10. Oktober 2009

Schick und fair

Von nst_xy

Bio­-Lebensmittel aus Öko­-Supermärkten und von regio­nalen Wochenmärkten haben sich einen festen Platz bei den Verbrauchern gesichert. Was hingegen mit „grüner Mode“ oder „Eco­Fashion“ gemeint ist, ist bisher nur weni­gen vertraut. Trotzdem scheint sich da ein neuer Trend zu entwickeln.

Markus Beck ist 27 Jahre alt und gelernter Orthopädiemechaniker. Im Dezember 2008 machte er sich auf die Suche nach „Klamotten“ aus Biobaumwolle, die aber auch fair gehandelt sein sollten. „Alles was ich fand, sah nach Müsli und Birkenstock aus: typisch öko halt!“, erinnert er sich. Nichts für ihn! Die erfolglose Suche reichte aus, dass Markus Beck selbst aktiv wurde: Er informierte sich über die Herstellung und Produktionsbedingungen von Mode und gründete seine eigene Marke: „Greenality“ heißt sein Label. Bisher bezieht er dafür ökologisch hergestellte einfarbige T-Shirts aus Biobaumwolle und lässt sie mit selbst entworfenen Designs bedrucken.

Der Vertrieb seiner Produkte läuft vor allem über das Internet und einige kleine Läden.

Eco-Fashion, Green-Fashion, Ethical Fashion, Social-Fashion, Öko-Mode oder auch Grüne Mode – die Bezeichnungen sind vielfältig, und eine feste Definition gibt es noch nicht. Den einen geht es mehr um den ökologischen Aspekt, den anderen mehr um den sozialen. Viele versuchen aber, beidem gerecht zu werden. Gemeinsam ist allen Anbietern das Ziel, Mode anzubieten, die nachhaltigen Kriterien entspricht und gefällt.
Seit einigen Jahren ist die Zahl entsprechender Modemarken stetig gestiegen, und auf den Laufstegen in Mailand, Paris und Tokio ist nachhaltige Mode bereits etabliert. Allein auf der Homepage www.worldofecofashion.de sind 550 „grüne“ Labels aus aller Welt gelistet. In Deutschland beträgt nach Angaben des Internationalen Verbandes der Naturtextilwirtschaft der grüne Anteil im Modebereich derzeit noch weniger als fünf Prozent.

Käuferinnen und Käufer haben bei der Suche nach grüner Mode wohl denselben Wunsch wie Markus Beck: Sie wollen Kleidung, die ihnen gefällt und die sie mit gutem Gewissen anziehen können.

Eine zentrale Rolle spielen dabei die sozialen Produktionsbedingungen. Nachdem die Textilindustrie im Zuge der Globalisierung zunächst nach Südeuropa und dann vor allem in asiatische Länder abwanderte, ist Asien zum größten Textilhersteller geworden. Spitzenreiter ist seit einigen Jahren China mit einer Exportrate von über 60 Prozent im Jahr 2004. Kinderarbeit, schlechte Arbeitsbedingungen und Menschenrechtsverletzungen haben in der Textilindustrie immer wieder für negative Schlagzeilen gesorgt. Trotzdem werden wegen der niedrigen Produktionskosten noch die meisten Textilien in diesen Ländern produziert. Die Umsetzung entsprechender rechtlicher Regelungen ist noch schwierig.
Die Hersteller von Eco-Fashion setzen hingegen auf gerechte Löhne und faire Arbeitsbedingungen. Das gilt auch für Markus Beck, der im nächsten Jahr zum ersten Mal seine eigene Kollektion herausbringen wird. Die von ihm selbst entworfenen Stücke werden in Indien aus Biobaumwolle und unter fairen Bedingungen produziert. „Das heißt nicht,“ so der junge Modemacher, „dass die Arbeiter dort zu den Topverdienern gehören, sie sind aber mit dem fairen Lohn in der Lage, ihre Familien zu ernähren.“ Um sich davon zu überzeugen reist Markus Beck bald selbst nach Indien. Ihm ist es wichtig, eine gute Beziehung zu seinen Handelspartnern aufzubauen: „Mich stört es, dass Menschen in anderen Ländern ausgebeutet werden, und ich möchte es anders machen.“ Wenn man heute ein Marken-Shirt für 30 Euro kauft, liegen – laut Beck – die Herstellungskosten bei etwa einem Euro. „Das ist eine riesengroße Gewinnspanne. Ich geb’ mich mit weniger zufrieden.“
Auch die ökologischen Rahmenbedingungen der Produktion sind ein wichtiger Aspekt im grünen Modebereich. Beim konventionellen Baumwollanbau ist der Wasserverbrauch deutlich höher als beim Anbau von Biobaumwolle, weil das Grundwasser durch den Einsatz von Pestiziden verschmutzt wird – und das in Ländern, in denen meist ohnehin schon Wasserknappheit herrscht. Beim Anbau von Bio-Baumwolle dürfen hingegen weder Dünge- noch Pflanzenschutzmittel eingesetzt werden.

Das Marktgeschehen ist komplex und für den Endverbraucher nur schwer zu durchschauen.

