Mut zur Schwäche

Scharfsinnig, weise, liebenswürdig, unermüdlich im Einsatz für Frieden und Versöhnung zwischen Juden und Christen, ein Brückenbauer zwischen den Religionen, der aber auch klar seinen Standpunkt vertritt: Rabbiner Henry G. Brandt lässt die Lobeshymnen geduldig über sich ergehen,  die bei den Feiern rund um seinen 90. Geburtstag angestimmt werden. Zuweilen macht er dann augenzwinkernd darauf aufmerksam, dass das doch nur eine Seite von ihm sei.

Und im Interview  darauf angesprochen, gibt er bereitwillig Auskunft, was er als seine Schwachpunkte ansieht. Das ist sympathisch, das hat Format: ein lebenserfahrener und gefragter Mann, der Verantwortung trägt, vieles in seinem Leben erreicht hat – und sich doch seiner Grenzen bewusst ist und Bescheidenheit ausstrahlt!

Titelbild NEUE STADT 1/2018 (Januar/Februar) – Gestaltung: elfgenpick.de

Dezember 2017. Die Ankündigung von Präsident Trump, Jerusalem als Hauptstadt Israels anzuerkennen, bringt die Palästinenser in Rage. Die Fragen um den Umgang mit Nordkorea und seinem Atomprogramm sind nach wie vor ungelöst; die Lage im Jemen weiter katastrophal. Der venezolanische Präsident Maduro schließt die bedeutendsten Oppositionsparteien von den Präsidentschaftswahlen 2018 aus. Die weltweiten Waffenverkäufe nahmen 2016 nach fünf Jahren erstmals wieder zu. Und immer wieder Meldungen über  Armut, die uns in Vorbereitung auf das Schwerpunktthema dieses Heftes besonders ins Auge fallen. – Beängstigende Nachrichten. Ungerechtigkeiten. Wie oft ist Macht, Machtmissbrauch mit die Ursache dafür? Nach Bescheidenheit, Demut, Bewusstsein der eigenen Begrenztheit können wir dagegen in diesen Zusammenhängen lange suchen.

Etwas davon finde ich jedoch in den Erfahrungen und in der Haltung von Sigrun Jäger-Klodwig. Wir haben sie gebeten zu schildern, wo sie auf bedürftige Menschen treffen und wie sie ihnen begegnen.
Wie gehe ich mit meinen Mitmenschen um? Wie sieht es mit meiner Bescheidenheit, meiner Demut aus?

Menschen sind verletzlich. Gerade wenn sie schwach, krank, in ihrer Ehre gekränkt, ihrer Würde beraubt, arm sind, wenn sie nicht die gleichen Chancen haben wie diejenigen um sie herum. Wer reich ist, wer stark ist, wer Waffen besitzt, wer Verantwortung trägt, hat Macht! Und ist schnell versucht, sie zu missbrauchen.

Schon wenn ich von oben herab komme, bin ich reich und in der Gefahr, den anderen zu verletzen, zu entwürdigen. Vielleicht muss ich erst meine Waffen strecken, mir meine Ohnmacht eingestehen, schwach, „arm“ werden, um DIR wirklich begegnen zu können.

Herzlichst, Ihr
Clemens Behr

Was meinen Sie zu den Inhalten in diesem Heft?
Ich freue mich auf Ihre E-Mail

(Erschienen in der gedruckten Neuen Stadt, Januar/Februar 2018)
Ihre Meinung interessiert uns, schreiben Sie uns! Anschrift und E-Mail finden Sie unter Kontakt