Farbe in der Schokoladenfabrik
Eine peinlich missglückte Weihnachtsfeier in der Schokoladenfabrik und wie man das Betriebsklima optimiert: Ursula Wojtas’ Abenteuer als Süßwarentechnikerin in Australien brachten ihr den Jahres-Mitarbeiterpreis des weltweiten Cadbury-Konzerns ein.
In der Cheflimousine durch Melbourne City. Andrew Dawson, der technische Leiter, hatte Ursula persönlich aus dem Testlabor abgeholt. „Wir haben einen Termin beim obersten Direktor.“ Mehr hatte er nicht gesagt, und sie hatte nicht gefragt. Fast 26 Jahre war sie jetzt in der Schokoladenfabrik, und sie arbeiteten bestens zusammen.
Cadbury-Schweppes ist einer der größten Schokoladenhersteller mit 50 000 Mitarbeitern weltweit. Und Ursula Wojtas aus Karlsruhe arbeitete als Lebensmittel-Technikerin im Werk „Red Tulip“, Melbourne; Spezialgebiet: Farbige Schokodragees. „Smarties“ heißen sie bei der Konkurrenz. Für Produkttests verlegte sie wochenlang ihre Arbeit vom Labor hinab an die Maschinen, um mit den Schichtarbeitern eine neue Rezeptur einzuführen. Die wunderten sich, dass sich jemand von der Forschungsabteilung wie sie richtig schmutzig macht. Aber Ursula Wojtas war klar, dass sie den Facharbeitern 50 Prozent ihres Wissens verdankte.
Andrew Dawson parkte die Limousine im Tiefgeschoss des Cityhochhauses und drückte im Lift den 18. Stock: „Cadbury-Schweppes – Director Asia-Pacific“. Ging es vielleicht um ein Lob von oberster Stelle für das Trainingsseminar, das Ursula so vorbildlich organisiert hatte? Bei Arbeitern wie bei den Kollegen der Entwicklungsabteilungen aus ganz Asien war es sehr gut angekommen.
Belohnung für betriebliches Engagement wird bei Cadbury groß geschrieben, aber wer setzte dies schon um? Auch hier spürte Ursula Wojtas, dass sie Zeichen setzen konnte. Im Einverständnis mit dem Marketing Manager hatte sie sich um die Belohnung der Facharbeiter gekümmert, die zur Produktionsverbesserung beigetragen hatten. 35 T-Shirts in passenden Größen noch rechtzeitig vor der Weihnachtsfeier zu organisieren und auch geliefert zu bekommen, war nicht leicht. Umso größer die Freude aller Beteiligten.
Auch wenn sie es nie wollte: Im Laufe der Jahre hatte ihr Engagement Aufsehen erregt. Und jemand hatte sogar mitbekommen, dass sie sich auch außerhalb der Arbeit für bedürftige Familien und Jugendliche einsetzte.
Oben angelangt, kam ihr die Vorzimmerdame von Cadbury-Ostasienchef Mark Smith strahlend entgegen und drückte ihr herzlich die Hand. „Psst, sie weiß es noch gar nicht“, rief Andrew Dawson, und lud Ursula für die Wartezeit noch schmunzelnd zum Kaffee ein.
Offen, unkompliziert, großzügig – das australische Volk hatte gleich ihr Herz gewonnen. Natürlich war das Betriebsklima nicht immer ideal. So hatte sie Jane Ng, die Sekretärin ihres Werksdirektors, erst durch die Geschichte mit der betrieblichen Weihnachtsfeier näher kennen gelernt. Jedes Jahr gab es den peinlichen Ritus, dass einzelne Kollegen ohne Vorwarnung auf die Bühne geholt und unter brüllendem Gelächter durch den Kakao gezogen wurden. Zunächst wollte Ursula Wojtas nicht mehr hingehen, doch dann wurde ihr klar, dass sie es nicht einfach beim Nein belassen durfte.
„Bist du Christin?“, war die erste Frage von Jane, als ihr Ursula ihre Meinung zur Weihnachtsfeier mitteilte. Auf Ursulas bejahende Antwort entwickelte sich ein gutes Gespräch, und so kamen neue Programmideen zustande wie gute Sketche oder ein Vier-Gänge-Menü. In den Folgejahren fand das Weihnachtsfest einmal in einem großen Zelt im Zoo, ein anderes Jahr in einem englischen Zirkus statt.
