Diamanten schürfen

Dauerberieselung und der Anspruch ständiger Verfügbarkeit kennzeichnen unseren Alltag. Stille ist aber nicht immer gleichbedeutend mit innerer Ruhe. Warum es sich dennoch lohnt, sie zu suchen – nicht nur in der Ferienzeit.

Manchmal ist es geradezu spannend zu erleben, wie Menschen auf Pausen und Stille reagieren – in einem Gespräch, bei einer Diskussionsveranstaltung: mit Unruhe oder Gelassenheit; mit mehr oder weniger gelungenen Versuchen, die Stille zu füllen, das Schweigen zu durchbrechen oder es einfach auszuhalten. Aber wenn am Ende eines Konzerts oder eines Vortrags für einen Moment völlige Stille herrscht, kann das auch etwas nahezu Heiliges haben. Keiner klatscht, keiner springt auf; alle scheinen die Luft anzuhalten. Dieses gesammelte, erfüllte Schweigen ist dann deutlich mehr als die Abwesenheit von Geräuschen. Da wird spürbar, dass etwas tief angerührt wurde. Manchmal möchte man das festhalten, dem nachspüren.
Urlaubspläne sind sehr vielfältig und so unterschiedlich wie Menschen. Aber für viele ist die Ferienzeit doch eine ausgezeichnete Gelegenheit, aus der Routine und dem Lärm des Alltags herauszukommen, sich der Berieselung mit Geräuschen zu entziehen. Tatsächlich sind wir beständig davon umgeben – auch wenn wir uns an manche so sehr gewöhnt haben, dass wir sie gar nicht mehr wahrnehmen. Sie gehören einfach dazu – die Straßenbahn, die regelmäßig vorbeifährt, die Autos, die anhalten und anfahren, Musik und Durchsagen in Geschäften, klingelnde Handys und lebhafte Gespräche im Bus.

Heilend
Dass Lärm krank machen kann, ist bekannt, und die Weltgesundheitsorganisation spricht von einer „modernen Plage“ und von „Lärmverschmutzung“. Und dass Stille eine heilende Wirkung hat, ist nicht nur eine logische Schlussfolgerung, sondern auch medizinisch erwiesen:
Stille reduziert Stress.  Evolutionsbedingt versetzt Lärm uns in Alarmbereitschaft. Unser Gehirn reagiert und schüttet Stresshormone aus, die wir zwar zum Leben benötigen, die uns jedoch bei überflüssiger Produktion schaden. Eine dauerhaft verstärkte Ausschüttung kann zu Bluthochdruck und anderen körperlichen Symptomen führen.
Stille erfrischt unser Gehirn. Es ordnet und verarbeitet bekanntlich alle eingehenden Informationen. Wenn es pausenlos akustischem Input ausgesetzt ist, bewirkt die Masse an zu verarbeitenden Informationen eine starke mentale Belastung. Die Folge ist ein rapider Rückgang der Konzentrationsfähigkeit und psychische Ermattung. Stille bewirkt deshalb eine Art mentaler „Erfrischung“.
Stille macht kreativ. Wenn wir uns abseits des Alltagstrubels befinden und einfach nur unsere Gedanken schweifen lassen, werden in unserem Gehirn bestimmte Regionen aktiviert. In diesem Zustand bilden sich neue Verknüpfungen und wir „werden kreativ“.
Stille lässt das Gehirn wachsen. 2013 konnten Forscher herausfinden, dass bei täglichen stillen Zeiten neue Zellen im „Hippocampus“ gebildet werden, jener Gehirnregion, die für unser Gedächtnis und unsere Lernfähigkeit zuständig ist.
Kleine Oasen der Stille im täglichen Leben zu finden und regelmäßig aufzusuchen, ist deshalb auch aus gesundheitlichen Gründen ratsam.

