Mit den Augen des anderen sehen


Der Schweizer Pastor Peter Dettwiler war 22 Jahre Ökumene-Beauftragter in Zürich. Er ist überzeugt: „ Persönliche Beziehungen sind die Basis von allem “ – nicht nur in der Ökumene.

Foto: (c) Marcel Caduff

„Versöhnung macht Sinn – auch nach 450 Jahren noch.“ Peter Dettwiler ist reformierter Pastor. Und der Satz würde sicher auch gut in eine Predigt passen. Aber die Aussage fasst vor allem eine Erfahrung zusammen, die der Schweizer in den letzten Jahren gemacht hat: einen Versöhnungsweg zwischen Reformierten aus der Schweiz einerseits und Mennoniten und Amischen aus den USA andererseits. Sie sind Nachfahren der sogenannten „Täuferbewegung“, die in Zürich – vor 500 Jahren zunächst gemeinsam mit Zwingli – für eine Reform der Kirche eintrat. Schon bald kam es aber zu einer Trennung; die Täufer wurden verfolgt, hingerichtet, vertrieben. Viele Schweizer Familien fanden damals in den USA eine neue Heimat.
22 Jahre lang war Peter Dettwiler Ökumene-Beauftragter der reformierten Landeskirche des Kantons Zürich, zuständig also „für das Außendepartment“ seiner Kirche – für Kontakte zu anderen Kirchen, anderen Religionsgemeinschaften und auch zu Migrationsgemeinden, evangelischen Gemeinden in Zürich von Migrantinnen und Migranten aus Afrika, Asien, Lateinamerika. – Zwei Jahrzehnte sind eine lange Zeit, in der sich ökumenisch viel getan hat, im Kleinen und im Großen. Es gab Höhen und Tiefen, sehr viele positive Entwicklungen, aber auch Rückschläge und Enttäuschungen. Da braucht es einen „langen Atem“, gesteht der Theologe. „Persönliche Beziehungen sind die Basis von allem, das A und O.“ Der 68-Jährige sagt das mit Nachdruck und fasst so in wenigen Worten auch seine Berufserfahrung zusammen.
Mit Peter Dettwiler zu reden ist anregend. Er kommt schnell zum Punkt, wirkt tiefgründig, gelassen. Irgendwie schafft er schnell eine vertrauensvolle Gesprächsbasis. Selbst bezeichnet er sich als „waschechten Reformierten“ und „erblich vorbelastet“. Zusammen mit vier Geschwistern ist er in einem reformierten Pfarrhaus aufgewachsen. Der Vater war zunächst Pfarrer in einer kleinen Gemeinde im Emmental; als Peter acht war, zog die Familie nach Solothurn. „Da habe ich zum ersten Mal mitbekommen, dass es auch Katholiken gab“, meint Dettwiler und erinnert sich daran, dass sein Vater schon in dieser Zeit – Ende der 1960er-Jahre – ökumenische Beziehungen gelebt hatte: „Zusammen mit dem katholischen Pfarrer unternahm er Fahrten nach Taizé.“
Als Jugendlicher machte Peter viel Sport und engagierte sich in der reformierten Jugendarbeit. Dann studierte er Theologie in Bern, Zürich und ein Jahr in den USA. Er hatte sich entschlossen, Pastor zu werden, und sein Vikariat, „eine Art Praktikum“, absolvierte er wie üblich in einer Gemeinde. Sein „Vikariats-Vater“ und dessen Leben haben den jungen Mann beeindruckt. „Er kannte und lebte die Spiritualität der Einheit“, erklärt Peter Dettwiler diese Faszination. Für Kommunitäten und gemeinschaftliches Leben hatte er sich auch vorher schon interessiert; „deshalb war die Fokolar-Bewegung mir bereits bekannt, aber mit diesem Pastor in Zürich wurde die Spiritualität lebendig, greifbar.“
Seine erste Pfarrstelle führte den jungen Pastor mit seiner Familie dann in die Berge im Kanton Graubünden – „ein Stück weit weg von Zürich“. Die Beziehungen zu den Fokolar-Freunden blieben aber und „wir bekamen da und dort Besuch aus Zürich. Aber“, so erinnert sich Peter Dettwiler an diese Zeit, „ich dachte zunächst nicht, dass das etwas für mich wäre. Im Lauf der Zeit habe ich dann aber einfach realisiert, dass ich als Pastor eine Gemeinschaft von Brüdern brauche, wo ich nicht der ‚Herr Pfarrer’ bin, sondern einfach ein Bruder unter Brüdern und dass ich für mein Pfarramt Anstöße von außen brauche.“ Immer öfter fuhr der reformierte Pastor deshalb nach Zürich, vertiefte die Kontakte und wuchs immer mehr in die Spiritualität der Einheit hinein. Schließlich spürte er den Ruf zu einem verbindlichen Leben als Verheirateter in der Fokolar-Gemeinschaft.
