Vom Geheimnis der Zeit

Wir wollen sie managen, nutzen, sparen, keinesfalls nutzlos verstreichen lassen, manchmal festhalten oder zurückdrehen. Nicht nur zum Jahreswechsel lohnen sich Gedanken zum Umgang mit unserer Zeit.

Wenn Sie diese Zeilen lesen, liegt der Jahreswechsel hinter uns. Wie haben Sie ihn erlebt? War die Zeit von Freude und Zuversicht geprägt, von Energie und Aufbruch, vom Grundtenor: neues Jahr, neue Chancen?
Oder waren Nostalgie und Wehmut tonangebend: wieder ein Jahr vorbei, mit Freud und Leid, Angefangenem und Vollendetem, mit verpassten Möglichkeiten und genutzten Chancen?
Feiertage. Gedenktage. Jahrestage. Sie sind „Nahtstellen“ zwischen Vergangenheit und Zukunft und machen unübersehbar: Die Zeit verfliegt! Der Jahreswechsel rückt das besonders ins Bewusstsein. Wir erleben es aber auch im Alltag – aufrüttelnd dann, wenn unvermutet, ohne „Vorwarnung“, jemand aus Familie, Verwandt- oder Bekanntschaft aus dem Leben gerissen wird.
Die Zeit ist endlich, und sie verfliegt. Wer kennt nicht – zumindest in bestimmten Augenblicken – den Wunsch, sie festzuhalten, und die Sehnsucht, etwas daraus zu machen?

Zeit-Geschichte
Zeit ist in unserem Kulturkreis ein wertvolles Gut. Obwohl wir alle gleich viel davon haben: jeden Tag 24 Stunden und jede Stunde 60 Minuten. Dennoch: Tipps zum Planen, zum „richtigen“ Umgang, Seminare und Bücher rund ums Zeitmanagement erleben schon seit Jahren einen Boom. Unsere Vorfahren haben sich hingegen wenig für Zeit interessiert. Sie haben nach den Rhythmen der Natur gelebt. Zeit war für sie gebunden an das Wetter und die Jahreszeiten, und bis heute spiegelt sich das in romanischen Sprachen wider: temps (franz.), tiempo (span.), tempo (ital.) bedeuten dort sowohl Zeit wie Wetter. Man lebte nach der Sonnenuhr und den Rhythmen, die die Natur vorgab. Und die waren im Großen und Ganzen absehbar, aber nicht starr.
Erst am Ende des Mittelalters erfanden Mönche die mechanische Uhr. Sie funktionierte nicht nach variablen Rhythmen, sondern „taktete“ das Leben, schuf eine neue Maßeinheit. Letztlich ist das die Grundlage für die späteren industriellen Entwicklungen und dafür, dass Güter- und Geldwohlstand stiegen. Aber mit dem ökonomischen Leitsatz „Zeit ist Geld“ von Benjamin Franklin hielten auch Hetze und Rastlosigkeit Einzug im Alltag. Der (Güter-)Wohlstand wurde mit einem Zeit-Notstand bezahlt. „Zeit zu managen“ wird zur beständigen, manchmal bedrängenden Anforderung, die Beruf, Familie und Freizeit in allen Lebensphasen kennzeichnet; dabei, so Zeit-Experten, können wir „Zeit“ gar nicht „managen“, sondern nur uns selbst. Interessant, dass sie in den letzten Jahren mit zunehmender Verbreitung der Tempo- oder Geschwindigkeitskultur auch immer häufiger „Entschleunigung“, Mut zur Langsamkeit und die Abkehr vom Tempowahn anmahnen. Zeitsouveränität bedeutet demzufolge, innerhalb der gegebenen Rahmenbedingungen Zeit und damit das Leben zu gestalten. Sich auf das konzentrieren, was einem wichtig ist, sowohl beruflich wie auch privat. Planen und Vorausschauen wird damit nicht überflüssig: Kalender, Zeitplanbuch, Smartphone helfen, den beschleunigten Arbeitsalltag besser in den Griff zu bekommen, eindeutige Prioritäten zu setzen und konsequenter mit „Störfaktoren“ und „Zeitdieben“ umzugehen. Wer sich dabei aber nicht darüber im Klaren ist, welche Ziele er verfolgen will, ist weiterhin im Zeitstress – jedoch wesentlich professioneller organisiert.

