Das maskierte Land

Nordkorea gilt als eine der unmenschlichsten Diktaturen der Welt. Ist das die Folge einseitiger Berichterstattung westlicher Medien? Reisebüros bieten an, sich vor Ort selbst ein Bild zu machen.

Zwischenstopp in Peking, von dort in 25 Stunden per Zug 1300 Kilometer nach Pjöngjang, Hauptstadt Nordkoreas. Neugier war auch dabei, als sich David Marschner, 35, aus Dresden, auf das Abenteuer einließ. Er hatte gehört von einem Land, das sich völlig abschottet und bis auf China keine Verbündeten hat. Von einer Diktatur, die einen Sozialismus unmenschlichster Prägung vertritt, in der jede Religiösität erstickt wird; die Konzentrationslager unterhält, in denen 200 000 Menschen aufgrund ihrer politischen Haltung oder ihres Glaubens interniert sind. Von einer Planwirtschaft, die dem eigenen Volk nicht das Lebensnotwendige bieten kann. Stimmt das, was die Zeitungen schreiben? Kann man da überhaupt hinreisen?
Man kann. Einige Reiseagenturen haben Nordkorea im Programm. Wenn sich das Land auch einigelt, erlaubt das Regime unter bestimmten Bedingungen Touristen doch die Einreise. Zum Beispiel wird eine Reisegruppe immer von zwei Personen begleitet, einem Dolmetscher, der die Sprache der jeweiligen Reisegruppe beherrscht, und einem Überwacher. „Mit einem Busfahrer, der ab und zu dabei war, hatten wir teilweise sogar drei Begleiter“, erzählt David Marschner. „Die kontrollieren sich gegenseitig.“ Den Grenzübergang empfand er als regelrechten Zeitsprung:

„Überall Militär, und Gebäude und Fahrzeuge wie in den 50er-Jahren. Teilweise fahren noch LKWs mit Holzkohle-Feuerung wie bei uns während des Kriegs.“

Zwölf Tage war die deutschsprachige Gruppe in Nordkorea unterwegs. Davon über die Hälfte in der monumentalen Hauptstadt. Pjöngjang hat eine relativ gute Infrastruktur, so dass sich das Land hier von einer günstigen Seite präsentieren kann. In der Metropole mit 2,5 Millionen Einwohnern befinden sich auch die meisten Hotels.
Viele sozialistische Denkmäler, teils mit gigantischen Ausmaßen, bekamen die Reisenden gezeigt. Seit 1948 wird das Land von einer Dynastie beherrscht. Kim Il-sung gilt über seinen Tod 1994 hinaus als Staatschef. Auch wenn heute sein Enkel Kim Jong-un an der Spitze des Regimes steht, ist der „Ewige Präsident“ auf Denkmälern und Abbildungen, aber auch in den Köpfen der Bevölkerung omnipräsent. Er hat das Land nach japanischer Unterdrückung, Zweitem Weltkrieg und Koreakrieg wiederauferstehen lassen. „Der hat alles kontrolliert, alles geregelt, jedes Detail bestimmt“, meint David Marschner. „Sogar die Farbe der Kacheln in den U-Bahn-Stationen hat er festgelegt.“
In den U-Bahn-Hallen hängen Kronleuchter; die Wände sind mit Gemälden im Stil des Sozialistischen Realismus verziert. Der Bau des U-Bahn-Netzes begann 1968; damals florierte das Land dank der Verbindungen zu den kommunistischen Bruderstaaten des Ostblocks, galt lange für moderner als China. Doch nach der Wende 1989-90 brach die Wirtschaft völlig ein. Der Großteil der Häuser stammt aus den 50er-Jahren und darauffolgenden Jahrzehnten. Historische Gebäude sind rar. Die Kriege haben das alte Pjöngjang weitgehend zerstört. Unter den Sehenswürdigkeiten darf die angebliche Geburtshütte Kim Il-sungs nicht fehlen.

Die 18 Reisenden waren im 47-stöckigen Yanggakdo-Hotel auf einer Insel mitten im Fluss untergebracht, mit Bars, Schwimmbad und Bowlingbahn. „Man konnte sich frei bewegen. Aber es sind immer Leute rumgelaufen, bei denen ich das Gefühl hatte, die sind da, um zu gucken, was wir machen.“ Zunächst wollten die Freunde abends noch unbedingt ausgehen. Aber die Lust dazu ist ihnen rasch vergangen: „Es gibt ja kaum Kneipen. Alles ist dunkel und tot bis auf die Lichter in den Häusern.“ Außerdem, sagten sie sich, fallen sie als Ausländer sofort auf. „Schnell würde dich jemand einkassieren und zurück zum Hotel bringen. Und dann eine saftige Rechnung aufmachen.“

Kontakt mit den Einheimischen aufzunehmen, war nicht nur wegen der mangelnden Sprachkenntnisse schwierig.

