5. August 2025

Teamplayer mit klarem Fokus

Von nst5

Im Leben ist Feliks Retschke mit genauen Zielvorstellungen unterwegs

und hält auch als angehender Polizist an seinen Überzeugungen fest.

Mit Feliks Retschke kommt man schnell ins Gespräch. Der Polizeistudent ist aufgeschlossen und herzlich, dazu ziemlich sortiert und redegewandt. Kein Wunder, denn der 24-Jährige hat bereits viel Erfahrung in Sachen Kommunikation: Noch als Schüler baut er die Social-Media-Präsenz seines Gymnasiums mit auf, engagiert sich als Schülersprecher und studiert anschließend drei Jahre Medienforschung mit dem Schwerpunkt politische Kommunikation in Dresden. Neben dem Bachelorstudium sammelt er erste Berufserfahrung im Bereich Öffentlichkeitsarbeit und gründet eine eigene Firma, die Medienkompetenzschulungen anbietet. „Ich wollte nicht einfach vor mich hin studieren, ohne zu wissen, was ich damit später beruflich machen will. Durch die Nebenjobs konnte ich mir ein gutes Bild machen und feststellen, dass ich nicht irgendwo an einem Schreibtisch landen will, sondern den direkten Kontakt mit Menschen möchte, Eins-zu-Eins-Kommunikation.“ Praktisch nahtlos an den Bachelorabschluss schließt Feliks Retschke im Oktober 2022 darum ein Studium bei der Polizei an, in Bautzen, Ostsachsen.

Foto: privat

Die ungewöhnliche Schreibweise seines Vornamens geht auf seine sorbischen Wurzeln zurück. Aufgewachsen in der sächsischen Oberlausitz lernt Feliks von seinen Eltern die Sprache und die Traditionen der slawischen Minderheit kennen, zu der heute noch circa 60 000 Menschen zählen, die meisten von ihnen christlich geprägt. Auch wenn Feliks Retschke seit fünf Jahren in Dresden lebt, ist die sorbische Kultur nach wie vor ein Teil seines Lebens und ein Stück Heimat in der Ferne, etwa wenn er der sorbischen Zeitung auf Instagram folgt oder immer mal wieder sorbische Podcasts und Musik hört. „Da ich selbst einer Minderheit angehöre, beschäftigt mich schon sehr, dass manche Bevölkerungsgruppen in der deutschen Gesellschaft Anfeindungen und Rassismus ausgesetzt sind. Ich habe nie Diskriminierung erfahren müssen und finde es unerträglich, dass es anderen widerfährt.“ Durch seinen deutsch-sorbischen Hintergrund habe er eine große Offenheit anderen Kulturen gegenüber, vermutet Feliks. Dies und sein ausgeprägter Gerechtigkeitssinn waren ein wesentlicher Antrieb, bei der Polizei anzufangen. Wer dort eine Karriere anstrebt, muss auch körperlich fit sein. Das bringt Feliks mit: Seit der Kindheit spielt er im Sportverein seines Heimatdorfes Laußnitz Volleyball, mittlerweile in der Herrenmannschaft, mit der er wöchentlich trainiert. Der Mannschaftssport zeigt eine weitere Facette seiner charakterlichen Eigenschaften: Feliks ist ein echter Teamplayer. „Das Leben ist lebenswerter, wenn man nicht alleine irgendwo hockt. Alleine kann man nie alles wissen und schaffen; wir sind immer auf andere angewiesen. Jeder Mensch hat seine Stärken und die muss man herauskitzeln. Diese Sichtweise will ich beruflich nutzen und später bei der Polizei im Bereich Personalverantwortung einbringen.“

