Die Freiheit, sich festzulegen

Sich viele Optionen offen zu lassen, gilt in unserer Gesellschaft als erstrebenswert. Manchmal kann es aber guttun, sich festzulegen und mehr Verbindlichkeit zu zeigen.

Buchhandlungen sind toll. Sie wirken wie ein Magnet und selten komme ich daran vorbei. Einfach mal schnell schauen, was es so gibt. So auch kürzlich in den Ferien. Mein Blick fiel auf einen Titel: „Verbindlichkeit“ hieß es da einfach. Ein Sachbuch, mit einem „Plädoyer für eine unzeitgemäße Tugend“, wie der Deckeltext anpries. Für die Ferien schien es mir zu ernst, außerdem wollte ich ja eh nur schauen.

Im Trend: „Vielleicht“
Ich habe das Buch nicht mitgenommen. Gebe aber zu, dass meine Gedanken auf der einen oder anderen Tour in der freien Natur darum kreisten: Verbindlichkeit steht in unserer Zeit nicht gerade hoch im Kurs, wenn man etwa daran denkt, wie schwer sich Menschen tun, eine feste Beziehung oder eine Ehe einzugehen. Oder auch, wie schwer es allerorten ist, Menschen zu finden, die bereit sind, sich längerfristig auf ein Engagement einzulassen, sei es nun in Sportvereinen, Kirchgemeinden oder auch Parteien. Wenn überhaupt, legt man sich doch eher auf kurzfristige, überschaubare Projekte fest. Und viele Bildungseinrichtungen berichten schon lange davon, dass Anmeldungen zu Kursen und Angeboten sehr spät – und häufig erst nach Anmeldeschluss – eingehen. Ein verbindliches „Ja“ scheint aus der Mode gekommen, hingegen stehen Antworten wie „vielleicht“ oder „mal sehen“ hoch im Kurs. Man will sich möglichst lange viele Optionen offen halten, sich nicht zu früh auf etwas festlegen und damit anderes ausschließen. „Flexibilität“ ist gefragt – und gehört auch im Berufsalltag in nahezu jede Stellenbeschreibung.

Die Freiheit zu wählen
Viele Möglichkeiten haben und die Freiheit, daraus wählen zu können, das war auch in unseren Breitengraden lange nicht selbstverständlich. Soziale Normen waren sehr verbindlich und engten den Handlungsspielraum der Einzelnen enorm ein. Dass sich das verändert hat, ist ein Gewinn, die Freiheit wählen zu können, ein wertvolles Gut.
Gleichzeitig suchen viele Menschen wieder neu Halt und Orientierung. Von den unzähligen Wahlmöglichkeiten und den sehr komplexen Sachverhalten fühlen sie sich zunehmend überfordert. Sie sehnen sich nach Verlässlichkeit.
Und ich? Wie halte ich es mit der Verbindlichkeit? Prinzipiell, so dachte ich bei meinen Touren, können andere sich auf mein Wort verlassen. Wenn ich etwas zusage, dann löse ich das auch ein. Klar, es kommt auch mal vor, dass ich etwas wirklich vergesse. Oder es dauert ein wenig und manchmal geht es auch erst auf den letzten Moment und mit ein wenig Druck. Aber wenn etwas doch mal gar nicht geht, versuche ich, rechtzeitig Bescheid zu sagen. Aber solche Absagen fallen mir schwer, irgendwie schwingen da Erwartungen an mich selbst mit; Perfektionismus vielleicht, auch der Wunsch, vor anderen gut da zu stehen. Und meist knabbere ich selbst an den nicht eingelösten Zusagen mehr als die anderen. Unverbindlich, dachte ich, bin ich eher nicht.
Aus den Ferien zurück, erreichten mich ein paar Nachrichten, dass manches, was mir fest abgemacht schien, von anderen mit kurzen unpersönlichen Nachrichten abgesagt wurde. Ich fühlte mich enttäuscht, irgendwie abgefertigt. – Dann traf ich ein paar Bekannte; vage schlugen wir einander vor, uns wieder mal auf einen Kaffee zu treffen oder ins Kino zu gehen. „Ja, lass es uns machen. Irgendwann.“ Irgendwie mochten wir uns noch nicht festlegen. Dabei weiß ich, dass alles, was nicht festgemacht ist, auch schnell aus dem Blick gerät, sich dann oft nur schwer umsetzen lässt. Bis man sich wieder erreicht, einen gemeinsamen Termin findet – der dann so weit weg ist, dass man sich auch wieder nicht so ganz festlegen will; denn wer weiß denn schon, was bis dahin noch alles passiert … privat, beruflich, im Freundeskreis. Da ist es doch besser, wenn man sich noch das eine oder andere Türchen offen lassen kann. Unverbindlich bin ich also doch auch irgendwie.

