofflimmern für Blutverdünnung sorgen; sich mit mediterraner Kost ernähren, also mit Olivenöl, viel Gemüse und Obst.
Es ist nicht wissenschaftlich belegt, dass Gedächtnistraining die Demenz verbessert. Zwar mag es im trainierten Bereich Fortschritte geben, aber damit muss sich noch nicht der Gesamtzustand verbessern. Wer gern Sudoku macht oder Kreuzworträtsel löst, soll das weiter tun. Aber wer nie Spaß an Memory hatte und dann als Erkrankter damit anfängt, wird leicht frustriert. Gedächtnistraining kann Demenzkranke herunterziehen, weil es immer wieder vor Augen führt, wie schlecht man ist. Bei Kartenspielen dagegen kommen sozialer Kontakt und Gedächtnistraining auf spielerische Weise zusammen. Auch Musizieren und Tanzen kann vorbeugend wirken.
Wer eine Demenz oder Angehörige mit Demenz hat, wird leider häufig ausgegrenzt oder zieht sich selbst aus Scham zurück. Das verstärkt die Problematik nur. Besser ist es, offen damit umzugehen und Familie, Nachbarn, Freunden die Erkrankung früh mitzuteilen. In einem frühen Stadium ahnen die Angehörigen allerdings oft noch nicht, dass sich eine Demenz entwickelt. Da beschwert sich eine Frau, dass ihr Mann anfängt, Dinge herumstehen zu lassen, Bitten nicht zu erfüllen, Waren beim Einkauf nicht mitzubringen. Sie denkt: „Er hat etwas gegen mich. Der mag mich nicht.“ Dabei vergisst er all das schon.
Später ist die Pflege für die Angehörigen oft eine große Belastung. Trotzdem haben viele ein schlechtes Gewissen. Ein Ehemann sagt: „Wir sind 55 Jahre verheiratet. Ich kann doch meine Frau jetzt nicht im Stich lassen!“ Soll er ja auch nicht. Aber als ihr Betreuer steht er rund um die Uhr unter Strom. Er braucht in seinem Alter Pausen. Also unbedingt dazu ermuntern, Hilfen in Anspruch zu nehmen: „Schaffen Sie sich Freiräume, dann hat auch Ihre Frau wieder mehr von Ihnen.“

Foto: (c) Agaplesion Markus Krankenhaus Frankfurt/Main

Rupert Püllen
(60) ist Chefarzt der Medizinisch-Geriatrischen Klinik am Agaplesion Markus Krankenhaus in Frankfurt am Main und Privatdozent an der dortigen Goethe-Universität. Er gibt Rat, wie man das Risiko einer Demenzerkrankung vermindern und die Angehörigen entlasten kann.





(Erschienen in der gedruckten Neuen Stadt, September/Oktober 2019)
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