Foto: privat

Auch privat ist der Student fokussiert und geradlinig unterwegs, wünscht sich, in naher Zukunft eine Familie zu gründen, vielleicht ein Haus zu bauen. „Da bin ich mit meinen Gedanken und Plänen schon weiter als manch anderer in meinem Freundeskreis“, schmunzelt Feliks. Wie kommt es, dass ein junger Mensch so entschieden und ernsthaft in die Zukunft blickt? „Es ist vermutlich ein Phänomen meiner Generation, dass viele von uns ziemlich früh wissen, wie sie ihr Leben gestalten wollen“, denkt Feliks laut nach. Und nach einigem Zögern fügt er hinzu: „Und manchmal führen Schicksalsschläge dazu, dass man schneller erwachsen wird, als man will.“ Er berichtet von der Krankheit und dem Tod seiner Mutter vor wenigen Jahren, die ihn sehr prägen. Als er 19 Jahre alt ist und gerade die ersten Semester studiert, wird bei ihr Krebs diagnostiziert. „Ich musste Verantwortung übernehmen“, erinnert sich Feliks. In den darauffolgenden Jahren unterstützt Feliks seine Mutter, wo es nur geht; auch der Vater und die ältere Schwester helfen nach Kräften und Möglichkeiten.
Trotz Studium fährt er also so oft wie möglich ins 30 Kilometer entfernte Laußnitz, hilft im Haushalt, beim Wäschewaschen und Einkaufen, übernimmt Fahrdienste. Auch um die kranke Oma in Bautzen und den Opa im Pflegeheim galt es sich zu kümmern. Dienste, die seine Mutter bis dahin übernommen hatte. Er selbst habe so viel von seiner Familie geschenkt bekommen, es sei ihm darum ein Bedürfnis, für sie da zu sein, ihnen zu helfen und auf diese Weise etwas zurückzugeben.

FeFoto: privat

„Ich bin dankbar dafür, wie meine Mutter war. Auch wenn es ihr in der Krankheit körperlich schlecht ging, hat sie super viel für andere getan, ihnen Zeichen der Aufmerksamkeit geschenkt, zum Beispiel Kuchen gebacken. Dabei habe ich sie gerne unterstützt. Der Tod war durch die fortschreitende Krankheit sehr präsent, aber ich habe versucht, im Moment zu leben, wollte ganz für meine Mama da sein.“ Im Januar 2022 beginnt dann die letzte Etappe im Leben seiner Mutter; sie zieht in ein Hospiz in der Nähe von Dresden. Die Angehörigen wechseln sich mit ihren Besuchen täglich ab, Feliks ist so oft es geht bei ihr. An einem Tag will seine Mutter ihn unbedingt bei sich haben, obwohl er gar nicht „dran“ gewesen wäre. Es sollte ihr letzter Tag werden. Und den verbrachte sie mit ihrem Sohn: „Sie wusste, dass sie mir das zutrauen kann. Das macht mich glücklich.“

Foto: privat

Feliks ist 21 Jahre alt, als seine Mutter stirbt. Eine „unglaubliche Leere“ macht sich in ihm breit, erinnert er sich heute. Dringliche Aufgaben und Entscheidungen rund um die Beerdigung und jede Menge Papierkram füllen dieses Vakuum vorerst. In seiner Trauer sind es vor allem seine engsten Freunde, die ihn auffangen. Auch die Studienkollegen unterstützen ihn, übernehmen beispielsweise seinen Aufgabenteil einer Gruppenarbeit. Das Verständnis, das er in den vielen Gesprächen erfährt, stützt und trägt ihn weiterhin. Doch Feliks merkt, dass er schneller an seine Grenzen kommt als zuvor. Er denkt daran, wie sehr sich seine Mutter für andere aufgeopfert hat, und fragt sich inzwischen, wie sie all das geschafft hat und ob es vielleicht manchmal auch zu viel war. Mit der Zeit erkennt Feliks für sich: „Ich muss nicht nur leisten. Im Gegenteil, ich muss auch Aufgaben abgeben. Ich habe mir eine Liste gemacht, auf der alle meine ehrenamtlichen Tätigkeiten stehen, und angefangen zu streichen. Und ich bin immer noch am Aussortieren.“ Es sei eine wohltuende Erfahrung, meint Feliks. Perspektivisch will er weniger in Gremien sitzen, lieber mehr Begegnungen und Freundschaften pflegen. Die findet er unter anderem in seinem Sportverein, in der Kirche und vor allem bei den Jugendlichen der Fokolar-Bewegung. Dort brachte er beispielsweise auch schon sein Know-how im Bereich Öffentlichkeitsarbeit ein. „Ich habe die Fokolar-Bewegung erst als Jugendlicher kennengelernt und bringe somit einen Blick von außen mit“, erklärt der 24-Jährige. So rege er immer wieder an, auf eine klare Kommunikation zu achten und beispielsweise keine Insider-Begriffe zu verwenden. Mit seinem Mitbewohner und Freund Tom, der auch zu den Jugendlichen der Fokolar-Bewegung gehört, erlebe er konkret, was diese Spiritualität ausmache: Geschwisterlichkeit. Für Feliks heißt das, nicht oberflächlich zu bleiben, sondern sich für sein Gegenüber ehrlich zu interessieren: „Tom und ich haben völlig unterschiedliche Persönlichkeiten und Interessen, aber wir haben eine gemeinsame Basis und versuchen, mehr als eine WG zu sein.“ Dazu gehöre für sie, gemeinsam zu essen und sich austauschen, sich zu unterstützen und Anteil am Leben des anderen zu nehmen.