Nach siebzehn Jahren als Pastor in zwei verschiedenen Gemeinden dann der Wechsel in die Stelle des Ökumene-Beauftragten. Selbstverständlich – so der Pensionär, der sich über mehr Zeit für seine fünf Kinder und sechs Enkelkinder freut – hatte er sich „kundig gemacht über die Geschichte der Ökumene, sie sozusagen studiert. Aber die wichtigste Vorbereitung“, ist er fest überzeugt, „waren die persönlichen Beziehungen von Person zu Person mit katholischen Priestern, um von ihnen her die katholische Kirche zu verstehen: Was bedeutet dir der Rosenkranz? Welche Beziehung hast du zu Maria? Wer ist für dich der Papst?“ Aus dieser Achtung vor dem Nächsten zu verstehen, was ihm seine Kirche bedeutet, das ist für Peter Dettwiler ganz eindeutig „eine neue Art der Ökumene!“ Über Jahrhunderte habe man den konfessionellen Gegner gut gekannt, vor allem seine Schwachstellen. Aber „von ihm her seine Kirche zu erfassen, das ändert alles!“ Gleichzeitig, so ergänzt Peter Dettwiler, „habe ich erst in dieser Begegnung mit katholischen Schwestern und Brüdern verstanden, wer ich selber bin und was meine reformierte Identität ist.“
Ein „Schlüsselerlebnis“ aus seiner ersten Pfarrstelle steht Peter Dettwiler diesbezüglich noch lebendig vor Augen. Ein katholischer Priester hatte ihn besucht, weil er mit seinen Firmlingen zu einem Freizeitlager in der Nähe war. „Er bat mich, den Firmlingen meine Kirche vorzustellen, auch den Kirchenraum.“ Die Jugendlichen schauten sich zunächst die sehr schöne spätgotische Kirche an. Dann forderte der reformierte Pastor sie auf, ihre Fragen zu stellen. „Sofort der Erste sagte: ‚Ihr habt ja nichts. Da ist ja nichts – kein Weihwasser, kein Kruzifix, keine Marienstatue, kein Tabernakel!“ Peter Dettwiler „war verlegen“ und während er noch überlegte, wie er den katholischen Jugendlichen antworten sollte, stand der Priester auf, ging nach vorn zum Taufstein, nahm die Bibel, die dort lag, in die Hand und sagte: „Das ist das Zentrum des reformierten Gottesdienstes. Alles ist auf dieses Wort konzentriert.“ Peter Dettwiler ist noch heute überzeugt: „Ich selbst hätte keine schönere Antwort geben können!“
Vom anderen her denken und mit seinen Augen sehen – diese Haltung war auch Anstoß für den Versöhnungsweg. Dabei fing alles ganz einfach an: „Ich bekam Besuch aus Virginia, wo ich studiert hatte. Es waren ‚Anabaptists’ und sie baten mich schon im Vorfeld, sie auf den Spuren der Täufer in Zürich zu begleiten.“ Überrascht hat der Schweizer dabei dann festgestellt: „Es gibt gar keine Spuren. Es gibt das Denkmal von Zwingli, das von Heinrich Bullinger. Zürich ist Zwingli-Stadt, mit einem Zwingli-Portal. Aber Spuren der Täufer?“ Sogar in der damals ganz neuen und sehr detaillierten Ausstellung über die Reformation im Kreuzgang des Grossmünsters waren sie nur in einem Nebensatz erwähnt worden. „Ich habe die Stadt das erste Mal mit den Augen von Täufern angeschaut und realisiert: Wir haben diese Geschichte völlig verdrängt.“ Peter Dettwiler war schockiert und gleichzeitig auch „irgendwie“ fasziniert. „Auf der einen Seite das völlige Verdrängen und auf der anderen Seite die heutigen Mennoniten, die Amischen, die als Nachfahren der Täufer ihre Geschichte hochhalten. Für sie ist Zürich nicht nur die Zwingli-Stadt, sondern auch die von Felix Manz, dem ersten Märtyrer der Täufer, der in der Limmat ertränkt wurde.“
