Sie sind mir nicht egal!
Es war um die Mittagszeit. Ich hatte in der Stadt zu tun und fuhr mit dem Auto auf einen Parkplatz. Kaum hatte ich es abgestellt, bemerkte ich einen älteren Herrn, der vor seinem Wagen stand – die Motorhaube war geöffnet, ein rotes und ein gelbes Zündkabel schauten heraus. Weil er keinerlei Zeichen gab, dass er Hilfe bräuchte, dachte ich zunächst: Der Mann hat sicher einen Freund oder den ADAC angerufen und wartet jetzt, dass der kommt. – Aber wenn nicht? Also ging ich hin und fragte, ob er Starthilfe bräuchte. „Ja, das wäre nett“, antwortete er. „Aber ich will Ihnen keine Umstände machen!“ Der Rest ging recht zügig: Mein Auto vorgefahren, möglichst dicht Kühlerhaube an Kühlerhaube, Zündkabel angeschlossen, Motoren wieder angeworfen und auch seiner sprang sofort an. Das Gesicht des Herrn hatte sich aufgehellt und beim Abschied zückte er die Brieftasche. „Schon gut“, lehnte ich ab. „Ist doch selbstverständlich!“
Ein paar Tage darauf war ich mit dem Rad unterwegs. Nach etwa zwölf Kilometern in ländlicher Gegend merkte ich plötzlich, dass der Hinterreifen platt war. Flickzeug hatte ich nicht dabei, nicht mal eine Luftpumpe. Also begann ich, das Fahrrad wieder nach Hause zu schieben. Wofür ich mit dem Rad eine halbe Stunde gebraucht hatte, würde zu Fuß etwa zweieinhalb Stunden dauern, rechnete ich mir aus. Ich begann mich zu ärgern, war aber zu stolz, um jemanden um Hilfe zu bitten. „Hallo“, schallte es im nächsten Ort plötzlich von der anderen Straßenseite herüber, „können wir helfen?“
Es war ein älteres Ehepaar. „Wir wohnen nur ein paar hundert Meter weiter und haben uns gedacht, wenn wir an Ihrer Stelle wären, würden wir uns freuen, wenn uns jemand anspricht. Kommen Sie doch mit!“ Es war mir zwar ein bisschen peinlich, dass die beiden wegen mir ihren Spaziergang abbrechen wollten, aber gefreut habe ich mich doch über das unerwartete Angebot. Wir kamen ins Gespräch über vergangene Radtour-Erlebnisse und sie fragten, woher ich aufgebrochen sei. Zu Hause holten sie mehrere Luftpumpen hervor, die dann aber leider alle nicht auf das Ventil passten, und ihr Flickzeug, mit dem wir auch nicht weiter kamen. Ich wollte mich dankend verabschieden und wieder meines Weges ziehen, da holten sie schon ihr Auto aus der Garage und sagten: „Dann bringen wir Sie jetzt nach Hause.“ Jetzt war ich platt! So viel uneigennützige Hilfsbereitschaft hatte ich nicht erwartet.
Zwei kleine Episoden der letzten Wochen. Momente, wo Menschen einander beachten, obwohl sie sich nicht kennen, und aneinander Anteil nehmen. Beispiele gegen die Gleichgültigkeit, gegen das anonyme Aneinander-vorbei. Mit solchen kleinen Zeichen zeigen wir den Mitmenschen: Sie sind uns nicht egal! Die handfesten Gesten fördern die Beziehungen und machen uns selbst, aber auch die anderen froh. Und sie sind ansteckend!
Machen Sie mit?
Ihr
Clemens Behr
P.S.: Wie reagieren Sie auf Kriegs- und Katastrophen-Nachrichten?, hatten wir im letzten Editorial gefragt. Schon mal herzlichen Dank für alle Zuschriften! Wir werden sie in der Juli/August-Ausgabe veröffentlichen.
(Erschienen in der gedruckten Neuen Stadt, Juni 2013)
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