Musik im Zeichen der Geschwisterlichkeit

„ Sie glauben an das, wovon sie singen, und sie singen von dem, woran sie glauben.“ –
„ Was sie auf die Bühne bringen, ist ihr Leben, ihre Überzeugung, ihre Hoffnung.“ – „ Ihr habt mir gezeigt, dass ich selbst die Veränderung sein muss, die ich sehen will.“   Die Rede ist von Gen Verde: 22 Künstlerinnen aus 14 Nationen, eine internationale Frauenband, die im September nach Deutschland kommt. Im Gepäck haben sie ein neues Konzert und ein Projekt. Wie es dazu kam, was den Künstlerinnen am Herzen liegt, welche Botschaft sie mitbringen und was sie antreibt.

Gen Verde in Deutschland: 9.9. Stadthagen I 13.9. Dortmund I 15.9. Boppard I 20.9. Duderstadt I 24.9. Mannheim I www.genverde.it/tours/

Gen Verde: Die aktuelle Besetzung der Band – Alle Fotos: (c) Gen Verde

Spricht man mit Mitgliedern der internationalen Band Gen Verde, beeindruckt schon nach wenigen Augenblicken die offensichtliche Unterschiedlichkeit: Sally McAllister, Irin, seit fünf Jahren Bandmanagerin, wirkt nüchtern, synthetisch in ihrer Ausdrucksweise, analytisch. Für die Römerin Alessandra Pasquali, Schauspielerin und Sängerin, genügt ein Stichwort und sie sprudelt los, vor allem wenn es um die Beziehungen zum Publikum geht. Bei der Brasilianerin Adriana Martins, Tänzerin und Sängerin, lässt sich die Lebensfreude und die Nähe zu sozialen Medien nicht lange übersehen. Dass menschliche wie kulturelle Vielfalt die Band kennzeichnet, wie es auf der Homepage heißt, nimmt man Gen Verde sofort ab.
Die derzeit 22 Künstlerinnen stammen aus 14 Ländern. „Wir wollen“, so sagen die drei im Gespräch, „den Menschen – vor allem Jugendlichen – eine Stimme geben: ihrer Sehnsucht nach echten, tragfähigen Beziehungen; der nach Ankerpunkten in einer globalen und sich schnell verändernden Welt; auch der oft verschütteten oder kaum noch wahrnehmbaren Sehnsucht, durch das eigene Leben etwas zu verändern.“

Herzensanliegen der Künstlerinnen: Dialog mit dem Publikum

Ob das nicht sehr ambitioniert ist? Vielleicht zu hoch gepokert? Die drei wechseln kurz einen Blick. McAllister fängt an: „Wir alle haben in unserem Leben eine uns prägende Entdeckung gemacht: Die weltweite Geschwisterlichkeit, die im Leben des Evangeliums gründet, ist eine Antwort auf die Fragen unserer Zeit.“ Alessandra ergänzt: „Davon singen wir! Unsere Texte sind persönliche Erfahrungen oder die unserer Völker.“ – „Aber vor allem wollen wir genau das leben“, unterstreicht Adriana, „miteinander, mit dem Publikum, mit den jungen Leuten bei den Projekttagen.“
Die Band hat gerade ihren 50. Geburtstag gefeiert. Weihnachten 1966 gilt offiziell als Geburtsstunde. In Loppiano, südlich von Florenz, entstand damals die internationale Siedlung der Fokolar-Bewegung. Sie sollte zeigen, wie das geht: das Evangelium hier und heute leben. Das Experiment zog von Anfang an Jugendliche aus allen Teilen der Welt an. Viele brachten Instrumente mit. Sie sangen viel: Wenn am Sonntag Besucher kamen, bei spontanen Festen, in den Gottesdiensten oder einfach, wenn sie zusammensaßen. An besagtem Weihnachten schenkte Chiara Lubich, Gründerin der Bewegung, den jungen Männern der Siedlung ein rotes, den Frauen ein grünes Schlagzeug. Das war der Startschuss der beiden Musikbands Gen Rosso und Gen Verde: „Rosso“ bedeutet rot, „verde“ grün und „Gen“ steht für „neue Generation“. Ersten Auftritten in Loppiano folgten spontane Konzerte auf den Plätzen in den Orten der Toskana, dann Tourneen. Nach und nach machten sich die Bands weit über Italien hinaus einen Namen.

Gen Verde “in concert”

Klar, in 50 Jahren ändert sich vieles – auch die Besetzung. Mehr als 144 Sängerinnen, Musikerinnen, Schauspielerinnen, Tänzerinnen und Technikerinnen waren Teil der Band. Jede Veränderung brachte Neues – auch unterschiedliche Ausdrucksformen und Stile. Zur anfänglichen Spontaneität kam Professionalität; man arbeitete mit bekannten Musikern, Schauspielern, Bühnenbildnern und Regisseuren zusammen. Seit ihren Anfängen war Gen Verde bei über 1500 Shows und Events beteiligt, hat bei Tourneen Europa, den Mittleren Osten, Asien, Süd- und Nordamerika bereist. 67 Alben in neun Sprachen stehen zu Buche.
„Aber was ist heute dran? Was können und wollen wir geben?“, fragten sich die Künstlerinnen nach personellen Veränderungen vor fünf Jahren. Dabei stießen sie auf eine Episode: „1965 war Chiara Lubich bei einem ökumenischen Treffen in Viechtach (Bayern). Da sang eine Band der Christusträger 1. Sie war beeindruckt, welche Wirkung die Lieder auf die Jugendlichen hatten. Zurück in Italien, träumte sie: ‚Es wäre toll, wenn Bands entstünden, die vor allem Jugendlichen die Erfahrung des gelebten Evangeliums weitergeben würden.’“

Projekt “Start now”: Jeder hat etwas zu geben.

