Wovon das Herz überfließt

Gott, Glaube, persönliche Erfahrungen, die innere Seelenlandschaft: Darüber spricht man nicht. – Warum eigentlich nicht? Was wäre, wenn doch?

Über den Glauben reden? Etwas über meine Beziehung zu Gott mitteilen? Andere daran teilhaben lassen, was mich tief berührt? Fällt mir schwer. Immer noch. Auch besten Freunden, auch meinen Familienangehörigen gegenüber. Mir scheint, ich werde mir selbst der ganz persönlichen Vorgänge in mir viel zu wenig bewusst. Lassen sie sich überhaupt in Worte fassen? Und wenn: Wen sollte das interessieren? Ist das nicht eine Angelegenheit zwischen mir und dem lieben Gott, die andere nichts angeht?
Mit 12, 13 Jahren traf ich mich alle zwei Wochen mit einer Gruppe von Jungen. Neben gemeinsamem Spiel und Sport und sozialen Aktionen lasen wir auch in der Heiligen Schrift und besprachen jeweils einen Abschnitt. Wir nahmen uns vor, einander bei der nächsten Begegnung zu erzählen, wie wir damit gelebt hatten. Unser erwachsener Begleiter erinnerte uns jedes Mal daran. Oft war mir das peinlich, weil ich mich zu Hause gar nicht an den Gedanken erinnert hatte. Oder ich hatte zwar daran gedacht, aber keinen Bezug zu meinem Alltag gefunden. Aber das konsequente Nachfragen brachte Frucht: Immer öfter fielen mir die Textstellen zwischendurch ein, ich fand Anknüpfungspunkte für die konkrete Umsetzung und konnte davon in der Gruppe Beispiele einbringen. Von unserem Begleiter und den anderen Jungen auf diese Weise herausgefordert worden zu sein, war wichtig für meine menschliche Entwicklung. Es hat mir geholfen, über eine gewisse Grund-Schüchternheit hinauszuwachsen.
Noch etwas habe ich aus jener Zeit mitgenommen: Die Worte, die Jesus gesagt hat, mögen zwei Jahrtausende alt sein – aber sie sind nicht für die Mottenkiste, sie betreffen mein Leben! Sie haben die Kraft, mich zu verändern. Sie können heute Auswirkungen haben: wenn ich mich auf sie einlasse, wenn ich erlaube, dass sie meine Begleiter werden. Dieses Aha-Erlebnis führte zu einer größeren Entschiedenheit, mit meinem Glauben ernst zu machen. Mein Christsein nicht als lästiges Anhängsel zu sehen, das ich mitschleppe, sondern als Teil meiner Identität.

Größere Ernsthaftigkeit, aber mit Risiko
Wie direkt lebe ich mit den Worten aus dem Evangelium? Fließen sie greifbar ein in meinen Alltag, in Beruf, Familie und Freundeskreis? Was mache ich daraus in all den Situationen und Beziehungen? Dem bewusst nachzugehen, es ins Wort zu bringen und weiterzusagen, fordert immer neu heraus. Daher bin ich allen dankbar, die dazu bereit sind und ihre Erfahrungen mit anderen teilen, und habe großen Respekt vor ihnen. Denn den Mitmenschen anzuvertrauen, was sie im Leben mit Gott erkundet, innerlich empfunden oder neu begriffen haben, ist immer auch riskant. Sie liefern sich damit aus, machen sich angreifbar, können missverstanden werden. Wenn ich erzähle, wodurch ich die Liebe Gottes erfahren habe oder was es in mir selbst oder in anderen ausgelöst hat, mich für diese oder jene Person einzusetzen, kann das als Selbstdarstellung ankommen, so als wollte ich mich damit ins Licht heben. Auch wenn ich damit bezeugen will, wie Gott wirkt oder was sein Wort auslösen kann.