Die großen Glasflächen im 18. Stock gaben den Blick frei über ganz Melbourne. Hier sitzt die Direktion für alle Cadbury-Werke in Asien. Wo der Beruf als Lebensmittel- Technikerin sie nicht schon überall hingebracht hatte! Und Ursulas Privatengagement hatte sie in Kontakt mit den Menschen vieler Kulturen von Australien bis zur Ozeanischen Inselwelt gebracht.
Nach der Lehre hätte sie fast in einen sozialen Beruf gewechselt. Bis sie verstand: „Überall da, wo ich bin, kann ich meine positive Einstellung, die Haltung der Liebe, leben und weitergeben.“
Da war zum Beispiel ein Projektauftrag in China. „Eingetaucht in diese Jahrtausende alte Kultur spürt man hautnah den Unterschied zwischen der deutsch-europäischen und dieser chinesischen, zunächst etwas geheimnisvollen Welt, die keine christlichen Wurzeln hat.“ In der großen Masse scheint der Einzelne fast keine Bedeutung zu haben. Nur das Ganze zählt. Aber auch hier wollte Ursula Wojtas mit persönlicher Wertschätzung auf die Menschen zugehen. „Ursula ist anders, sie nimmt uns ernst“, sagte dann auch die chinesische Sekretärin in Wuxi. Eine junge Kollegin umarmte sie zum Ende der Fortbildung – keine gewöhnliche Geste für Chinesen.
Eine Schulung für Facharbeiter bei Cadbury in Kuala Lumpur brachte Ursula nach Malaysia.
Wenn man nicht die Sprache spricht, fällt die Art und Weise wie man arbeitet besonders auf.
Die malaiische Abteilungsleiterin, keine einfache Person, bemängelte ständig die Arbeitsabläufe. Ursula Wojtas versuchte während der Schulung sich ganz in die Lage der Facharbeiter zu versetzen. Diese fühlten sich verstanden und brachten – zur Überraschung ihrer Vorgesetzten – bisher nie erwähnte Probleme zur Sprache, aber auch die passenden Lösungsvorschläge.
Nach einem langen Arbeitstag bemerkte die „schwierige“ Abteilungsleiterin: „Mir gefällt enorm die positive Einstellung, mit der Sie alles anpacken.“ Und Ursula überrascht sie mit der Antwort: „Ich versuche, in allem die Liebe zu bringen und zu leben.“
Die Tür ging auf, Mark Smith, der oberste Regionaldirektor kam strahlend auf sie zu: „Ich gratuliere Ihnen als weltweiter Gewinnerin des diesjährigen Chairman-Award für Cadbury- Mitarbeiter.“
Dann ging alles Schlag auf Schlag: Fotografen, Interviews, Ehrung auf der Cadbury-Website. Der Konzern-Präsident Sir John Sunderland kam aus London, um ihr die Urkunde zu überbringen. Und er wollte Ursula Wojtas’ privates Umfeld kennen lernen. Denn der mit umgerechnet 9600 Euro dotierte Preis wird keineswegs für betriebliche Leistungen vergeben, sondern für das „creating value in the community“, also für ein außergewöhnliches soziales Freizeit- Engagement der Mitarbeiter.
Und das war für Ursula Wojtas ihr Leben in der Fokolar-Bewegung Australiens und Ozeaniens: für arme Familien und deren Zusammenhalt, für den Gedanken der Geschwisterlichkeit in Beruf und Politik. Ursula Wojtas lebt das als Gott geweihter Mensch im Frauenfokolar: bis vor zwei Jahren in Melbourne, und neuerdings im westfälischen Münster.
„Gäbe es mehr Leute wie Ursula Wojtas und ihre Freunde“, hatte Cadbury-Chairman Sunderland gesagt, „hätten wir eine bessere Welt.“ Übrigens: Das Preisgeld ging an ein Krankenhaus in Afrika.
Winfried Baetz
(Erschienen in der gedruckten Neuen Stadt, Dezember 2009)
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