Gottes Gartenhaus

Eine Woche mit der NEUEN STADT in Georgien: Das kleine Land im Kaukasus überrascht mit einer langen Geschichte und großer landschaftlicher und kultureller Vielfalt.  Siebzig Jahre lang wurde es von Moskau aus beherrscht. Heute – 26 Jahre nach Ende der Sowjetunion – bangt Georgien immer noch um seinen Platz in der Welt.

Schilderbaum in Tiflis

Tiflis, georgisches Nationalmuseum. In der Schatzkammer im Untergeschoss tauchen wir in Epochen vergangener Blüte ein. Eine kleine Löwenfigur, Halsketten, Ohrringe, Diademe, ein edelsteinverzierter Kelch – Exponate aus dem ersten bis dritten Jahrtausend vor Christus – zeugen wie auch das Brustkreuz von Königin Tamar, die um 1200 nach Christus herrschte, von einer eindrucksvollen Geschichte und Goldschmiedefertigkeit. Georgiens Karawansereien lagen an der Seidenstraße zwischen dem antiken Griechenland und Persien; das Land profitierte von den Handelsströmen zwischen Europa und Asien. Der griechische Mythos vom Goldenen Vlies soll seinen Ursprung darin haben, dass das georgische Bergvolk der Swanen zur Goldgewinnung Schafsfelle in Bergflüssen versenkte. In den Härchen setzten sich feinste Goldpartikel fest.
Vom einstigen Reichtum können die meisten Georgier heute nur noch träumen. Ein Brot koste zwar nur etwa 30 und ein Liter Benzin etwa 80 Cent, aber der durchschnittliche Monatsverdienst betrage auch nur 210 Euro, erzählt unsere georgische Reiseleiterin Chatuna Oniashwili. Nur ein Viertel der Bevölkerung habe keine finanziellen Probleme.

Tiflis. – Alle Fotos: (c) Clemens Behr

Tiflis, Georgiens Hauptstadt, vermittelt auf den ersten Blick nicht den Eindruck von Armut. Im dichten Verkehr rollen zahlreiche Autos der Mittel- und Oberklasse. Modernste Architektur steht im Kontrast zu den Gebäuden der Altstadt, vor allem den steinalten Kirchen. Dort kann man dann allerdings schwarz gekleideten Witwen begegnen, die ihre Hände aufhalten. Ein System sozialer Absicherung ist erst im Aufbau, nachdem 2004 Micheil Saakaschwili Präsident wurde, erläutert die Reiseleiterin. Jeder Person stünden im Monat rund 200 Lari, etwa 80 Euro, an Grundrente zu. Mehr würde der Staatshaushalt noch nicht verkraften.
Wir sind auf Neue Stadt-Reise, 35 Personen aus Deutschland, Österreich und der Schweiz. Georgien, das sich als „Balkon Europas“ mit Blick auf Asien versteht, rühmt sich, nach Armenien das zweite Land zu sein, in dem das Christentum Staatsreligion wurde: im Jahr 337! Den christlichen Glauben sollen zwar schon die Apostel Andreas