Illustration: (c) elfgenpick.de

Wie wird es aufgenommen, wenn ich von Rückschlägen und Niederlagen erzähle und wie sie sich auf meine Beziehung zu Gott auswirken? Ist es doch uncool, sich hinter die Fassade schauen zu lassen. Wer gibt sich die Blöße, Schwächen einzugestehen? Das setzt großes Vertrauen in Zuhörer oder Gesprächspartner voraus. Mancher empfindet das als unnötiges Seelenstriptease, das ihm zu weit geht.
Die Scheu, etwas aus seinem Seelenleben oder Erfahrungsschatz preiszugeben, ist daher verständlich. Manchmal ist aber auch einfach nur der Moment ungünstig, mein Gegenüber gerade nicht besonders empfänglich für persönliche Botschaften. Es hilft, wenn der andere hörbereit ist und schon ein gutes Verhältnis zu ihm besteht. Und es hängt von meiner Haltung ab, WIE ich von mir erzähle – wenn ich das mit einer inneren Freiheit tun kann: weder überheblich, noch aufdringlich, aber auch nicht übertrieben demütig; unbedingt wahrheitsgetreu, ohne Längen und ohne von den Zuhörenden bestimmte Reaktionen zu erwarten.

Tiefgang und Glaubwürdigkeit auf dem Prüfstand
Die Sprachlosigkeit bei persönlichen Themen, auch im religiösen Bereich, hat vermutlich weitere Gründe. Die biblische Weisheit „Wes des Herz voll ist, des geht der Mund über“ (Lukas 6,45) ist längst ein gängiges Sprichwort. Wenn ich etwas erlebe, das mich aufrührt, bewegt, begeistert, muss ich das unbedingt loswerden. Was mir lieb und wertvoll ist, was mich erfüllt, teile ich meist gern und ohne Zögern mit. – Wie steht es also um meine Begeisterung? Wie überzeugt, wie sicher bin ich mir im Glauben und in meinen Lebensentscheidungen? Wieviel wert ist mir heute noch, was mich einmal tief angerührt und mein Denken und Handeln geprägt hat?
Mir geht es oft so: Wenn jemand mir Einblick in sein Innenleben gibt, vergrößert es die persönliche Nähe zu ihm ungemein. Wie der andere tickt, wie er fühlt, warum er sich so und so verhält, kann ich viel besser verstehen. Oder ich entdecke Gemeinsamkeiten, die ich nicht für möglich gehalten hätte. Und wenn sich eine Person derart in einer Gruppe öffnen kann und sich die anderen ganz darauf einlassen, dann habe ich oft erlebt, dass es die Gemeinschaft merklich stärkt.
„Die Christen sind in unserer Gesellschaft zu wenig präsent.“ – „Sie haben kaum Ausstrahlungskraft.“ Ähnliche Klagen und Vorwürfe sind öfter zu hören: „Sie trauen sich nicht, etwas von ihrem Glauben weiterzugeben.“ – „So locken sie niemanden hinter dem Ofen hervor. Kein Wunder, dass die Kirchen immer leerer werden.“ – „Woran glauben sie überhaupt noch?“ – Letztlich kann immer nur Gott selbst die Herzen anrühren. Aber er spannt dazu ganz gern sein Bodenpersonal ein: nicht nur die Profis, sondern alle Christen. Und wenn er will, kann er trotz aller menschlichen Unvollkommenheiten mitten ins Schwarze treffen: beim Zuhörer oder Gesprächspartner existenzielle Fragen aufwerfen, die innere Stimme zum Klingen bringen, Lebenssinn wachrufen, Veränderung und Entscheidung herausfordern, zu einer Begegnung mit Christus führen. – Das könnte doch ein Ansporn sein, Tiefgang und Begeisterung zurückzuerobern – und über die Stummheit hinwegzukommen!
Persönliches Erleben, Glauben konkret, Gott zur Sprache zu bringen: Das mag Überwindung kosten, das braucht Übung, das kann Gegenwind provozieren, aber das macht auch Mut. Es stärkt, gibt Glaubwürdigkeit, verleiht Überzeugungskraft. Es baut auf. Auch Kirche.
Clemens Behr

(Erschienen in der gedruckten Neuen Stadt, Januar/Februar 2019)
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