Deshalb sollen auch bei der Öko-Mode Zertifikate eine umweltbewusste Produktion belegen und den Käufern bei der Orientierung helfen. Dabei bewerten die unterschiedlichen Zertifizierungsverfahren den Anbau der Rohstoffe, die Weiterverarbeitung und die Arbeitsbedingungen. Zu den wichtigsten Zertifikaten gehört GOTS (Global Organic Textile Standard). Es überprüft die Anbaumethoden und die Weiterverarbeitung von Textilien. So wird gewährleistet, dass mindestens 70 Prozent der Fasern in einem Kleidungsstück aus Bio-Anbau stammen, und dass die Schadstoffbelastung im Endprodukt so gering wie möglich ist. Außerdem werden soziale Mindeststandards überprüft.
Das Siegel „Fairtrade“ von „Transfair“ ist bisher vor allem auf Kaffee und Schokolade bekannt. Aber auch beim Anbau von Baumwolle zertifiziert Transfair seit 2007 und bewertet dabei angemessene Löhne, feste Arbeitsverträge und geregelte Arbeitszeiten. Auf der Transfair-Website kann man dann auch gleich erfahren, welche Labelstransfair gehandelte Baumwolle beziehen.
Nachhaltig produzierte Mode scheint ein neuer Trend zu sein. Eine Untersuchung der deutschen Gesellschaft für Konsumforschung aus dem vergangenen Jahr belegt, dass die Verbraucher außer bei Nahrungsmitteln auch bei Kleidung und Schuhen mehr auf Umwelt- und Sozialverträglichkeit achten. Für rund ein Viertel der Deutschen ist das demnach sogar sehr wichtig. Auch große Modehäuser reagieren mittlerweile darauf und bringen Öko-Kollektionen auf den Markt. Da aber der Anteil von Biobaumwolle nur 0,1 Prozent insgesamtausmacht, muss man in den Geschäften oft erst lange und intensiv nach Produkten aus Biobaumwolle suchen. Man findet sie dann meist in der Kleinkindabteilung, und selbst dann ist noch nicht eindeutig ersichtlich, wie hoch der Anteil von Biobaumwolle in dem Kleidungsstück dann tatsächlich ist.

Auch Discounter haben Öko-Textilien schon länger im Verkauf, doch auch da geht es um die Kennzeichnung: Bisher besagt sie nur, dass das Endprodukt keine Chemikalien mehr aufweist.

Wie belastend die Herstellung ist, bleibt dabei offen. Viele Verbraucher vertrauen da lieber auf Labels, die sich voll und ganz der Eco-Fashion verschrieben haben. Und so findet der Verkauf meist noch über das Internet statt – obwohl die „grüne“ Modeszene mittlerweile auch auf den großen Fashion-Shows präsent ist.
Das Internet und seine vielfältigen Möglichkeiten scheinen in der grünen Mode-Szene einen besonderen Sellenwert zu haben. Auf www.korrekte-klamotten.de bloggen verschiedene deutsche Eco-Fashion-Labels und halten so die Leser über grüne Modethemen auf dem Laufenden. Information, Transparenz und der direkte Kontakt zu den Kunden ist den meisten Labels ein großes Anliegen. Verschiedene Öko-Trendscouts sorgen dafür, dass der Verbraucher mit Informationen versorgt wird. So beispielsweise die Bloggerin Kirsten Brodde auf www.kirstenbrodde.de. Sie hat auch das Buch „Saubere Sachen“ geschrieben, das sich ganz dem Thema Fair Trade und Bio-Kleidung widmet.
Um unterschiedliche Lifestylethemen geht es auch auf der Website www.karmakonsum.de. Sie ist Ausdruck einer soziokulturellen Bewegung, für die Eco-Fashion ein zentrales Thema ist. Sie wird mit dem Namen „Lohas“ bezeichnet, einer Abkürzung für „Lifestyle of Health and Sustainability“ und steht für einen Lebensstil, der gezielt Nachhaltigkeit und Gesundheit durch das eigene Konsumverhalten fördern möchte. In den Vereinigten Staaten sollen ungefähr 30 Prozent der Verbraucher diesem Typ entsprechen, in Deutschland etwa 15 Prozent.
Der Begriff „Lohas“ ist jedoch umstritten, da manchen Kritikern die Verknüpfung von bewusstem, oft hochwertigem Konsum mit Nachhaltigkeit zweifelhaft erscheint. Einige Vertreter der traditionellen Umweltbewegung sehen darin den Versuch, dem Konsumismus ein neues, zeitgeisttypisches Image zu geben. Andere wie der Kulturwissenschaftler Nico Stehr sehen einen gut vernetzten, globalen Trend, der durch bewussten Konsum und Verzicht Druck auf die Industrie ausüben könne.
Auch Markus Beck versucht, nicht nur im Modebereich auf Nachhaltigkeit zu achten. Seine Räume werden mit Biostrom geheizt und für den Versand seiner Waren nutzt er einen Versand-Service, der sicherstellt, dass der Transport emissionsarm erfolgt. Zusätzlich wird ein Teil der Einnahmen aus diesem Service in Biogas- oder Solarenergie-Projekte investiert. Beck ist fest davon überzeugt, „dass wir die Dinge, die in der Welt falsch laufen, mit unserem Tun und Handeln, im positiven Sinne beeinflussen können.“ Dabei gilt wohl vor allem im Modebereich: Es muss gefallen! Warum sonst hätte Markus Beck sich entschlossen, seine eigene Mode zu machen.
Meike Münz

(Erschienen in der gedruckten Neuen Stadt, Oktober 2009)
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