Wer darf dazugehören?

Unsere Identität speist sich aus vielen Elementen. Aber wovon hängt es ab, ob wir Menschen, die anders sind, als Bedrohung oder Bereicherung sehen? Im Gespräch mit der Zwickauer Identitätsforscherin Beate Mitzscherlich.

Was bedeutet Identität, Frau Mitzscherlich? Was macht sie aus?
Identität macht sich über Zugehörigkeit und Abgrenzung fest. Die Zugehörigkeit kann sich auf soziale Gruppen beziehen, aber auch auf spirituelle Inhalte, Regionen, imaginäre Gemeinschaften. Früher hat man sich Identität als geschlossenes Gebäude vorgestellt. Für den Psychologen Erik Erikson fußte sie in den 1950er- und 60er-Jahren auf drei Säulen: einer beruflichen, familiären und einer auf Werte bezogenen Identität. Später sind Identitäten „flüssiger“ geworden, weniger festgelegt; wir sprechen von „Patchwork-Identität“. Zwar sind Beruf, Familie, Werte nach wie vor zentral, aber es gibt auch Teilidentitäten, die in bestimmten Lebensphasen eines Menschen wichtig werden können: durch soziale Rollen, die er einnimmt, oder dadurch, dass er den Wohnort oder das Land wechselt.

Ist es ein Grundbedürfnis, eine Identität zu haben?
Das darunterliegende Bedürfnis ist die Zugehörigkeit. Die ist aber durch die berufliche Mobilität, Migration und den offenen Informationsaustausch nicht mehr so eindeutig vorgegeben wie früher. Offensichtlich ist es ein Grundbedürfnis, eine Kohärenzerfahrung zu machen, also das Gefühl zu haben, einen stimmigen inneren Zusammenhang herstellen zu können und äußerlich eingebunden zu sein. Auch das ist heute nicht immer leicht. Denn selbst wenn Sie sesshaft bleiben, kann sich Ihre Umgebung stark verändern. Sicherheiten, die man für unumstößlich hielt, lösen sich so schnell auf. Identität setzt an diese Stelle das Gefühl einer inneren Logik und braucht eine soziale Einbindung. Wir sprechen von „Identitätsarbeit“: Das ist kein schöner Begriff, drückt aber aus, dass wir immer wieder auf Veränderungen reagieren müssen. Eine Identität aufgrund der Geburt oder einer mit 20 Jahren getroffenen Entscheidung trägt heute nicht mehr ein ganzes Leben lang.

Inwiefern hängt Identität mit „Heimat“ zusammen?
Klassisch wurde Heimat als fester, angeborener und beibehaltener Platz gedacht. Mit der wachsenden Mobilität stellt sich die Frage: Bezieht sich Identität noch auf Orte oder nur auf soziale Gruppen oder Beziehungen, die nicht einmal mehr gruppenförmig sind? – Beides spielt eine Rolle: Da wir in einem Körper leben, beziehen wir uns auf Räume, aber nicht mehr nur auf die Herkunftsorte. Menschen sprechen inzwischen von „Heimaten“, obwohl es den Begriff bis vor einigen Jahren nur in der Einzahl gab.
Natürlich versuchen Menschen, ihren Ort zu schützen, nicht jede Veränderung mitzugehen, um die Erfahrung von Kontinuität und Kohärenz zu machen. Sie müssen aber genauso ihre Identität weiterentwickeln. So gehen junge Leute für ein paar Jahre nach Frankreich oder in die USA nicht nur, weil es schick für die Biografie ist, sondern auch, um eine andere Erfahrung mit sich selbst zu machen. Denn unter „Gleichartigen“ stellt sich die Frage der Identität kaum. Erst unter „Andersartigen“ will ich wissen, wo ich herkomme und was mich ausmacht. Identität ist etwas Dialogisches. Sie entsteht, indem ich mich anderen erzähle.

Ich denke an Kinder von Eltern, die aus verschiedenen Ländern kommen und in einem dritten Land aufwachsen, oder von Migranten: Wie entwickelt sich Identität bei ihnen?
Das hängt davon ab: Ist eine doppelte Staatsbürgerschaft möglich oder müssen sie sich für eine entscheiden? Elemente verschiedener Kulturen können sich mischen. Für ein Kind ist das kein Problem: Womit es aufwächst, das ist die Normalität. Wenn der Vater mit ihm französisch spricht, die Mutter englisch und die Mitschüler deutsch, nimmt es das alles auf. Ein Konflikt entsteht erst, wenn es seine durch die Vielfalt entstandene Identität als normal empfindet, aber außerhalb der Familie als Fremder behandelt oder gedrängt wird, sich für das eine oder das andere zu entscheiden. Passt es sich diesen Erwartungen an, kann es zu Brüchen mit seiner Familie kommen, die ihm bisher Halt gegeben hat.

Sie sagten anfangs, dass auch Abgrenzung zur Bildung von Identität gehört. Inwiefern?
Wir versuchen, uns in einer hierarchisch gedachten sozialen Welt einzusortieren. Und zwar lieber bei Gruppen, die einen höheren Status haben. Aber wenn Menschen das nicht gelingt, weil sie aus einer eher armen, bildungsschwachen Schicht kommen, kann sich eine „polemische Identität“ entwickeln, die unsachlich ist und andere herabwürdigt. Das ist für arabische Jugendliche in französischen Vorstädten untersucht worden. Wenn sie in Frankreich geboren sind, gelten sie zwar als Franzosen, haben aber trotzdem einen schwächeren Status. Daher laden sie ihre kulturelle Identität polemisch auf, auch gegen Frankreich, um Selbstwert und Selbstachtung aufzubauen.
Geht die eigene Abgrenzung mit der Ausgrenzung anderer einher, stecken oft Verteilungskämpfe dahinter: Konkurrenz um günstigen Wohnraum, höhere Bildung, Arbeitsplätze, gesellschaftliche Anerkennung. Dazu gesellt sich die Propaganda, die bestimmten Gruppen bestimmte Charakterzüge oder Verhaltensweisen zuweist.

