Mit Hand und Fuß

Weihnachten ist das Fest der Inkarnation: Gott wird Mensch. Er begibt sich in die Welt. Gehe ich diesen Weg mit?

Weihnachten: Christen feiern keine anonyme Gottheit und kein unsichtbares Geistwesen. Ihr Gott hat sich nicht bloß irgendwie auf eine Beziehung mit den Menschen eingelassen. Er ist selbst Mensch geworden, Person aus Fleisch und Blut, zur Welt gekommen dank einer Frau, die die Mühen einer Schwangerschaft und die Strapazen einer Geburt auf sich genommen hat. Er, Jesus, ist geboren worden in einem Stall unter ärmlichen Bedingungen in einer Futterkrippe für das Vieh. Die Menschen konnten Jesus sehen, hören, berühren. In ihm ist Gott greifbar geworden. Er hat das Schicksal der Menschen geteilt. Mensch sein heißt, er hat als Baby geschrien und in die Windeln gemacht. Mensch werden, das bedeutet einen langen Prozess des Lernens: Sprache, soziales Verhalten, Fertigkeiten, Bräuche. Mensch sein heißt, sich stark und lebendig fühlen, angenommen werden, lieben, Ideen haben, feiern. Mensch sein heißt aber auch zornig sein, Ablehnung erfahren, Schmerzen zugefügt bekommen, Krankheit erdulden, innere Dunkelheit erleiden, scheitern, sterben.
Der christliche Glaube braucht Gebet, Besinnung, Bekenntnis. Aber er drängt auch zur Inkarnation, will Spuren hinterlassen, etwas bewegen, etwas schaffen, das den Menschen nützt. Inkarnation bedeutet, Glauben sichtbar und greifbar machen, etwas hervorbringen, das bleibt, das gut in das Vorhandene passt, das etwas voranbringt, Projekte, Werke, Aktionen – Leben!

Beim Problem ansetzen
Inkarnation aber soll keinesfalls blinder Aktionismus sein. Also wo sinnvoll anfangen? An der Seite der Menschen. Dort, wo es weh tut. Die Schwierigkeiten und Dramen der Menschheit im Kleinen wie im Großen rufen nach Veränderung. Das ist oft genau da, wo es aussichtslos scheint, wo ich am liebsten wegschauen würde, mich in eine vermeintlich heile Welt verkriechen möchte. Ich denke an Gestrandete, Orientierungslose, Drogenabhängige, Kranke, Einsame, auf die niemand achtet, Kinder, um die sich kaum jemand kümmert, Geflüchtete… Ich will umdenken lernen: Ein Problem ist ein Hindernis, ja, aber nicht die Endstation! Ein Problem ist eine Chance. Ein Ansporn, es aus dem Weg zu räumen. Mehr noch: Es kann zum Sprungbrett werden, weil es neue Ideen freisetzen, Kräfte bündeln, Menschen über sich hinauswachsen lassen kann.
Voraussetzung ist sicher, dass ich das Problem gut kenne, es durchdrungen habe. Dass ich die Menschen verstehe, die darunter leiden, ein Herz für sie habe, ihnen nahe bin, mich in ihre Haut versetzt habe, „geweint habe mit den Weinenden“.

Verantwortung übernehmen
Wie oft bin ich geneigt, die Not meiner Mitmenschen weit von mir zu weisen! Ich kann mich doch nicht um alles kümmern! Bin ich denn auch noch dafür verantwortlich? „Bin ich denn der Hüter meines Bruders?“ So die Rückfrage Kains in der Schöpfungsgeschichte auf die Frage Gottes, wo denn sein Bruder Abel sei. Ja! Ja, ich bin mitverantwortlich, wenn ich davon ausgehe, dass alle Menschen gleich wertvoll sind und von Gott genauso geliebt werden wie ich. Auch wenn es natürlich stimmt, dass ich mich nicht um alle gleichermaßen kümmern kann.
Aber ich stehe in der Verantwortung. Zu meiner Verantwortung gehört es, zu entscheiden, wo ich gefragt bin. Ich habe Talente, die ich nicht allein zu meinen Gunsten zur Entfaltung bringen kann. Die Talente habe ich erhalten auch, um „damit zu wuchern“, also Gutes hervorzubringen. Sie sind mir auch anvertraut für den Dienst an anderen, an der Gemeinschaft.
Auch hinter dem, was ich bei einzelnen Mitmenschen leicht als Fimmel, als fixe Idee, als Manie abtue, könnte ein Talent stecken: Möglicherweise sehen sie unbeirrt ein Problem, das nach einer Lösung schreit, bei dem viele andere schon längst nicht mehr daran glauben, dass es überhaupt lösbar ist.

