„Für dich ist immer Platz!“

Haus und Heimat, Arztpraxis und Arbeit als Lehrerin aufgeben und in Afrika ein neues Leben anfangen? Maria und Hans Schwake waren dazu bereit.  Für ihr neues Lebensprojekt mussten sie allerdings erst eine Reihe von Hindernissen überwinden.

„Nein, vorstellen können wir uns das nicht“, sagten sich Schwakes, „aber ansehen können wir es uns ja mal.“ 52 Jahre alt war Maria Schwake, als die Anfrage kam, Hans 54. Das war vor sieben Jahren. Jetzt sitzt das Ehepaar auf der Veranda seines gemieteten Hauses in Iringa. Die Provinzstadt im Herzen Tansanias ist von der Sonne goldgelb beleuchtet. Die Abendbrise erfrischt die Haut nach dem Spaziergang auf staubigen Wegen zwischen Granitblöcken und Dornbüschen. Aus der Stadt tönt Lobpreismusik. Ein Muezzin singt sein Abendlob. Kirchenglocken läuten. Erinnerungen kommen hoch.

Alle Fotos: (c) Ernst Ulz, Hans & Maria Schwake

Alle Fotos: (c) Ernst Ulz, Hans & Maria Schwake

2009 waren sie gefragt worden, ob sie sich vorstellen könnten, hierhin zu ziehen. Hans Schwake hatte zu der Zeit eine gut laufende Orthopädiepraxis im ostwestfälischen Vlotho. Die Familie lebte dort in einem selbst geplanten Haus. Maria Schwake liebte ihren Job als Gymnasiallehrerin in Bielefeld. Schwakes waren Ansprechpartner für die Familien der Fokolar-Bewegung in Nordwestdeutschland, halfen im Dekanat in der Ehevorbereitung, hatten Kontakte zu Christen verschiedener Kirchen und viele Freunde. Warum sich also aufmachen ins Ungewisse?
Schon als Sechsjährige war Maria „verliebt in Gott.“ – „Es muss doch auch heute Leute geben“, sagte sie sich, „die so leben wie Jesus und seine Jünger“.
Hans hatte in der katholischen Jugend „vor allem Tischtennis spielen“ gelernt, gesteht er lachend. Ihre Lebensfäden verwoben sich in Aachen bei den „Navigatoren“. Das radikale Christsein der überkonfessionellen Studentengruppe zog sie an. Für Hans war es „völlig neu, Leuten zu begegnen, die in der Bibel lesen, Zeit beim Beten und im Austausch verbringen und ihr Leben Gott anvertrauen.“ Einige Navigatoren gingen auf Mission in andere Länder. Das beeindruckte das Paar. Das wollten sie auch. Doch zunächst war anderes dran: Heiraten, Arbeit finden, eine Existenz gründen in einer anderen Stadt, Münster. Als junge Eltern hatten Schwakes mittlerweile andere Interessen als die Studenten der Navigatoren. Aber ihr Wunsch nach echtem Christsein blieb.

Hans Schwake besaß ein Buch über die Fokolar-Bewegung. Das schien beiden interessant. Doch bevor sie Kontakt aufnahmen, einigten sie sich auf fünf Bedingungen: Die Gemeinschaft sollte das Wort Gottes lieben, ökumenisch sein, missionarisch, offen für die ganze Familie – und sie soll freudig singen. Die ersten vier Punkte konnte Edeltraud Strugholtz, die die beiden bei ihrem ersten Besuch einer Fokolar-Gemeinschaft in Münster empfing, schnell bestätigen. Als die Fokolarin ihnen spontan ein eigenes Lied vortrug, war Hans und Maria klar: Hier konnten sie einzeln und gemeinsam für Gott leben!

familienwochenendedscf3017Bald entdeckten sie ihre Berufung als „verheiratete Fokolare“, ein Weg der Hingabe an Gott für Eheleute. Während die ehelosen Fokolarinnen und Fokolare Gelübde ablegen, binden sich die verheirateten mit Versprechen; sie gehören Fokolar-Gemeinschaften an, leben aber mit ihren Familien. Folgen beide Partner diesem Weg, bilden sie ein „Familien-Fokolar“. Verfügbar zu sein, im Dienst an der Bewegung umzuziehen, gehört zu der Berufung dazu. Immer wenn diese Bereitschaft erwähnt wurde, „brannte mir das Herz“, gesteht Maria.

