Einladung zur Seh-Schule

Schlechte Nachrichten wühlen auf. Sie sind Teil der Wirklichkeit und nicht von der Hand zu weisen. Aber sie allein sind auch nicht die ganze Wirklichkeit.

Um das Thema Kirche kommt man im Moment kaum drum rum. Vor allem – aber nicht nur – die katholische steht auf dem Prüfstand. Manchmal hat man den Eindruck, dass es dort nur noch schlechte Nachrichten gibt. Dass immer noch eins drauf kommt. Es ist unbestritten notwendig, Missstände aufzudecken, sie nicht unter den Tisch zu kehren und dann auch entsprechende Konsequenzen zu ziehen. Und natürlich darf man sich nichts vormachen – auch „die“ Kirche besteht aus Menschen und die haben Grenzen und Schwächen, machen Fehler. Und wie derzeit von manchen – auch in verantwortlicher Position – mit Missständen und Veränderungsbestrebungen umgegangen wird, ist nicht ermutigend. Vermutungen über Intrigen und Machtspiele sind an der Tagesordnung. Viele Menschen – auch gläubige und lange im Ehrenamt engagierte Christen – sind von dem, was sie erfahren und erleben, ab- und aufgeschreckt, manche distanzieren sich, resignieren, andere kämpfen und schlagen – bildlich gesprochen – um sich.
Genau so unbestreitbar wie das Negative gibt es aber auch das Positive: Aufbrüche (wie den breiten Beteiligungsprozess vor und während der Jugendsynode oder die jüngsten, von vielen als historisch bezeichneten Fortschritte im Dialog zwischen Christen und Muslimen), neue Ansätze (wie die Reformprozesse im Vatikan), ermutigende Begegnungen (wie im Jahr des Reformationsgedenkens oder beim Weltjugendtag in Panama), ausgewogene, authentische und tief verwurzelte Wortmeldungen von Bischöfen, Kardinälen und dem Papst. Das jedoch neben allem anderen zu sehen und wahrzunehmen, fällt vielen schwer. Und manchmal scheint es, dass es auch hier die gibt, die nur das sehen (wollen). In ihrem manchmal verzweifelt anmutenden Bemühen, es ans Licht zu heben, wirken sie dann auf andere fast naiv, rufen dadurch neue heftige Reaktionen hervor.
„Kirche“ ist tatsächlich komplex, vielschichtig. Den „richtigen“ Blick darauf zu haben, ist nicht leicht. Und weder das Positive noch das Negative allein – genauso wenig wie alle hier gar nicht angesprochenen Zwischentöne – gibt die ganze Wirklichkeit wieder.
Wir gehen auf Ostern zu. Es ist das Fest dessen, der lebt! Obwohl er doch gestorben war. Und es ist das Fest eines erneuerten Blickes auf das Geschehen, die Welt, die Geschichte. Die Jünger waren verzweifelt, enttäuscht, haben nichts mehr verstanden. In der Begegnung mit dem Auferstandenen – dem, der lebt – ging ihnen ein Licht auf; sie haben Zusammenhänge, die ganze Geschichte in neuem Licht gesehen und – verstanden.
Christen glauben an den Auferstandenen; mehr noch: Sie leben hier und jetzt mit dem, der lebt! Wenn wir das Geheimnis von Ostern – die Auferstehung – ernst nehmen, bedeutet das: mit dem Auferstandenen leben, mit ihm und daher auch mit seinen Augen auf die Welt und auf die Kirche schauen. Sicher ist das ein immer neuer Prozess und erfordert Übung. Es bedeutet ja nicht, die Dinge schönzureden oder sie zu belassen, wie sie sind und immer waren. Es geht vielmehr darum, sich der Gegenwart des Auferstandenen bewusst zu sein und wie er, in seiner Art, mit seinem Blick an alles heranzugehen.