„Offiziell ist es den Nordkoreanern zwar nicht mehr verboten, mit ausländischen Gästen zu reden, aber sie sind trotzdem extrem zurückhaltend“, hat David Marschner beobachtet. „Aus Angst vor den eigenen Leuten.“
Irgendwann fiel ihm auf, dass sie immer an bestimmten Stellen auf Einheimische trafen: an Monumenten, Parkanlagen, eben dort, wo sie gerade hingeführt wurden. Wenn sie sich entfernten und noch einmal umdrehten, schienen auch die Koreaner wieder nach Hause zu gehen.
An einem Sonntag wurden sie zu einem Park geführt, wo Leute Picknick machten. Aber rührten sie das Essen wirklich an oder taten sie nur so? Offenbar wurde den Gästen vorgegaukelt, dass selbst die aus dem Marxismus-Leninismus weiterentwickelte Staatsideologie eine lockere, fröhliche Ausflugsatmosphäre zulässt. Später stellte man ihnen bei einem Tempel einen Mönch vor.

Auch diesem Mann nahmen sie nicht ab, dass unter dem übergeworfenen Gewand tatsächlich ein gläubiger Buddhist steckt: Er stand da, um den Anschein zu erwecken, es gäbe die verfassungsmäßig gewährte Religionsfreiheit tatsächlich.

„Natürlich war nicht alles gestellt“, ist sich David Marschner sicher. „Aber es war schwer, ein Gefühl dafür zu bekommen, was Fassade ist und was real. Was für Freiheiten haben die Leute überhaupt? Wo können sie ihr Leben noch selbst gestalten?“
Beeindruckt haben David Marschner die Aufführungen im „Stadion des 1. Mai“, das 150 000 Sitzplätze fasst. Die Massenchoreographie beim Arirang-Festival besteht aus Tausenden Darstellern: „Eine tolle Leistung“, urteilt Marschner anerkennend, „vermutlich aber zum Preis eines wahnsinnigen Drills!“
1953 wurde Korea geteilt und ein Waffenstillstandsabkommen unterzeichnet. Etwa am 38. Breitengrad befindet sich die Grenze zu Südkorea. Für zwei Tage ging es mit dem Bus in der Grenzstadt Kaesong, dann zurück in die Hauptstadt; von dort aus für drei Tage nach Osten zum Japanischen Meer nach Wonsan und ins Diamantengebirge. Landschaft und Dörfer unterwegs wirkten wesentlich ärmlicher. Der Bus fuhr schnell; hier ließ sich die raue Realität weniger leicht hinter Fassaden verstecken. „Wir haben Menschen mit alten Sicheln Mais schneiden sehen“, erzählt Marschner. „Die nächsten haben die Maiskolben entfernt, wieder andere die Körner herausgeklaubt, die die letzten schließlich am Straßenrand zum Trocknen ausgelegt haben. Alles von Hand! Die Arbeitseinteilung hatte offenbar jemand so für diesen Tag befohlen.“
Einer der Begleiter hatte 1989 noch in Dresden, Marschners Heimatstadt, studiert, und war nach der Wende wieder zurückbeordert worden. Insgesamt waren die „Aufpasser“ recht entspannt. „Nur an einigen Stellen wurden sie energischer: Weitergehen! Da sollten wir nicht so genau hingucken. Und sie haben oft mit Handys telefoniert, weil sich die Pläne ständig änderten und sie für das nächste Ziel klären mussten, ob alles vorbereitet ist.“

Die Gäste durften ihre eigenen Handys, wenn überhaupt, dann nur in einer versiegelten Tüte bei sich haben.

Nordkorea hat ein eigenes Mobilfunknetz, ein eigenes Intranet. Die Medien sind staatlich und gleichgeschaltet.
Von ihrer Einstellung zum System ließen die Begleiter wenig durchblicken. „Sie sprachen kaum über Persönliches. Einer erwähnte, dass er sich kein Auto leisten könne“, erinnert sich David Marschner, „obwohl er ja mit seinem Studium im Ausland eher zur Elite gehört.“ Ein anderer, etwa 50 Jahre alt, äußerte: Die nächsten Generationen sollten selbst entscheiden, in welcher Form des Sozialismus oder Kapitalismus sie leben wollten.
Nur bei einer Begebenheit meinte Marschner bei den Begleitern die Folgen einer unglaublichen Indoktrination zu spüren. Bei einem Besuch auf dem Friedhof in Pjöngjang mit den Denkmälern der Widerstandskämpfer gegen die japanische Besatzung (1910-1945) musste ein Österreicher austreten. Anstatt aber die Toilette zu benutzen, ging er daneben in den Wald. Per Kamera wurde er beobachtet und dann zur Rede gestellt. „Und später entrüstete sich ein Begleiter, das Verhalten sei Grund genug, dass Nordkorea Österreich den Krieg erklärt! Und das hat er ernst gemeint.“

Gewundert hat David Marschner, dass er fast nie Rinder auf der Weide entdeckt hat. Mal als Arbeitstiere mit einem Pflug, aber nicht als Fleischlieferanten. „Als Tourist bekommst du immerhin Instant-Kaffee, einen kleinen Löffel pro Tasse. Da merkt man, wie sparsam die mit allem umgehen, was importiert werden muss. Es gibt mal einen Apfel oder eine Birne, aber Bananen oder Kiwis hab ich nirgends gesehen.“
Zurück nach Peking ging es mit dem Flugzeug. Dort auf dem Flughafen hatte er gleich ein ganz anderes Gefühl; es war nicht mehr so beklemmend. „Obwohl China ja auch nicht gerade der Hort der Freiheit ist. Aber diese Freiheit hatte auf einmal einen ganz anderen Wert!“
Clemens Behr

Erschienen in der gedruckten Neuen Stadt, Oktober 2013)
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