21. Oktober 2013

Traumatherapie

Von nst1

Sexueller Missbrauch: Können Sie den Opfern helfen?

Es berührt mich immer wieder, wie viele Klienten an den Spätfolgen eines sexuellen Übergriffs im Kindesalter leiden. Häufig stellt sich erst im Laufe der Therapie heraus, dass Missbrauchserfahrungen die Ursache bestimmter Symptome sind: die Unfähigkeit, eigene Gefühle deutlich wahrzunehmen; der Drang, in allen Situationen die Kontrolle zu behalten; aus dem Nichts heraus auftretende Panikattacken oder die Schwierigkeit, Nähe und Intimität zuzulassen oder genießen zu können. Andere fügen sich gar chronisch Selbstverletzungen zu.
Beim näheren Hinsehen sind die Symptome Schutzmechanismen der Seele: Sie dienen dazu, sich nicht erinnern zu müssen, einen akuten inneren Druck abzubauen oder zu verhindern, noch einmal in solche Situationen zu geraten.
Mindestens ebenso verletzend wie das Ausgeliefertsein in den Übergriffssituationen ist es für Missbrauchsopfer, wenn ihre nächste Umgebung nicht zu ihnen steht. Eine Klientin berichtete, wie sie nach mehrmaligen Vergehen eines Nachbarn an ihr so tun sollte, als sei nichts geschehen, weil ihre Eltern einen offenen Konflikt mit ihm vermeiden wollten.
Sich den schmerzhaften Momenten in der Vergangenheit zu stellen und therapeutische Hilfe aufzusuchen, ist kein leichter Schritt. Ziel einer traumatherapeutischen Behandlung ist zunächst, so gut als möglich die seelischen Kräfte zu stärken, um dann die traumatischen Ereignisse schrittweise bearbeiten zu können. Eine Therapie-Technik besteht darin, das Erlebte vor dem inneren Auge wie auf einer Kinoleinwand anzuschauen. Mit einer bildhaft vorgestellten Fernbedienung lässt sich etwas Kontrolle über den Ablauf bekommen. Die behutsame Auseinandersetzung im geschützten Rahmen bewirkt eine Desensibilisierung; neue innere Bilder ersetzen alte, Angst machende.
Vergessen lässt sich der Missbrauch nicht. Es kann aber gelingen, ihn so zu integrieren, dass die Betroffenen wieder aufrecht durchs Leben geben können.
Sebastian Baumann

Erschienen in der gedruckten Neuen Stadt, Oktober 2013)
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