6. August 2025

Ein Geschenk des Himmels

Von nst5

Wie sich die Wohn- und Lebensgemeinschaft mit einer zugelaufenen Katze entwickelt hat.

Foto: privat

Ursula Flury
hat zunächst 25 Jahre als Lehrerin gearbeitet und dann – nach einem dreijährigen Studium – als Logopädin. Sie ist alleinstehend und lebt in einem Dorf zwischen Bern und Zürich. Auch im „Ruhestand“ ist sie oft unterwegs und engagiert sich in vielen Bereichen. Vor zweieinhalb Jahren ist ihr eine Katze zugelaufen: ihr „Wuscheli“.


Als Kind hatte ich eine Katze und würde mich als Katzenliebhaberin bezeichnen. Trotzdem hatte ich als Erwachsene lange keine eigene. Ich lebe allein und bin viel unterwegs. Das schienen mir nicht die richtigen Bedingungen.
Zum meinem Glück hatte meine Nachbarin aber mehrere Katzen; einer von ihnen war das manchmal wohl zu viel und so kam sie öfter zu mir. Das war ideal für uns beide. Auch wenn ich nicht da war, wusste sie, wo sie sich versorgen konnte. Als diese Katze starb, habe ich gedacht: „Wie soll ich nur wieder so eine finden, die mit meinem Kommen und Gehen zurechtkommt?“ Es schien mir daher wie ein Geschenk des Himmels, als dann eine scheinbar herrenlose Katze einige Tage zwischen meiner Nachbarin und mir hin- und herzog, sich mal da, mal dort versorgte. Eines Tages stand sie vor meiner Haustür, als ich heimkam. Es war nass und kalt, und sie schaute mich treuherzig an. Ich fragte: „Möchtest du reinkommen?“ Als ich die Türe öffnete – schwupps war sie drin. Und sie blieb. Auch als ich nach den ersten zehn gemeinsamen Tagen für zwei Tage wegmusste, kam „Wuscheli“ danach wieder. Sie suchte Nähe und wollte offensichtlich nicht allein sein. Genau wie ich.
Inzwischen – nach fast zwei Jahren – hat sich unsere Gemeinschaft gefestigt. Ich habe gelernt, dass sie Nähe möchte, aber sich nicht gern streicheln lässt. Lieber legt sie sich einfach auf meinen Schoß. Das hat dazu geführt, dass ich mir morgens jetzt regelmäßiger eine ruhige Stunde gönne – weil die Katze das auch gut findet. Während ich bete oder lese, um mich auf den Tag einzustimmen, genießt Wuscheli die Zeit auf meinem Schoß. Sie hat gelernt, dass ich hin und wieder unterwegs bin, und überbrückt die Tage dann mit Besuchen an einem Napf im Garten meiner Nachbarin.
Als ich nach einiger Zeit mit ihr zum Tierarzt ging, zeigte sich, dass sie einen Chip hatte, und so konnte ich mit der Besitzerin Kontakt aufnehmen. Sie hatte noch drei Katzen und war einverstanden, dass Wuscheli bei mir blieb.
Ich liebe alle Tiere, aber kann mir nicht vorstellen, dass meine Lebensumstände sich mit einem Hund vereinbaren ließen. Ich brauchte ein unabhängigeres Tier. Und meine Katze schenkt mir viel. Wenn ich nach Hause komme, kommt sie sofort, macht manchmal richtig einen Luftsprung. Es tut mir gut, dass jemand sich freut, wenn ich da bin. Sie zeigt ihre Anhänglichkeit – schleckt meine Hand. Dann ist es wichtig, mir Zeit zu nehmen.
Wenn Gäste kommen, verzieht sie sich meist erst einmal. Aber wenn sie merkt, dass sie in Ruhe gelassen wird, bleibt sie auf ihrem Plätzchen auf dem Sofa.
Wuscheli mag es nicht, wenn Türen zu sind, und kann sie öffnen. Das müssen auch meine Gäste wissen und sich darauf einstellen. Auch, dass sie Anspruch auf ihren Platz hat – etwa auf einem Stuhl beim Sitzplatz im Garten. Manche können das nicht nachvollziehen. Gerade in ländlich geprägten Gegenden hier in der Schweiz ist es nicht selbstverständlich, dass Tiere im Haus mitleben.
Aber ich verstehe uns als eine Wohn- und Lebensgemeinschaft. Da stellt man sich aufeinander ein. Es ist ein gegenseitiges Geben und Nehmen. Ein großes Geschenk für mich.
Ursula Flury


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Der Artikel oben ist erschienen in der NEUEN STADT, Juli/August 2025.
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