16. Dezember 2015

Ich wünsche uns…

Von nst1

Licht strahlt durch die Bäume. Der Waldboden ist bedeckt mit frischem, sauberem, unberührtem Schnee. Der warme Schein der tiefstehenden Sonne wirft lange Schatten.  Das Titelbild unserer Dezember-Nummer will auf das Interview über Klimawandel und Energiewende hinweisen. Die Sonne ist die primäre Energiequelle, so unser Gesprächspartner Bodo Wolf: Allein den CO2-Ausstoß zu verringern, löst noch nicht das Klimaproblem, sagt er und plädiert für ein neues Denken in der Energiepolitik, das bei der Kraft der Sonne ansetzt.
Anlass zu dem Gespräch waren sowohl der vom 30. November bis 11. Dezember geplante Klimagipfel in Paris als auch die Umweltenzyklika von Papst Franziskus. Als Ergänzung zu dem Interview haben wir einige Initiativen zum Umweltschutz zusammengestellt, die aus der Fokolar-Bewegung hervorgegangen sind.
So friedlich wie die Stimmung auf dem Titelbild sind nicht alle Themen in dieser Zeitschrift: Die Terroranschläge am 13. November in Paris verbreiten Furcht und werfen Fragen auf, deren Beantwortung gründliches Reflektieren und Zeit erfordert. Die Ursachen liegen tief; sie sind sicher nicht mit hastigem militärischem Aktivismus zu beheben.
Friedensarbeit ist ein Geduldsspiel. Es braucht Zeit. Mary Montague kann ein Lied davon singen. Seit vierzig Jahren setzt sie sich in Nordirland für Versöhnung ein. Sie weiß, wie mühsam das ist, und ist dennoch überzeugt, dass die Fähigkeit, Frieden zu schaffen, in jedem Menschen steckt.
Als Friedensarbeit kann man auch den Einsatz von Bärbel Radmacher ansehen: Die Lehrerin war mit einem Team von Notfallpädagogen zwei Wochen für jugendliche Flüchtlinge da, die – traumatisiert – ohne erwachsene Angehörige auf der griechischen Insel Lesbos gelandet sind.
„Ruhe auf der Flucht“ heißt eine Bronze des Künstlers Ernst Barlach, die für uns den Bogen schlägt von den Flüchtenden unserer Tage zur Geburt von Jesus Christus vor zweitausend Jahren, dem Ursprung des Weihnachtfestes. Sie erinnert uns, dass auch die Familie, in die er geboren wurde, die Not der Flucht am eigenen Leib erleben musste.
„Ich wünsche uns Osteraugen“, schrieb der Aachener Bischof Klaus Hemmerle in seinem letzten Ostergruß 1993, „die im Tod bis zum Leben … zu sehen vermögen“. Was mögen dann wohl „Weihnachtsaugen“ sein?
Sie hätten den Blick eines Kindes, stelle ich mir vor, weil wir an Weihnachten die Geburt eines Kindes feiern: einen unschuldigen Blick, einen sonnigen, strahlenden Blick, voller Licht, voller Vertrauen. Es wären Augen des Friedens, denn der wurde bei dieser Geburt verkündet. Sie würden schauen ohne Furcht, denn „Fürchtet euch nicht“ bekamen die Hirten gesagt, als sie das neugeborene Kind aufsuchten. Sicher hätten diese Augen einen barmherzigen Blick, einen liebevollen Blick auf die Natur, auf die Schöpfung, auf jeden Menschen, ohne Unterschied. Einen solchen, zugleich österlichen Blick möchten wir vermitteln: Mit anderen Augen sehen… Ja, diese Weihnachtsaugen wünsche ich uns!

Ihr

Clemens Behr

 

(Erschienen in der gedruckten Neuen Stadt, Dezember 2015)
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