Zur Zeit der größten Blütenfülle

Pflanzen und England: Mit ihren beiden Vorlieben kann Monika Kossen-Hirth aus Hannover auch anderen Menschen Freude machen – als Begleiterin von Gartenreisen nach Großbritannien.

Fragt man Monika Kossen-Hirth nach ihren Lieblingsgärten, fallen die Namen Great Dixter und Sissinghurst in East Sussex  und Wisley Garden in der Nähe von London. „Wir kommen in Gärten von Leuten wie dem bekannten Gartenbuchautor John Brooks. Auch den Garten von Prinz Charles besuchen wir, Highgrove bei Tetbury, Gloucestershire. Da darf man keine Fotoapparate mitbringen. Und muss schon im Februar anfragen, ob man überhaupt das Glück hat, Karten zu bekommen.“

Fotos: privat

2011 hat Monika Kossen-Hirth erstmals selbst eine Gartenreise mitgemacht. Ihre drei Söhne waren aus dem Gröbsten raus; ihr Garten war daher nicht mehr nur Fußballplatz und ihr Interesse an Pflanzen konnte wieder mehr Raum gewinnen. Die Reise tat ihr gut. „Danach dachte ich, Mensch, das würde ich auch gern machen: mit anderen unterwegs sein, ihnen England zeigen, die wunderschönen Gärten. Und ich hatte den Eindruck, wenn ich mich nicht gleich melde, ist es vorbei. So habe ich mein Herz in die Hand genommen und den Veranstalter angerufen.“ Die Bewerbung geschickt, zu einem Gespräch hingefahren, und schon am darauf folgenden Tag kam die Zusage. So arbeitet sie seit sechs Jahren freiberuflich für einen Spezialanbieter von Gartenreisen mit Sitz im Münsterland.
Zwischen April und September ist Monika Kossen-Hirth inzwischen unterwegs. Nicht mehr nur in England; auch Frankreich und die Niederlande sind in ihrem Repertoire. Anfang Juli hat sie gerade eine Fahrt zu den Gärten an der Loire hinter sich und bereitet sich auf die nächste nach Holland vor. Sechs, sieben Tage dauern sie meist; die Gruppengröße liegt zwischen zwanzig und dreißig Personen. „Die Reisegruppen setzen sich meist zu drei Vierteln aus Frauen und einem Viertel aus Männern zusammen: Ehepaare, Freundinnen, Mütter mit Töchtern, aber auch Mütter und Söhne.“ Nicht nur Deutsche sind vertreten, auch Österreicher und Schweizer gesellen sich dazu. Zudem kommen viele Alleinreisende mit, die rasch Kontakt finden, weil es leichtfällt, sich über Pflanzen, Kompostierungsmethoden oder die Gestaltung des eigenen Gartens zu unterhalten.
Die Hoch-Zeit der Gartenreisen ist die Sommersaison. Aber wer schon im Februar Zeit hat, kann eine Schneeglöckchenreise machen und sich Lenzrosen anschauen. „Und im April kann man in Cornwall die Rhododendronblüte sehen. Aber die Hauptmonate sind Mai, Juni und Juli, weil da die Blütenfülle am größten ist.“ Ziel ist zumeist eine bestimmte Region, Yorkshire, Kent, East Anglia, Devon und Somerset, Shropshire … „Die Gärten sind häufig privat und liegen zum Teil sehr versteckt“, erklärt die 55-Jährige, „weit weg von den Hauptstraßen. Gerade auf den engen Strecken kann der Bus nicht so schnell fahren. Da liegt es nahe, sich auf ein Gebiet zu konzentrieren.“ Zwei, drei Gärten stehen pro Tag auf dem Programm.
Fantastische Rosengärten kann man im Juni in den Cotswolds bewundern. Dort ist auch die Rosenzucht von David Austin ansässig, dessen Rosen in vielen unserer Gärten blühen und duften. Great Dixter, prächtiger Garten des verstorbenen Christopher Lloyd, wird heute von seinem „Head Gardener“ Fergus Garrett geführt und bietet immer wieder neue Aha-Erlebnisse in Form von spannenden Pflanzenkombinationen vor dunkelgrünen Eibenhecken. Das nahe gelegene Sissinghurst ist eine Anlage aus unterschiedlichsten Gartenzimmern, die die Schriftstellerin Vita Sackville-West und ihr Mann Harold Nicolson geschaffen haben und die heute perfekt von Gärtnern des National Trust gepflegt werden.