Vielfältige Wirklichkeit
Von Therese von Lisieux ist eine kleine Geschichte überliefert: Die junge Ordensfrau litt an Tuberkulose. Als sie das erste Mal Blut hustete, war sie sich der Bedeutung für ihre Gesundheit und ihr Leben wohl bewusst, trotzdem reagierte sie mit Freude, weil sie darin auch ein Zeichen der nahen Begegnung mit ihrem Bräutigam, Jesus, sah. Chiara Lubich, Gründerin der Fokolar-Bewegung, hat dieses Beispiel einige Male angeführt. Und dabei immer unterstrichen: Beides ist wahr. Es sind zwei Perspektiven auf ein und dieselbe Wirklichkeit. Keine der beiden Sichtweisen ist falsch. Würde man eine der beiden aber ausblenden, ergäbe das ein unvollständiges, verzerrtes Bild. Mit Jesus zu leben, mit ihm zu rechnen, erschließt neue Perspektiven, ermöglicht einen ganzheitlichen Blick. Der blendet nichts aus, nimmt wahr, bleibt aber nicht beim ersten Eindruck, sondern schaut tiefer.
Im Evangelium gibt es die Geschichte der Emmaus-Jünger. Die beiden Männer waren aufgeschreckt durch die schrecklichen Ereignisse um den Tod Jesu. Sie verstanden sie nicht und flüchteten aus Jerusalem. Unterwegs gesellt sich ein Unbekannter zu ihnen; sie unterhalten sich. Dann laden sie ihn ins Haus ein, weil „es bald Abend wird“, dunkel, Nacht. Unter damaligen Verhältnissen eine durchaus verständliche Begründung. Umso erstaunlicher mutet es dann an, dass sie nach der Unterhaltung mit ihm – als er ihnen Anteil an seiner Sicht auf das Geschehen gegeben hatte – wieder hinausrennen in die Nacht, vor der sie sich vorher gefürchtet hatten. Als ob es das Selbstverständlichste wäre, laufen sie im Dunkel zurück nach Jerusalem und sind dabei voller Freude und Hoffnung. Sie können es, weil sie den Auferstanden, „den, der lebt“, erkannt und mit seinen Augen eine neue Perspektive wahrgenommen haben.

Osteraugen
Und wir heute? Sehen wir – im Wissen um den Auferstandenen, der mit uns lebt – die Ereignisse in der Welt, der Kirche anders? Wird für uns das Dunkel hell und voller Hoffnung? Vielleicht regt Ostern – das Fest dessen, der lebt – in diesem Jahr besonders an, die Vorgänge in Welt und Kirche neu zu betrachten. Es lädt zu einer Seh-Schule ein: zu lernen, mit den Augen des Auferstanden auf alles zu schauen. Diese Augen beschönigen nichts, übersehen nichts, blenden nichts aus. Aber sie sehen eine neue Dimension, eine andere Perspektive. Die macht das Bild „runder“, „vollständiger“.
Diesen Blick muss man einüben, schärfen. Man kann ihn trainieren. Das Gute ist manchmal unscheinbar. So wie im Frühling die jungen zarten Sprossen. Die kann man schon übersehen. Dafür muss man genau hinschauen, weil die Triebe noch zart sind. Und manchmal muss man sie auch pflegen, sie noch ein wenig schützen vor Eis und Wind, ihnen Zeit lassen zum Wachsen. Aber man kann sie wahrnehmen. Und manchmal hilft es, wenn man von anderen darauf aufmerksam gemacht wird. Vielleicht braucht es deshalb auch in der Seh-Schule, zu der Ostern einlädt, die Gemeinschaft, das Gespräch mit anderen. Zu sehr sind wir alle hineinverwoben in unsere komplexe Welt, mit all ihren vielen Kanälen und Nachrichten.

Klaus Hemmerle, der frühere Bischof von Aachen, dessen Todestag sich im Januar zum 25. Mal jährte und der im April seinen 90. Geburtstag gefeiert hätte, formulierte 1993 einen bekannten, aber immer neu bedenkenswerten Ostergruß:
„ Ich wünsche uns Osteraugen, die im Tod bis zum Leben, in der Schuld bis zur Vergebung, in der Trennung bis zur Einheit, in den Wunden bis zur Herrlichkeit, im Menschen bis zu Gott, in Gott bis zum Menschen, im Ich bis zum Du zu sehen vermögen.“
Gabi Ballweg

(Erschienen in der gedruckten Neuen Stadt, März/April 2019)
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