In der Luft hängen
Ich war erstaunt, wie häufig das im Alltag so oder ähnlich abläuft, bei mir und bei anderen. Meist ganz unbewusst. Und oft auch ohne Probleme und mit all den Vorteilen, die Flexibilität und Spontaneität mit sich bringen. Andererseits habe ich nach meinen Urlaubsüberlegungen begonnen, mich zu fragen: Was habe ich denn zu verlieren, wenn ich mich bei dem einen oder anderen mal schneller festlege? Denn umgekehrt erlebe ich es ja als anstrengend und mühsam, wenn andere sich nicht festlegen, ihre Optionen möglichst lange offen halten und ich dann in der Luft hänge und nicht weiter planen kann. – Meine Freiheit ist durch die der anderen eingeschränkt, denn wir sind aufeinander verwiesen, miteinander verbunden. Das ist nichts Neues; trotzdem hat es gutgetan, es mir wieder einmal bewusst zu machen.
Noch etwas musste ich mir eingestehen: Solange ich mich nicht festlege, unverbindlich bleibe, wäge ich – bewusst oder unbewusst – auch ab, ob es vielleicht doch etwas Anderes, Besseres gibt. Wenn andere sich mir gegenüber so verhalten, empfinde ich es nicht unbedingt als Zeichen des Vertrauens und der Wertschätzung. Warum sollten sie es umgekehrt nicht genauso wahrnehmen? Wäre mehr Verbindlichkeit da nicht auch ein echter Vertrauensbeweis?
Sicher, manchmal kann ich mich gerade deshalb nicht festlegen, weil ich in vielfältigen Beziehungen lebe, von anderen abhänge oder mich ihnen verpflichtet weiß. Das wahrzunehmen und soweit möglich Dritten gegenüber zu kommunizieren, warum ich mich noch nicht festlegen kann, hilft mir und ihnen, „Wartezustände“ verbindlich zu leben, und stärkt das Vertrauen.

Illustration: (c) thedafkish (iStock, bearbeitet von elfgenpick)

„Du kannst dich auf mich verlassen!“
Verbindlichkeit sagt dem oder der anderen: „Du kannst dich auf mich, auf mein Wort verlassen.“ Es erfordert zu wählen, mich zu entscheiden, mich festzulegen – aber es schafft und stärkt Beziehungen und Freundschaften. Enttäuschte und unverbindliche Versprechen höhlen sie auf Dauer aus.
Wie bei so vielem geht es auch hier nicht um „entweder oder“, sondern um „sowohl als auch“: Flexibilität wie Verbindlichkeit, spontane Entscheidungen wie verlässliche Zusagen. Ich weiß nicht, wie genau das Plädoyer des Buches lautet, das ich in der Buchhandlung sah. Es lohnt sich aber, so meine ich, der Verbindlichkeit im eigenen Verhalten wieder einmal mehr Aufmerksamkeit zu schenken, und sie schadet dem Miteinander und dem Bemühen um echte Geschwisterlichkeit nicht. Im Gegenteil: Vielleicht braucht es in manchen Beziehungen – und in unserer Gesellschaft – wieder mehr von diesem Kitt.
Gabi Ballweg

(Erschienen in der gedruckten Neuen Stadt, September/Oktober 2019)
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