Etwas riskieren
Inkarnation kann – wie von den Umständen der Geburt von Jesus überliefert – mühsam sein. Probleme zu lösen, etwas Neues hervorzubringen, für andere Kreativität und Muskelkraft einzusetzen, ist mit einem Preis verbunden. Es kostet Anstrengungen, Opfer, Zeit, Schweiß, Geld. Manchmal muss ich meine eigenen Vorstellungen verlieren, meine Bequemlichkeit, meine vermeintlichen Sicherheiten. Es kann meinen guten Ruf kosten. Ich verliere etwas von meinem Leben. Aber ich glaube daran, dass es sich lohnt, dass ich auch etwas gewinne: Das kann Freundschaft sein, Weisheit, Reife, Erfahrung, tiefe Freude, inneren Frieden, eine stärkere Verbundenheit mit Gott.
Verantwortung übernehmen kann ich für einzelne Menschen, einzelne Situationen oder in Bezug auf größere Herausforderungen: allein oder gemeinsam mit anderen. Damit ist immer auch ein Risiko verbunden. Zum einen, weil ich selbst begrenzt bin, weil wir unsere Fehler haben. Zum anderen kann mein oder unser Engagement mit Entscheidungen verbunden sein, die gegen den Strom der Mehrheitsmeinung gerichtet sind. Es kann Neid, Kopfschütteln, Gegenwind hervorrufen. Ich kann deswegen ausgegrenzt werden, Nachteile erfahren. Daher braucht es Bereitschaft zum Risiko. Inkarnation braucht eine Vision, warum und wofür wir etwas schaffen, verbessern, einbringen wollen. Sie braucht aber auch Mut.
Es gibt viele bewundernswerte Beispiele für Inkarnation: Die Bewegung Nuovi Orizzonti von Chiara Amirante und die Fazendas da Esperança bahnen Suchtkranken einen neuen Weg ins Leben. Die Gemeinschaft Sant’Egidio steht Obdachlosen und Ausgegrenzten zur Seite und arbeitet in Konfliktregionen an der Wiederherstellung des Friedens. Der von Schwester Lea Ackermann gegründete Verein Solwodi richtet Opfer von Menschenhandel und Prostitution wieder auf. Das sind Werke mit Leuchtturmcharakter. Wir müssen aber nichts Großes vollbringen. Mir sind genauso eine Reihe von Bekannten vor Augen, die sich liebevoll um alleinstehende Senioren kümmern, für den Nachbarn einkaufen, ein Herz für den Umweltschutz haben oder Flüchtlingen Deutschunterricht geben. Vielleicht reichen unsere Kräfte nicht einmal mehr, etwas Kleines zu vollbringen. Aber dann können wir immer noch denen den Rücken stärken, die gute Ideen haben oder die Ärmel hochkrempeln können. Es kann unser Teil sein, sie anstelle von Missgunst und Argwohn einfach nur unsere moralische Unterstützung spüren zu lassen. Es geht nicht darum, etwas zu tun, sondern darum, dass unsere Überzeugungen auch sichtbare und erlebbare Konsequenzen haben, dass unser Glaube auch ausstrahlt und das ganze Sein des Menschen erfasst. Er hat das Potenzial, die Welt zu verändern.
Weihnachten fasziniert mich, weil der grenzenlose Gott ein hilfloses Baby wurde. Und es fordert mich heraus. Denn ich frage mich, was er uns damit sagen will. Unter anderem vielleicht, dass Inkarnation nicht sein Privileg ist. Er hat sie vorgemacht. Und dann uns anvertraut.
Clemens Behr

(Erschienen in der gedruckten Neuen Stadt, November/Dezember 2017)
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