Ikone der heiligen Nino

und Simon der Zelot ins Land gebracht haben, sein Durchbruch kam jedoch mit Nino, die als römische Sklavin aus Kappadozien geflohen war. Der Legende nach hatte die schwerkranke Königin Nana gehört, dass Nino Kranke gesund gemacht hatte, und ließ sich von ihr behandeln. Nana wurde geheilt und nahm die neue Religion an. Ihr Mann, König Mirian III., bekämpfte das Christentum. Erst ein weiteres Wunder stimmte ihn um: Bei einer Jagd wurde es so dunkel, dass Mirian sich verirrte. All sein Beten half nicht, bis er gelobte: Wenn er aus seiner Not befreit würde, werde er den Gott Ninos verehren. Schließlich fanden ihn seine Begleiter. Von nun an förderte er das Christentum und ließ christliche Priester nach Georgien schicken. Die heilige Nino, verehrt als „Erleuchterin Georgiens“, begegnet uns in vielen Kirchen: dargestellt mit einem Kreuz aus zwei Weinreben, zusammengebunden mit einem Teil ihres Zopfes. Nahe Mzcheta, von etwa 500 vor bis 500 nach Christus Hauptstadt der iberischen und kartlischen Könige, liegt weithin sichtbar auf einem Berg das Dschwari-Kloster. Hier hat Nino anstelle einer heidnischen Kultstätte ein großes Kreuz errichtet. Über dessen achteckigem Fundament entstand um das Jahr 600 die Dschwari-(Heilig-Kreuz-)Kirche. Begraben liegt Nino in der Himmelfahrtskirche vom Frauenkloster in Bodbe.

Dschwari-Kloster mit Kreuz, dessen Fundament noch von Nino stammen soll.

Das Christentum ist Teil der georgischen Identität. Der georgisch-orthodoxen Apostelkirche gehören 84 Prozent der Bevölkerung an. Wichtigstes Gotteshaus und zentraler Wallfahrtsort ist die große Swetizchoweli-Kathedrale aus dem elften Jahrhundert in Mzcheta, ein Meisterwerk georgischer Baukunst. Der Glaube ist für viele fester Bestandteil des Alltags: In die Metechi-Kirche in Tiflis, in der sich das Grab der heiligen Schuschanik aus dem 5. Jahrhundert befindet, kommen wir um die Mittagszeit kaum rein, so voller betender Menschen ist sie.
Das Landeswappen zeigt den heiligen Georg. Dennoch geht die Bezeichnung Georgien nicht auf ihn zurück, sondern auf das griechische „georgios“ für Landmann, Bauer. Noch heute hat die Landwirtschaft große Bedeutung. Denn ein Großteil der Industrie war nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion nicht konkurrenzfähig. Schon zu Sowjetzeiten war Georgien als Reiseziel begehrt; so setzt das Land heute erneut auf Tourismus. Auch die Bauwirtschaft boomt. Aber für viele Familien ist lebensnotwendig, was sie auf ihrem kleinen Stück Land ernten. Mitte September erleben wir das östliche Georgien bei sonnigen 30 Grad recht trocken. Weitläufige Weizenfelder sind abgeerntet. An den Straßenrändern werden Granatäpfel, Feigen, Zitrusfrüchte, Melonen, Zwiebeln feilgeboten. Nüsse und Tee werden angebaut. Georgien ist ein Ursprungsland des Weinbaus, der eine über 5 000-jährige Tradition hat. In der Region Kachetien gären die Weine in „Kwewri“, großen Ton-Amphoren, die in den Boden eingelassen sind.

Granatäpfel

In der Stadt Gori wurde 1878 Iosseb Dschughaschwili geboren, Stalin. Ihm ist ein großes Museum gewidmet. Nach der Führung waren wir uns unschlüssig, ob dort die Gratwanderung zwischen Kultstätte und kritisch-distanzierter Information gelungen ist.
Zwischen Mzcheta und Gori hatten wir aus dem Bus eine große Siedlung einförmiger Häuser bemerkt. Chatuna Oniashwili sprach von einer halben Million Vertriebenen im eigenen Land. Ein Teil habe hier vom Staat einfache Wohnungen bekommen. Nach der Unabhängigkeit Georgiens von der Sowjetunion kam es ab 1992 in Abchasien und Südossetien zu Abspaltungskriegen. Im August 2008 entbrannte erneut ein Krieg mit Russland um die beiden autonomen Regionen. In Südossetien ist russisches Militär stationiert; Georgien hat dort keine Kontrolle. Das kleine Land droht zwischen rivalisierenden Großmächten zerrieben zu werden. Daher strebt es in die NATO, was Moskau als Bedrohung seiner Interessen empfindet. Aus Angst, von Russland überrannt zu werden, will Georgien langfristig auch in die EU.