Wer entscheidet, was als „typisch“ anerkannt ist? Woran wird gemessen, wer dazugehören darf?
Einerseits beeinflussen politische Definitionen über das Grundgesetz und das Staatsbürgerschaftsrecht das Selbstverständnis der Menschen. Andererseits beruht Identität auf Anerkennung. Mir wird von anderen Zugehörigkeit bescheinigt oder aberkannt. Wenn ich mich als Deutsche fühle und die anderen sagen: „Du hast aber schwarze Haut!“, kann ich noch so in Deutschland geboren und aufgewachsen sein, ich werde nicht als zugehörig empfunden. Oder ich bekomme zu hören: „Sie sprechen aber gut Deutsch!“ Als Mesut Özil die Fußballnationalmannschaft verließ, haben wir erlebt, dass Merkmale wie Namen und kulturelle Herkunft im Konfliktfall zur Ausgrenzung benutzt werden. Da ist die Frage, inwieweit die Mehrheitskultur die Norm setzt und Minderheiten ihre Abweichungen rechtfertigen müssen.

Warum sorgen sich Menschen, ihr Deutsch- oder Österreichischsein könnte verloren gehen?
Dass Menschen anders aussehen und andere Gewohnheiten haben, muss an sich noch kein Problem sein. Zumindest für den, der sich sicher ist, dass unser gesellschaftliches System gut ist, funktioniert und ausreichend Zusammenhalt stiftet. Aber diese Gewissheit ist vielen abhanden gekommen. Wie soziale Sicherheit geben und den Zusammenhalt stärken? Eine schwere Aufgabe für Politiker! Die Bürger messen es an ihrer Lebenswirklichkeit: Funktioniert die öffentliche Verwaltung? Kann ich mich sicher fühlen? Lernt mein Kind etwas in der Schule? Wenn nicht, sagen manche schnell, unser Land ist bedroht.

Was bestimmt noch, ob wir Menschen, die anders sind, als bedrohlich oder bereichernd sehen, diskriminieren oder nicht?
Da sehe ich drei Dimensionen. Neben den schon angesprochenen, der wirtschaftlichen und der politischen, auch eine psychologische: Habe ich die Erfahrung von Bereicherung durch andere gemacht? Ein Teil meiner Studierenden in Zwickau hat zu Hause eine eher fremdenfeindliche Haltung mitbekommen. Wir haben ein Interview-Seminar gemacht zum Thema Migration und Integration. Sie sollten Menschen befragen, die Angst haben, andere, die sich um Integration kümmern, und Zuwanderer. Ich habe festgestellt: Sobald sie ein Gegenüber haben, entsteht Dialog und ihre Weltsicht bewegt sich. Sie wird sich nicht völlig ändern; man hört auch: „Der persönlich war ja ganz nett, aber seine Gruppe ist trotzdem böse.“ Dennoch: Sozialpsychologisch ist Begegnung der einzige Weg, den anderen als Menschen wahrzunehmen und nicht als Angehörigen einer Gruppe, über die ich mein Urteil längst gefällt habe.
Manche wollen aber gar keine Begegnung! Da weiß ich auch nicht, was man tun kann. Umerziehung, Bekehrung funktioniert nicht. Es muss von innen kommen. Was man verändern kann, ist die öffentliche Debatte. Wenn sich Politiker menschenfeindlich äußern, bringt das bestimmte Gruppen in Gefahr. Es ist ein Spiel mit dem Feuer, eine Gruppe zum Sündenbock für ungelöste politische, wirtschaftliche, gesellschaftliche Aufgaben zu machen.
Der Begriff „Identitätsarbeit“ tut, als läge die Identitätsbildung nur an uns. Aber nicht alles ist in unserer Hand. Begegnung mit dem Unbekannten zuzulassen setzt voraus, dass man sich seiner Person und seiner Identität einigermaßen sicher ist.

Und was gibt ihr Stabilität und Sicherheit?
Soziale Netzwerke, also Rückhalt in sozialen Beziehungen. Wir könnten auch sagen, eine kontemplative Art der aktiven Lebensbewältigung. Nicht nur die Haltung: Wenn mein Job weg ist, muss ich halt einen neuen suchen. Sondern dann innehalten und verstehen, was bedeutet das? Wohin verändert sich die Gesellschaft? Sich fragen: Wo gehe ich mit, bei welcher Veränderung nicht? Auch unsere Psyche braucht eine Grenze, über die wir im Moment nicht gehen können oder möchten und von der wir wollen, dass sie von anderen nicht verletzt wird. Flexibler aber sind wir, psychologisch wie politisch, wenn wir im Austausch mit der Umgebung stehen.

Herzlichen Dank für das Gespräch!
Clemens Behr

Beate Mitzscherlich
1964 in Cottbus geboren, hat in Leipzig und Leningrad Pädagogische und Klinische Psychologie studiert. Ihre Doktorarbeit hat sie in Berlin über subjektive Dimensionen von Heimat geschrieben. Seit 1999 ist Mitzscherlich Professorin für Pflegeforschung an der Westsächsischen Hochschule Zwickau und erforscht seit Jahren, wie sich Identität bildet und Beheimatung entsteht.

(Erschienen in der gedruckten Neuen Stadt, September/Oktober 2018)
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