Nachdem 2009 der Jüngste ihrer vier Kinder ausgezogen war, stellten sich Maria und Hans daher zur Verfügung. In Tansania hatte die Fokolar-Bewegung längst Fuß gefasst. Aber das Land ist doppelt so groß wie Deutschland, Österreich und die Schweiz zusammen. Die wenigen Fokolarinnen dort hatten daher um ein Familien-Fokolar gebeten. Schwakes konnten sich nur schwer ausmalen, ob sie dort leben könnten. Da gabs nur eins: anschauen! Zuvor fragten sie ihre Kinder, ob sie mit dem Schritt einverstanden sind. Die gaben den Eltern ihren Segen.

Während ihres ersten Besuchs in Iringa 2010 lösten sich die Zweifel auf. Das Klima ist „traumhaft“: Die Sonne scheint fast immer, bei höchstens 30 Grad. Die Stadt ist sicher und überschaubar. Die Mitglieder der Fokolar-Bewegung empfingen sie herzlichst. Doch zunächst mussten beide Arbeit suchen. Erfolglos! „Wir dachten, die würden einen Arzt und eine Lehrerin mit offenen Armen empfangen“, erinnert sich Maria. Doch die Regierung macht es Ausländern schwer, hier zu arbeiten. Schwakes gaben nicht auf.
„Ein Wort Jesu hat uns immer geleitet“, erklärt Hans: „Trachtet zuerst nach dem Reich Gottes, alles andere wird euch zufallen.“ 1

behandlung-p1020705kEine Perspektive tat sich erst beim nächsten Besuch 2011 auf. Der anglikanische Bischof Joseph Mgomi hatte den Wunsch, eine Rehabilitationsklinik für behinderte Kinder zu gründen. Seine Diözese würde Wohnhaus, Klinikgebäude und Personal stellen. Hans und Maria waren davon angetan und entwickelten erste Projektideen. Tatsächlich besteht in Tansania dringend Bedarf dafür: Menschen mit Handicap werden oft ausgegrenzt, behinderte Kinder gar versteckt. Als Rehabilitationsarzt war Hans der Richtige für das Vorhaben. Und Maria könnte die Sozialarbeit organisieren: in die Dörfer gehen, Menschen auf die Hilfen aufmerksam machen und so Behinderung aus der Tabu-Zone holen.

Die Idee begeisterte viele Freunde in Deutschland. Über einen Förderverein trudelten Spenden für das Projekt ein. Doch es dauerte Jahre, bis es starten konnte. Lange war unklar, wie Schwakes ihren Lebensunterhalt bestreiten sollten. Denn um frei zu sein, musste Hans seine Praxis abstoßen. Auch ihr Haus war längst zu groß. Aber sollten sie alles verlassen, ohne sicher zu sein, dass der Plan mit Afrika überhaupt klappt? „Wir mussten einen Schritt des Glaubens tun und loslassen.“ Hans verkaufte also – nicht ohne Rückschläge – 2013 seine Praxis, konnte aber weiterhin dort als angestellter Arzt arbeiten. Ihr Wohnhaus fand 2014 einen Käufer.