Anziehend
Stille wird aber von Menschen und je nach Situation auch sehr unterschiedlich empfunden. Sie kann befreiend, auch sehr beredt sein und in anderen Zusammenhängen fast bedrängend. Trotzdem übt Stille auf viele eine große Anziehungskraft aus. Man sucht sie in Exerzitien, bei Meditationen oder durch Entspannungstechniken, im Trubel des Alltags in einer Kirche oder beim Spaziergang im Wald. Aber freiwillig in die Ruhe zu gehen, erfordert auch Mut. Denn Stille von außen heißt nicht auch innere Ruhe. Im Gegenteil, manchmal scheint unser Gehirn, alles in uns, genau darauf zu warten, um so richtig loszulegen. Nicht nur diejenigen, die nachts manchmal wachliegen, weil die Gedanken in ihrem Kopf durcheinanderstürmen, wenn der Tag zum Schweigen kommt, könnten ein Lied davon singen.
„Die größte Offenbarung ist die Stille“, schrieb schon der chinesische Philosoph Laotse. Und alle Weisheitstraditionen der Welt lehren Wege in die Stille. Innehalten bedeutet vom Äußeren ins Innere finden. Nicht immer ist das, was man da vorfindet, auf den ersten Blick willkommen. Still werden, zur Ruhe kommen und sich dem aussetzen, erfordert deshalb auch Entschlossenheit, die bewusste Entscheidung, sich aus dem Alltag herauszuziehen, das Smartphone abzuschalten, den Fernseher nicht einzuschalten, nicht erreichbar zu sein. Wer still wird, kommt in Berührung mit dem Wesentlichen, mit sich selbst – den Träumen, Wünschen und Werten, Bedürfnissen, Ängsten, mit Schmerz und Trauer. „Die größten Ereignisse — das sind nicht unsre lautesten, sondern unsre stillsten Stunden“, schrieb Friedrich Nietzsche.

Klärend
Und Dietrich Bonhoeffer sagte: „Es liegt im Stillesein eine wunderbare Macht der Klärung, der Reinigung, der Sammlung auf das Wesentliche.“ Sich dem Wesentlichen stellen, die vielfältigen Stimmen in sich zum Schweigen zu bringen und dabei jene herauszufiltern, die klärt, reinigt und aufbaut, verlangt auch ein wenig Übung. Das geht nicht auf Knopfdruck. Und vielleicht ist ja genau deshalb die Ferienzeit besonders geeignet, sich darin einzuüben, diesen stillen Raum zu betreten und die Begegnung mit dieser Macht zu wagen. Das „Hören auf die innere Stimme“ empfehlen heute auch viele therapeutische Richtungen – im Christentum ist damit die Überzeugung verbunden, dass Gott – der Schöpfer – sich in jedem Menschen – seinem Geschöpf und Abbild – bemerkbar machen will. Manchmal ist diese Stimme leise und zart und oft überdeckt von anderen Geräuschen. Chiara Lubich bemerkte einmal, dass „Gott schweigt, wo es laut zugeht, dass er aber in der Stille spricht.“ Und sie fuhr fort: „Ich verstehe die Einsiedler … wie reich an Gesprächen, wie erfüllt ihr Leben sein kann und in welcher Gesellschaft es sich abspielt.“ Trotz dieser Faszination drängte es sie nach solchen Momenten aber hin zu ihrem Alltag: „Gestärkt wende ich mich dann wieder den Menschen zu, um ihnen zu dienen und die Aufgabe zu erfüllen, die er (Gott) mir zugedacht hat. So versuche ich auf Seine Liebe zu antworten, auf jene Worte, die er in der Stille, im Grunde meines Herzens zu mir spricht.“
Stille – Sehnsucht und Herausforderung zugleich, Ort der Begegnung. Die Suche nach jener Innerlichkeit, der inneren Stimme, verglich Chiara Lubich auch einmal mit dem „Schürfen nach einem Diamanten“. Wenn man ihn gefunden hat, lässt man ihn nicht wieder los, und ihn zu finden, ist ein wenig Mühe wert: bewusst Zeiten der Stille schaffen, sie einplanen und beschützen. Ein Vorsatz und ein Wunsch – nicht nur für die Ferienzeit.
Gabi Ballweg

(Erschienen in der gedruckten Neuen Stadt, Juli/August 2018)
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