24. April 2013

Einlass ins Ungewisse

Von nst1

Seit einiger Zeit kann ich nicht mehr durchschlafen. Ich habe vieles versucht, aber nichts hilft. Was kann ich tun?

Im Gegensatz zum Essen, um dessen Aufnahme wir uns aktiv bemühen müssen, gehört das Schlafen zu den automatischen Körperfunktionen, die der Organismus benötigt, damit sich Körper und Seele erholen. Bei Schlafstörungen stehen wir also vor einem Dilemma: Wie lässt sich etwas aktiv herbeiführen, was sich durch ein passives Geschehenlassen ereignet? So gesehen sind Schlafprobleme das unbeabsichtigte Resultat ihrer Lösungsversuche. Anders gesagt: Die – verständliche – Suche nach Schlafstrategien erhält die Schlaflosigkeit erst aufrecht.

Wie lässt sich nun dieses Paradoxon auflösen? Meist wird empfohlen, man solle lernen, die Dinge des Tages vor dem Schlafengehen loszulassen. Eine gute Idee, die sich aber manchmal gar nicht so leicht umsetzen lässt. Ich empfehle daher lieber die Entscheidung, sich auf etwas einzulassen, denn das kann man aktiv tun: Einlassen darauf, dass mein Organismus weiß, was für mich gut ist und ich ihm vertrauen kann. Einlassen darauf, dass ich im Schlaf Geborgenheit erfahren kann. Einlassen darauf, dass ich im Schlaf gehalten und getragen bin.

Vielleicht helfen zwei Bilder zur Veranschaulichung:
Schlafprobleme erinnern ein wenig an einen Tausendfüßler, den ein anderes Tier zum Stolpern bringen wollte. Dies erreichte es ganz einfach, indem es ihn bat, ganz bewusst auf seine Füße zu achten und ihm genau zu erklären, mit welchem Fuß er beginnt und in welcher Reihenfolge sich das Gehen vollzieht.
Den Schlaf hingegen können Sie sich wie eine Taube vorstellen, die zu Ihnen geflogen kommt und sich auf Ihre Hand setzt, aber schnell wegfliegt, wenn Sie nach ihr greifen.
Sebastian Baumann

(Erschienen in der gedruckten Neuen Stadt, April 2013 )
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