Schlüssel-Moment
Einig sind sich alle Zeit-Experten: Der gegenwärtige Augenblick ist der Schlüssel für ein gutes Zeitmanagement, für Lebenszufriedenheit, für eine ausgewogene „Work-Life-Balance“, wie das gute und gesunde Gleichgewicht von Tun und Nichtstun neudeutsch heißt. Der Augenblick ist die einzige und zugleich immer neue Pforte, durch die uns „Zeit“ gegeben wird. In einer Kette von Jetzt-Momenten entscheidet sich unser Leben. Carpe diem, sagten die Römer, nutze den Tag. Eine bekannte Lebensregel.
Auch alle großen Religionen kennen die Empfehlung, das Geschenk des Augenblicks nicht auszuschlagen, sondern sein Geheimnis zu entdecken. „Unsere Verabredung mit dem Leben findet im gegenwärtigen Augenblick statt. Und der Treffpunkt ist genau da, wo wir uns gerade befinden“, lehrt Buddha. Der Islam kennt die Weisung, am Abend nicht bis zum Morgen zu warten und am Morgen nicht bis zum Abend. Und aus der jüdischen Tradition stammen die drei bekannten Fragen: „Wo, wenn nicht hier? Wann, wenn nicht jetzt? Wer, wenn nicht wir?“
Hier und jetzt leben – niemand kann das an unserer Stelle tun. Auch Jesus verweist nachdrücklich auf die Gegenwart, wenn er etwa im „Vater unser“ lehrt, nur um das Brot für heute zu bitten oder bei Matthäus (6,34) sagt: „Sorgt euch nicht um morgen … jeder Tag hat seine eigene Plage.“ Daran anknüpfend empfiehlt die christliche Tradition das Leben im Jetzt als spirituell bedeutsame und menschlich kluge Lebensregel.
Mir helfen dabei Bilder und Vergleiche von Chiara Lubich, mit denen sie einlädt, „den gegenwärtigen Augenblick zu leben“. Sie prägen meinen Lebensweg und fordern mich immer wieder neu heraus. So etwa das Bild vom Reisenden im Zug: Der Zug – die Zeit – geht von allein weiter. Was nützt es da, auf und ab zu gehen? – Oder wenn sie das Leben mit einem Band vorbeieilender Kerzen vergleicht, die nacheinander anzuzünden sind. Wenn wir eine verpassen, nützt es nichts, ihr lange nachzublicken, sondern: neu beginnen, die jetzt vorbeilaufende anzünden.

Mit Glanzpotential
In der griechischen Mythologie gibt es den Gott Kairos: Sein Kopf ist kahl, er hat nur an der Stirn eine große Strähne, an der man ihn ergreifen und festhalten kann – „am Schopf packen“ – wenn er auf einen zukommt. Ist er vorüber, kann man ihn nicht mehr festhalten. In biblischen Texten bezeichnet der „Kairos“ einen von Gott gegebenen Zeitpunkt, eine besondere Chance und Gelegenheit. Diese Gelegenheit hat ihre begrenzte Zeit. Einen Kairos kann man versäumen.
Im Wissen um den Ernst des Augenblicks, der nicht wiederkommt, das tun, was jetzt zu tun ist, das heißt in biblischer Sprache „wachsam sein“. Sich ganz und gar darauf konzentrieren – „ganze Sache“ machen; Störungen ausschalten und das, was zu tun ist, sozusagen „festlich leben“. Chiara Lubich nennt das auch „im Jetzt lieben!“ Die Liebe, wie sie das Evangelium lehrt, ist die Wirklichkeit, aus der wir leben können, Augenblick für Augenblick. Und Liebe ist zugleich die Brücke zur Ewigkeit: Sie entreißt unsere Zeit der Vergänglichkeit und verankert sie in jenem nie endenden und immer neuen Augenblick, der Ewigkeit heißt. Es gibt Begegnungen, Momente, in denen wir etwas davon erahnen. Da bleibt Zeit gewissermaßen stehen, scheinbar Alltägliches wird besonders. Diese Momente haben auch im Rückblick auf das Jahr einen besonderen Glanz, Farbe, die sie abhebt vom Grau des Alltäglichen, den „Geschmack von Unendlichkeit“ – und das ist Ansporn, das „Leben im Jetzt“ auch im neuen Jahr wieder neu zu versuchen.
Gabi Ballweg

(Erschienen in der gedruckten Neuen Stadt, Januar/Februar 2018)
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