Die kleinen Dienste
Unser Kind ist kaum bereit, zuhause Aufgaben zu übernehmen. Was machen wir falsch?
„Hast du schon die Spülmaschine ausgeräumt?“, ruft Mutter oder Vater vom ersten in den zweiten Stock hinauf. „Nee, aber ich muss jetzt auch zum Sport“, kommt die wenig erfreuliche Antwort. Oft erwarten Eltern gar nichts anderes mehr von ihren Kindern als eine Absage.
Mülleimer leeren, Spülmaschine ausräumen, Tisch decken, Garderobe aufräumen, Rasen mähen: Beispiele für klassische Tätigkeiten, bei denen Kinder mithelfen können. Einige Familien stellen dafür Pläne auf, die wöchentlich wechseln. Durch derartige Dienste können Heranwachsende in einem überschaubaren Feld lernen, Verantwortung zu übernehmen und Durchhaltevermögen zu entwickeln. Beides sind für das Leben elementare Fähigkeiten.
Die Theorie klingt gut, aber wie reagieren, wenn der aufgetragene Dienst nicht erledigt wird? Oft könnten es die Eltern ja schneller selbst machen, als sich erst einen energieraubenden Streit anzutun.
Vielleicht hilft es, mit dem Kind gemeinsam einen Dienst auszusuchen, also die Pflicht eher in eine freiwillige Leistung umzuwandeln. Und sicher ist es auch sinnvoll, eine Konsequenz zu überlegen für den Fall, dass etwas nicht erledigt wird. Sie sollte aber wohl bedacht sein: Mit möglichst wenig Aufwand durchführbar, sollte sie mit dem Dienst inhaltlich in Verbindung stehen und zeitnah erfolgen. Und, ganz wichtig, beide Eltern müssen dahinterstehen, sonst geht eh gar nichts.
Zur Motivation, dass sich diese Gedankenarbeit lohnt, mag ein Perspektivwechsel helfen: Wie stelle ich mir mein Kind vor, wenn es 24 Jahre alt ist? Was soll es dann können? Welche Fähigkeiten soll es später nicht erst peinlich nachlernen müssen? Und ein weiterer Perspektivwechsel, für den ich mich selbst in die Zukunft denke: Auf welche Erziehungsmethoden werde ich stolz sein und über was werde ich dann wohl lachen?
Johannes Wehr
Erschienen in der gedruckten Neuen Stadt, Oktober 2013)
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