Höhlenstadt und ehemaliges Handelszentrum Upliziche

Wenige Kilometer von Gori entfernt liegt an einem Hang die Festungs- und Höhlenstadt Uplisziche, gegründet um 600 vor Christus. Die bis zu fünftausend Bewohner lebten vom Handel entlang der Seidenstraße. Entsprechend befand sich unten, nahe dem Fluss Mkvari, der auch Tiflis durchfließt, ein Handels- und Handwerksviertel, weiter oben ein Wohnviertel, darüber Gotteshäuser und ein Palastbezirk.
Viel weiter zurück in die Vergangenheit bringt uns ein Ausflug nach Dmanissi nahe der armenischen Grenze. Ausgrabungen in den 1990er-Jahren haben hier fast zwei Millionen Jahre alte Schädel menschlicher Vorfahren zutage gefördert. Ein Sensationsfund: Die Fossilien gelten als mögliches Bindeglied zwischen den frühesten, in Afrika entdeckten Vertretern der Gattung Homo und den späteren asiatischen des Homo erectus. Das heißt, dass die Ahnen des Menschen 300 000 Jahre früher nach Eurasien gekommen sein müssen als zuvor angenommen.
Von Mzcheta aus führt die Georgische Heerstraße nach Norden in den Großen Kaukasus. Über den 2 395 Meter hohen Kreuzpass kommen wir nach Stepanzminda auf 1 700 Höhenmetern, zwölf Kilometer vor der russischen Grenze. Von der Terrasse des Hotels haben wir ein gigantisches Panorama: Vor dem 5 047 m hohen Berg Kasbek steht die steinerne Dreifaltigkeitskirche auf einem vorgelagerten Berg einsam in 2 170 Metern Höhe. Das Zeichen von Glaube und Zivilisation aus dem 14. Jahrhundert fügt sich wunderbar ein in die majestätische Natur und wirkt doch winzig und verloren.

Panorama im Großen Kaukasus mit dem 5.047 Meter hohen Kasbek

Obwohl wir den gesamten Westteil zum Schwarzen Meer hin auf unserer Reise gar nicht erlebt haben, können wir den Stolz der gastfreundlichen Georgier auf ihr Land nun gut nachvollziehen. Gern erzählen sie folgende Geschichte: Als der liebe Gott die Erde unter den Völkern verteilte, kamen die Georgier zu spät. Sie jammerten jedoch nicht, sondern sangen und tanzten. Da wollte Gott wissen, wieso sie sich verspätet hatten. Sie hätten unterwegs oft wegen der schönen Landschaft angehalten und Trinksprüche auf ihn erhoben, erzählten die Georgier. Das ging ihm so zu Herzen, dass er ihnen das Land überließ, das er für sich selbst als Datscha vorgesehen hatte, weil es so
paradiesisch war.

Relief Dschwari-Kloster

Georgien
Eigenbezeichnung: Sakartwelo (von Kartli, Region in Zentral-Georgien)
Fläche: 69 700 km2 (etwa die Größe Bayerns)
Einwohner: rund 4 Millionen
Hauptstadt: Tiflis (Tbilissi); 1,4 Millionen Einwohner
Geschichte: Erste Staaten entstanden im 4. Jahrhundert v. Chr. mit Iberien in Ostgeorgien und im 6. Jahrhundert v. Chr. mit Kolchis in Westgeorgien.
Währung: 1 Lari = 100 Tetri = 34 Cent/39 Rappen
Schrift: Georgisches Alphabet, 33 Buchstaben, seit 5. Jahrhundert

Einladende georgische Tafel

Swetizchoweli-Kathedrale in der ehemaligen georgischen Hauptstadt Mzcheta

(Erschienen in der gedruckten Neuen Stadt, November/Dezember 2017)
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