Peter Dettwiler war wachgerüttelt. Er hat sich in die Geschichte vertieft und erschrocken entdeckt: „Es ging da nicht nur um einige wenige Verfolgte während der Zeit von Zwingli. Tatsächlich wurden die Täufer praktisch 300 Jahre lang in der Schweiz verfolgt. 1614 war die letzte offizielle Hinrichtung, aber auch danach starben viele im Gefängnis, wurden enteignet und vertrieben – bis zu Beginn des 19. Jahrhunderts. Und wir haben das völlig aus unserem Bewusstsein verdrängt!“ Mit der neu geweckten Sensibilität nahm Peter Dettwiler dann auf einmal wahr, wie viele Mennoniten und Amische jährlich nach Zürich kamen, um die Wiege ihrer Kirche kennenzulernen – „und finden hier dann nichts!“
Schattenseiten zu verdrängen ist nie gut, in keiner Gesellschaft. Davon ist Peter Dettwiler zutiefst überzeugt und aus dieser Überzeugung heraus setzte sich der Ökumene-Beauftrage dann ein. Mit einem kleinen Komitee machte er sich an Schritte der Aufarbeitung. „Und 2004 konnten wir dann wirklich einen Nagel eingeschlagen“, erzählt er, „mit einem öffentlichen Schuldbekenntnis und einem einfachen Gedenkstein am Ufer der Limmat, dort, wo die ersten Täufer ertränkt wurden.“ Über das unmittelbare Echo, das es damit ausgelöst hatte, war das Schweizer Komitee sehr überrascht. Die Kunde davon machte bei den Mennoniten und Amischen sofort die Runde. Gruppen, die Zürich jetzt besuchen, zieht es immer an den Täuferstein, der sofort in Reisebeschreibungen und Bücher in den USA Eingang fand. Ein befreundeter Mennonit wiederholt Peter Dettwiler oft: „Nie hätten wir uns träumen lassen, dass eines Tages Leute aus Zürich kommen und sich für die Verfolgung unserer Vorfahren entschuldigen.“ Und ein anderer: „Wir erzählen unseren Kindern immer die Geschichte unserer Kirche und die beginnt dort in Zürich mit der ersten Gemeinde und der Verfolgung. Aber jetzt erzählen wir ihnen auch von diesen Schritten der Versöhnung.“
Tatsächlich hat Peter Dettwiler das Schuldbekenntnis auch bei zwei Reisen in die USA überbracht und zusammen mit seiner Frau insgesamt sechs Begegnungsreisen nach Ohio, Pennsylvania, organisiert. Im Gepäck hatte er dabei immer diese Botschaft: „Wir sind eigentlich Geschwister! Wir sind entstanden in der gleichen Reformationsbewegung. Dann haben sich unsere Wege in tragischer Weise getrennt, aber im Grunde sind wir Geschwister!“
Und die Reaktionen auf reformierter Seite? „Da gab es auch kritische Stimmen. Einige fanden, dass das Schuldbekenntnis zu stark war, speziell der Satz ‚Wir sehen diese Verfolgung aus heutiger Perspektive als einen Verrat am Evangelium an’.“ Aber auch wenn das Diskussionen ausgelöst hat, „das Thema ist heute präsent. Man kann es nicht mehr einfach verdrängen.“ Und selbst wenn man aus der Geschichte, den gesellschaftlichen und machtpolitischen Umständen heraus vieles nachvollziehen und verstehen kann, ist es eine Tatsache, dass es „die Schattenseiten und die Verfolgung gab.“ Interessant findet Peter Dettwiler in diesem Zusammenhang, dass danach auch bei Mennoniten und Amischen eine Art Selbstbesinnung begonnen hat. „Sie haben sich gefragt, wo ihre Vorfahren ihre Fehler und Schattenseiten in diesem Prozess hatten oder wo sie selbst untereinander noch an einer Versöhnung arbeiten müssen.“ Wenn man Peter Dettwiler zuhört, versteht man, wie er so überzeugt sein kann: „Ökumene baut auf persönliche Kontakte auf. Sie sind das A und O.“ Wohl auch für Versöhnung im großen Stil.
Gabi Ballweg

(Erschienen in der gedruckten Neuen Stadt, März/April 2019)
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