7. August 2025

Zwischen Lärm und Stille

Von nst5

Es gibt Sätze, die mir unter die Haut gehen.

Manchmal, weil jemand etwas in Worte fasst, das ich selbst genauso empfinde, aber noch nicht ausdrücken konnte. Oder weil sie nicht einfach glatt runtergehen, sondern mich herausfordern. So ging es mir mit dem Satz, der dem chinesischen Philosophen Laotse zugeschrieben wird:

„Stille ist nicht auf den Gipfeln der Berge; Lärm ist nicht auf den Märkten der Städte; beides ist in den Herzen der Menschen.“ Auch wenn diese Gedanken mir nicht neu waren, in diesen Tagen vor Redaktionsschluss trafen sie mich.
Ja, so empfand ich, da ist viel „Lärm“ in mir – nicht zuletzt ausgelöst durch die Nachrichten: der Horror des schrecklichen Amoklaufs in Graz; das Entsetzen beim Blick auf die Entwicklungen in den USA, wo das Militär gegen die eigene Bevölkerung eingesetzt wird; das humanitäre Drama im Gaza-Streifen und die scheinbar ausweglose Lage im Nahen Osten; die taktischen „Spielchen“ um die Ukraine, die das Leben so vieler Menschen aufs Spiel setzen … Was passiert da gerade? Wie kann ich es einordnen? Warum spitzt es sich gerade an allen Ecken und Enden zu? Hinzu kommt die eine oder andere persönliche Herausforderung. Das sorgt für Unruhe und wühlt auf.

Titelbild: (c) diane555 (iStock)

Gleichzeitig naht der Urlaub. Und mit ihm die Versuchung, mir diese Zeit als „heile Welt“ vorzustellen – raus aus dem Trott des Alltags, weg von so manch unbequemer Frage; Leben in Harmonie mit mir, meiner Umwelt, den Menschen. Als Zeit, wieder neu zu innerer Ausgeglichenheit zu kommen, Stille in mir und in meinem Leben zu finden, vielleicht auch die eine oder andere Antwort auf meine Fragen. So als würde die Auszeit automatisch alle Probleme lösen.
Dabei weiß ich gut, dass das nicht so ist. Der „Lärm“ und die „Stille“ hängen nicht (nur) von äußeren Umständen ab. „Beides ist in den Herzen der Menschen.“ Und dort – in mir – gilt es, immer wieder in dieses rechte Gleichgewicht zu finden: mich ganz einlassen auf das Leben, wo alles mit allem verbunden ist und mir deshalb auch die Nachrichten unter die Haut gehen dürfen. Aber auch immer wieder zurückfinden – manchmal auch durch bewusste Auszeiten – zu innerer Ruhe und Ausgeglichenheit. Mir scheint, das ist eine beständige Herausforderung – gerade in unserer so schnelllebigen Zeit.
Es gibt keine Patentlösungen. Aber es ist sicher richtig, dass die eine oder andere bewusste Unterbrechung – egal ob durch Ferien oder im Alltag – hilfreich ist. Das ist dann auch keine Flucht, sondern hilft, das Leben zu leben. In seiner ganzen Fülle.
Dass diese Wochen dazu dienen, wünsche ich uns allen von Herzen.

Ihre
Gabi Ballweg

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Der Artikel oben ist erschienen in der NEUEN STADT, Juli/August 2025.
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