Monika stammt aus Wildeshausen im Oldenburger Land, wo ihr Vater einen großen Garten pflegte und bearbeitete. Von klein auf begeisterte sie sein Hobby. „Ich habe aber nicht daran gedacht, das zum Beruf zu machen. Leider!“, bedauert sie. Sie lernte erst Buchhändlerin, studierte dann Betriebswirtschaft in Münster. Ein Jahr verlebte sie als Au-pair-Mädchen in Birmingham. „Das hat mir großen Spaß gemacht. Und die Verbindung zu England ist geblieben. Als Kind las ich die Kinder- und Jugendromane von Enid Blyton; zudem wuchs das Interesse an Geschichte und Kultur. Ich hatte früher den Eindruck, England sei nicht wie unser Land im Zweiten Weltkrieg zerstört worden. Für mich war es immer ein heiles Land. Was ja so nicht stimmt, denn viele Städte in England wurden bombardiert.“
Treffpunkt für die Gartenreisen ist meist Duisburg. Dort startet der Bus. Fünf Stunden bis Calais, dann eineinhalb Stunden mit der Fähre über den Ärmelkanal. „Unterwegs stimme ich die Reisenden auf das Land ein: Schulsystem, Pub-Kultur, Höflichkeit – Engländer sind extrem aufmerksam.“ Zur Veranschaulichung erzählt Monika Kossen-Hirth von einer Fahrt, zu der ein älterer Herr schon mit einem gebrochenen Arm ankam. Er war bei der Anreise gestolpert. „Es war schon spät. Wir sind in die Notaufnahme eines Krankenhauses gefahren. Sie war überfüllt. Das staatliche Gesundheitssystem hat keinen besonders guten Ruf, aber der Arzt, an den wir gerieten, war super. Obwohl eine Reihe von Patienten wartete, nahm er sich Zeit, kümmerte sich mit Ruhe um den Mann, röntgte ihn, gipste den Arm ein, richtete das Gelenk. Bis er sagte, oh, jetzt habe ich keine Schmerzen mehr! – Das zeichnet die Engländer aus: sich trotz widriger Umstände voll auf die anderen einzulassen!“ – Während der Busfahrt erzählt sie der Reisegruppe von Gewohnheiten wie dem Schlangestehen, dass man sich nicht vordrängelt. „Die Mitfahrer sollen ein Gespür kriegen für die Menschen und ihre Kultur.“
Monika Kossen-Hirth hat schon viele Gärten besucht, kann aber bei Weitem nicht alle kennen. „Weil wir immer wieder neue anschauen, bereite ich mich intensiv auf jede Reise vor und bilde mich ständig weiter. Mich mit Pflanzen und Gärten zu beschäftigen, ist reines Vergnügen!“ Dass gerade England eine besondere Gartenkultur pflegt, führt sie unter anderem auf das Klima zurück. „Im Frühjahr und im Herbst regnet es viel, daher das viele Grün. Und es gibt kaum Frost, was eine große Bandbreite an Pflanzen ermöglicht.“ Die Engländer sind gern draußen. Reiten, Picknicken, Vögel beobachten: Viele Hobbys zeugen davon. Zur „Chelsea Flower Show“ kommen in einer Woche im Mai 20 000 Gartenfreunde pro Tag nach London. „Die Karten sind schon lange im Voraus ausverkauft. Über dreißig Gärten werden eigens dafür angelegt; die Gäste nehmen sich neue Ideen mit. Abends trifft man sich dort auf ein Glas Champagner.“ Die „Flower Show“ wird zur besten Sendezeit im Fernsehen übertragen: ein Zeichen, wie stark Gärten und Pflanzen zur Kultur gehören. Bei der Gartenshow unterhielt sich Monika Kossen-Hirth einmal angeregt, als ein Herr im rosafarbenen Hemd erschien. „Die Frauen wurden auf einmal ganz still und raunten sich dann zu: ‚Oh, Alan …!’ – Der Herr war Alan Titchmarsh, ein in England berühmter Gartenexperte. Erstaunlich, was für ein Ansehen dieser Beruf genießt!“