Jugendlichen? Heute? Was bedeutet das? – „Dazu hatten wir keine klaren Ideen. Wir sind jung, aber keine Jugendlichen mehr. Jede bringt ihre eigene Erfahrung mit. Was bewegt die Jugendlichen in dieser sich schnell verändernden Welt?“ – So haben sie sich auf einen intensiven Dialog mit über 800 Jugendlichen eingelassen: „Was treibt euch an? Was hofft ihr? Welche Fragen brennen euch unter den Nägeln? Auf welche Hindernisse stoßt ihr?“ Ein ganzes Jahr haben sie sich – in verschiedenen Etappen – dafür Zeit genommen – und „es geht noch immer weiter“. „Das war spannend“, erzählt Sally „und sehr überraschend für mich: Terrorismus, Klimawandel, der Wunsch nach Miteinander, die Sehnsucht, die Welt zu verändern, die Erfahrung von Gelähmtsein und Ausgrenzung. Eine große Bandbreite – keine oberflächlichen Themen!“ Fast mit Erstaunen haben die Künstlerinnen auch „die unglaubliche Sensibilität für authentisches Leben, für echte Freundschaften“ wahrgenommen. Neben diesem Dialog war das Jahr gekennzeichnet von professioneller, künstlerischer Fortbildung, Training, Workshops. „Insgesamt hat uns das enorm bereichert – jede Einzelne und alle zusammen.“

 

Fünf Tage coachen die Bandmitglieder Jugendliche in Percussion…

Ausdruck dieser „Auszeit“ sind ein Projekt – „Start now“ – und mehrere neue Konzerte. „On the other side“ (Auf der anderen Seite) heißt eines davon. Es ist die Einladung zu einer musikalischen Reise um die Welt: Sie führt – über biografische Erfahrungen – in die Regenwälder des Amazonas mit ihren Ureinwohnern, auf ein Flüchtlingsboot im Mittelmeer, in die Baracken El Salvadors und die soziale Not dort. Die Reise geht auch in das geteilte Korea mit seinen Spannungen, in die Leere und Anonymität europäischer Großstädte und auf den „Walk of Fame“ in Hollywood und an andere Orte. Weit wie der geografische Horizont ist auch der musikalische: Pop, Rock, Reggae, K-Pop, Ethno und lateinamerikanische Rhythmen. Das multimediale Konzert ist auch der Auftakt in Stadthagen: Ein Open-Air-Konzert auf Einladung des evangelischen Bischofs von Schaumburg-Lippe, Karl-Hinrich Manzke. Im Frühjahr 2016 hielt er sich für einige Wochen in Rom auf und lernte dort Gen Verde kennen. Spontan lud er sie zu einem Konzert im Rahmen des Reformationsjubiläums 2 ein.

… Tanz, Theater, Gesang, Musik.

Das Projekt „Start Now“, zu dem die Band Schulen einlädt, sehen die Künstlerinnen als Gelegenheit, Leben zu teilen, Beziehungen zu knüpfen: „Dabei wird Kunst zum Katalysator für Friedenserziehung und Wertschätzung kultureller Vielfalt.“ Fünf Tage werden die Bandmitglieder dabei für junge Leute zum Coach für Gesang, Theater, Tanz, Musik. „Die Jugendlichen erleben, dass es Geschwisterlichkeit gibt – wenn man sich ganz darauf einlässt. Sie setzen sich ein für die Beziehungen untereinander, für die Begegnung mit ‚dem ganz anderen‘. So verlieren sich Ängste und Unsicherheiten, manchmal sogar Hass; sie fassen Vertrauen zu sich und den anderen“, fasst Sally die Erfahrung zusammen, die sie bisher in Italien, Großbritannien, Taiwan, Hongkong, Macao und Spanien sammeln konnten.
Eine spannende und fordernde Erfahrung. Trotzdem brennen Sally, Adriana und Alessandra, wenn sie davon erzählen. Eindrücke wie der von Anne Kaiser, die die Tour in Deutschland mit organisiert, sind den Einsatz wert: „Das Konzert forderte mich heraus und traf mich tief. Wie positioniere ich mich zu Themen? Wie mutig vertrete und verfolge ich meine Träume/Ziele? Wie kann sich die Welt durch mein Zutun verändern? Dieses Erleben wünsche ich jedem.“
Gabi Ballweg

1 Ordensähnliche evangelische Bruderschaft in Unterfranken (Bayern)
2 schaumburg-liest.de

Gen Verde
Info: Infos, Musik, Tournee-Daten, Videoclips der internationalen Frauenband mit Sitz in Loppiano, Italien, unter
genverde.it
facebook.com/Gen.Verde.8/

(Erschienen in der gedruckten Neuen Stadt, Juli/August 2017)
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