familienwochenendedscf3198Die Wartezeit sehen Maria und Hans jetzt positiv: Sie hatten Zeit für die Familie; die Ideen zum Projekt wurden konkreter und „auf einmal öffneten sich Türen.“ So stießen Schwakes – nach vielen Sackgassen – 2014 auf „Christliche Fachkräfte International“. Die Organisation war bereit, sie als Laienmissionare und Entwicklungshelfer nach Tansania zu entsenden und die Unterhaltskosten zu decken. Damit konnten sie Ende 2014 nach zweimonatigem Training endgültig nach Ostafrika aufbrechen. Vor Ort stießen sie auf viele Stolpersteine: Das angebotene Wohnhaus war unbewohnbar. Das Gebäude der Klinik musste runderneuert werden. Die Baufirmen waren eine Zumutung. Die Registrierung der Klinik zog sich Monate hin.
Es liege kein Segen in der Eile, heißt es hier. So sehr Schwakes diese Haltung bewundern, so schwierig ist es, sich darauf einzustellen. „Wir wollen ja MIT den Leuten gehen, und nicht ihnen voraus“, erklärt Maria. Und wenn es einen Monat dauert, bis man einen Brief getippt und verschickt bekommt!

Nach eineinhalb Jahren waren Renovierung und Einrichtung abgeschlossen. Am 15. Juli 2016 wurde „NeemaRehabilitation“ feierlich eröffnet. Hans und ein lokaler Physiotherapeut behandeln dort Kinder gratis; Erwachsene zahlen ein klein wenig. Die Nachricht von der Klinik macht die Runde, wenn auch langsam. „Es ist schwer, Tansaniern zu erklären, was Rehabilitation ist“, gesteht Hans. Schwakes setzen auf Vernetzung mit Organisationen und Regierungseinrichtungen, die mit Behinderung zu tun haben. So schaffen sie die Basis für die geplanten Aktivitäten auf dem Land.

familienwochenendedscf3225Als „Familien-Fokolar“ helfen Hans und Maria der Bewegung, wo sie gebraucht werden, besonders in der Begleitung von Familien. In Gesprächen und Schulungen bringen sie ihre Erfahrung ein. Die Tansanier leben ganz anders als sie, aber Schwakes kreative Fremdheit hilft bisweilen, unerwartete Lösungen zu finden: „Diese Familien können unsere Erfahrungen nicht kopieren; aber oft sagen sie, nachdem wir etwas erzählt haben: Wir wissen jetzt, was wir zu tun haben.“

Auch Schwakes lernen viel: Die Tansanier seien dankbar und lebensbejahend. Dafür spräche die Farbenkraft der Kleider. Sie hätten eine wunderbare Fähigkeit, im Jetzt zu leben. „Auch wenn ihnen etwas mehr Planung guttun würde“, fügt Hans hinzu. „Hier bist du nie zuviel!“, staunt Maria: Selbst wenn in den öffentlichen Minibussen schon 20 Leute reingepfercht sind, passt immer noch jemand rein. Wenn Eltern nicht für ihr Kind sorgen können, findet sich meist eine Oma oder Tante, die es aufnimmt. „Man vermittelt sich so das Lebensgefühl: Für dich ist immer Platz!“
Es ist jetzt dunkel. Der Wind ist stark und kalt geworden. Zeit, sich zu verkriechen. Ob es ihnen in Tansania immer noch gefällt? „Ja! Wir haben uns in dieses Land verliebt.“
Ernst Ulz

1)  vgl. Matthäus 6,33

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Alle Fotos: (c) Ernst Ulz, Hans & Maria Schwake

NeemaRehabilitation
ist ein Hilfsprojekt unter dem Dach der anglikanischen Kirche für Kinder mit körperlichen Einschränkungen und ihre Familien. Dazu gehört eine Arztpraxis mit Physiotherapie. Angedacht ist ein Dorfentwicklungsprogramm, um die Bevölkerung in Sachen Behinderung, Auffinden betroffener Kinder und deren Betreuung zu schulen. „Neema“ bedeutet in Kiswahili „Gnade“ oder „Glück“ – Hinweis auf eine hoffnungsvolle Zukunft.
www.neemarehabilitation.org

(Erschienen in der gedruckten Neuen Stadt, Dezember 2016)
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