Reisegäste, die immer alles besser wissen, hat sie selten erlebt. Ein Herr war ihr allerdings schon am ersten Reisetag unangenehm aufgefallen. Er reagierte schnell mit Kritik, wenn sie Fragen nicht sofort beantworten konnte, und wusste alles über eine bestimmte Baumsorte. Schon in der ersten Nacht im Hotel hatte er Sonderwünsche angemeldet und ein spezielles Bettlaken verlangt. Ihr Anliegen ist es, allen Mitreisenden ein unvergessliches Erlebnis zu ermöglichen. „Am nächsten Abend im nächsten Hotel habe ich ihm gleich das Speziallaken aufs Zimmer bringen lassen, ohne dass er es wusste. Tags drauf kam er auf mich zu und fragte, ob ich das veranlasst hätte. Das hatte er wohl nicht erwartet!“ In der Folge fand er besser in die Gruppe hinein und spielte sich nicht mehr so auf. „Wenn die Leute sich sehr gut auskennen, ernenne ich sie gern zu meinen Assistenten. So können sie ihr Wissen einbringen, aber auf eine Weise, die den anderen nicht auf die Nerven geht. Und ich persönlich finde es schön, wenn man voneinander lernen kann.“
Der Verkehr kann der Reisegruppe schon mal querkommen. Steht der Bus im Stau – zum Beispiel auf dem Autobahnring um die Neunmillionenstadt London, führt das leicht zu ärgerlichen Verspätungen. Aber Monika Kossen-Hirth ist dafür gewappnet. „Ich habe viele Geschichten dabei, die sich um Gärten, Pflanzen und Menschen drehen. Mit denen tauchen wir in eine andere Welt ein. Gerade, wenn es im Bus länger dauert und der Ärger steigt, helfen sie zu entspannen.“ Literatur holt die Reisebegleiterin auch bei anderen Gelegenheiten aus der Tasche. „Zu Beginn des Tages gibt es im Bus ein Morgen-, zum Abschluss ein Abendgedicht. Das mögen die Leute.“
Die Gärten, die sie zusammen anschauen, sind manchmal nur 1 000 Quadratmeter, manchmal aber auch viele Hektar groß. Einige gehören Adelshäusern, andere sind im Privatbesitz von Reichen, die ihr Geld in der Finanzwelt gemacht haben, oder von ganz einfachen Leuten. „Toll, dass sie ihre Gärten öffnen! Nach einem ausführlichen Rundgang sitzen wir dann bei Kaffee und Kuchen auf der Terrasse und fühlen uns wie Schlossherren.“ Vor allem die Gespräche mit den Eigentümern sind wertvoll. „Mit ihnen fachsimpeln wir, bekommen Gartentipps, werden auf neue Pflanzen oder Pflanzenkombinationen hingewiesen. Diese Begegnungen bleiben vielleicht am meisten in Erinnerung.“
Was Nerven kosten kann, sind die Ansprüche mancher Mitreisender, sei es die zu geringe Zimmergröße, der Service oder das englische Essen. Kommen Beschwerden oder Kritik, ist ihr wichtig, gut zuzuhören und ihr Möglichstes zu versuchen, um die Situation zu verbessern, auch wenn manche Dinge sich nicht ändern lassen. Als Reiseleiterin hat Monika Kossen-Hirth großen Einfluss auf die Atmosphäre in der Gruppe. „Es kann immer mal jemand schlecht geschlafen haben. Oder der Teppichboden in einem Zimmer abgelaufen sein. Dann hängt es davon ab, wie ich reagiere.“ Sie kann erklären, dass Engländer zuweilen ein anderes Ästhetikempfinden haben: „Shabby“ ist chic, ein bisschen verschlissen hat Charme, nicht alles muss tadellos sein.
Ihr Bemühen, die Mitfahrenden immer wieder anzusprechen und sie auch untereinander ins Gespräch zu bringen, trägt oft Früchte. „Ich kehre von den Reisen sehr beschenkt nach Hannover zurück. Schön zu erleben, wie eine bunt zusammengewürfelte Reisetruppe zusammenwächst. Dann fällt es am Ende richtig schwer, sich zu verabschieden!“ Zu einigen bleibt der Kontakt. „Man schreibt sich; ich bekomme ein Glas Marmelade zugeschickt oder ein Büchlein mit Gedichten. Diese Dankbarkeit ist es, die mich antreibt, die mir hilft, auf die Menschen zuzugehen und sie jeden Tag neu zu sehen.“
Clemens Behr

(Erschienen in der gedruckten Neuen Stadt, Juli/August 2018)
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