Foto: (c) Johannes Kahmann

Tiefe Beziehungen, über Generationen hinweg – das mache das einzigartige Miteinander in den Fokolargemeinschaften für Feliks aus. In der Kirche habe er das in dieser Intensität noch nicht erlebt. Seinen christlichen Glauben habe der gebürtige Sachse als Kind und Heranwachsender nicht reflektiert oder infrage gestellt: „Jeden Sonntag ging es in die Kirche. Das war’s.“ Heute schaut er mit größerer Weite darauf, hat inzwischen ein Stück mehr Weltkirche erlebt, etwa bei Ministrantenwallfahrten nach Rom und durch die Netze, die er mit jungen Menschen unterschiedlicher Kulturen der Fokolar-Bewegung geknüpft hat. Kirche vollziehe sich nicht nur innerhalb von sakralen Gebäuden, sondern gehöre hinaus in den Alltag, unterstreicht der Katholik: „Dort wird es konkret, geht es darum, füreinander da zu sein, sich in andere Menschen einzufühlen. Das kann ich in allen Bereichen leben, auch als Polizist.“ Im Rahmen seines Polizeistudiums trainiert Feliks beispielsweise, wie er in schwierigen Situationen deeskalieren und mit Menschen kommunizieren kann. Mit seinem Beruf könne er einen aktiven Beitrag zu einer funktionierenden Gesellschaft leisten, ist der Student überzeugt: „Polizisten stehen oft zwischen den Fronten, sei es bei Demonstrationen oder Notruf-Einsätzen. Hier kann ich bewusst eine Vermittlerrolle einnehmen.“
Dafür zu sorgen, dass alles in geordneten Bahnen verläuft, scheint in Feliks’ Leben ein zentrales Thema zu sein. So zieht es ihn direkt nach dem Abitur nicht ins Ausland, wie viele seiner Altersgenossen, sondern direkt an die Universität. Ob er dadurch wertvolle Impulse verpasst habe, fragt er sich heute manchmal. Gleichzeitig sei er zufrieden mit seinem bisherigen Werdegang und schätze beispielsweise die finanzielle Sicherheit, die er sich dadurch zeitig aufbauen konnte. Wie sehr ihn unvorhergesehene Ereignisse aus der Bahn werfen, musste Feliks einmal eindrücklich erleben, als er sich Anfang 2023 bei einem Pokalspiel mit seiner Volleyballmannschaft einen Kreuzbandriss zuzog. Da Sport ein wesentlicher Bestandteil des Polizeistudiums ist, bedeutete dies, dass er das gesamte erste Jahr wiederholen musste. Nach erstem Frust, einer OP und mehreren Wochen auf Krücken sowie einer Reha begann Feliks wieder zuversichtlich an seinem Plan festzuhalten und trat ein mehrmonatiges Praktikum in der Pressestelle der Polizeidirektion Dresden an.

Foto: privat

Zurück im Studium konnte er durchsetzen, dass er den theoretischen Teil des ersten Studienjahres nicht komplett wiederholen musste, sondern stattdessen tageweise in der Dresdner Pressestelle der Polizei mitarbeiten konnte. „Ich habe dadurch also viel mehr Praxiserfahrung, als es im Studium vorgesehen ist“, betont Feliks zufrieden. Nicht nur das sei im Nachgang an das ungeplante doppelte erste Studienjahr ein Gewinn, auch die Freundschaften, die er im neuen Jahrgang schließen konnte, seien ein großes Geschenk. So bleibt dem gut organisierten Feliks eine Erkenntnis: Egal, wie viel du planst, das Leben passiert trotzdem.
Elisa Vogginger


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Der Artikel oben ist erschienen in der NEUEN STADT, Juli/August 2025.
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