Alles auf eine Karte

Vor 100 Jahren wurde in Trient Chiara Lubich geboren, durch die die Fokolar-Bewegung entstand. Was trieb sie an?

Loreto 1939. Bei Einkehrtagen in dem italienischen Wallfahrtsort zieht es Chiara Lubich, 19, immer wieder in das „Haus von Nazareth“, das einst aus dem Heiligen Land hergebracht worden sein soll. Die Vorstellung, hier könnten Maria, Josef und Jesus gelebt, diese Wände könnten die Stimmen des spielenden Kindes, des Zimmermanns, den Gesang Marias gehört haben, überwältigt sie. Der Wunsch, auch heute mögen viele Menschen so mit Jesus in ihrer Mitte leben, prägt sich ihr ein.
„Gott liebt Sie unendlich!“, sagt ihr ein Pater. Diese Zusage geht der jungen Frau durch Mark und Bein. Ein Lichtblick, während Trient, ihre Heimatstadt, unter dem Zweiten Weltkrieg leidet: Fliegeralarm, Tote und Trümmer, Angst und Armut. Was zählt im Leben? Jeden Moment kann alles zu Ende sein. Für sie ist das Einzige, was bleibt, Gott. Nur für ihn lohnt es, das Leben einzusetzen. Auf diese Karte setzt Chiara Lubich alles: Am 7. Dezember 1943 weiht sie sich Gott.

Ihr Zeugnis und ihre intensive Beziehung zu Gott faszinieren andere junge Frauen. Bald schließt sich ihr eine Gruppe von 15- bis 23-Jährigen an.
Wieder ist es ein Pater: Er bringt Chiara Lubich darauf, dass Jesus wohl am meisten litt, als er am Kreuz hing und schrie: „Mein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen?“ (Matthäus 27,46) Der Gedanke, dass Jesus nicht nur große Schmerzen durchgemacht, sondern auch seine Verbundenheit mit Gott-Vater nicht mehr gespürt hat, lässt sie nicht kalt: Auf ihn in seiner Gottverlassenheit wollen sie und ihre Freundinnen sich ausrichten.
Was mag Gott sich von ihnen erwarten? Wie sollen sie ihr Leben gestalten? Antwort suchen sie in der Heiligen Schrift. Was sie dort finden, bringt sie dazu, mit jedem Menschen so umzugehen, als hätten sie Jesus selbst vor sich. Immer noch herrscht Krieg. Auf dem Weg in die Luftschutzkeller helfen sie Müttern mit Kindern, alten, kranken und behinderten Menschen, die nur langsam vorankommen, ungeachtet der Lebensgefahr. Sie besuchen die Armenviertel der Stadt und bringen den Notleidenden, was sie auftreiben können.
Was Jesus in der Bibel sagt, wird für diese erste Gruppe zur Richtschnur. Dass er verspricht, mitten unter zwei oder drei Menschen zu sein, die in seinem Namen versammelt sind, geht ihnen unter die Haut. Ebenso sein Gebet, dass alle eins seien. Wenn Jesus den Vater im Himmel in den letzten Stunden seines Lebens darum bittet, dann wollen sie dazu beitragen, die Welt dieser Einheit näherzubringen: Eine große Vision, die jeder zwischenmenschlichen Begegnung Substanz und Tiefe gibt!
Das Leben von Chiara Lubich und ihren Gefährtinnen, ausgerichtet auf Jesus in ihrer Mitte, strahlt aus. Ihre Wohngemeinschaft erinnert die Trienter an die Feuerstelle in ihren Häusern: das „Focolare“, um das sich die Familie sammelt und das Wärme und Geborgenheit gibt. Immer mehr Leute schließen sich den jungen Frauen an, auch in anderen Regionen Italiens.
Den Sommer 1949 verbringen sie im Bergdorf Tonadico, um sich zu erholen. Igino Giordani, ein Politiker und Schriftsteller, der nach Wegen sucht, sich Chiara Lubich verbindlich anzuschließen, gesellt sich dazu. Aus einem Pakt, einem gemeinsamen Versprechen Gott gegenüber, entwickelt sich eine tiefe Gotteserfahrung. Sie haben den Eindruck, das dreifaltige Sein Gottes ganz neu zu begreifen. In den folgenden Jahren kommen immer mehr Menschen hinzu, wenn die „Fokolare“ in den Dolomiten Erholung suchen. Eine Stadt Mariens – „Mariapoli“ – die Jesus Raum gibt, sollen diese Begegnungen sein. Auch junge Leute aus dem Ausland, die in Italien studieren, nehmen teil und tragen Ideen und Lebensstil in ihre Länder und Kontinente. Aus einer kleinen Gemeinschaft wird eine weltweite Bewegung.
Ökumene ist im katholischen Umfeld der ersten Fokolarinnen zunächst kein Thema. Dass die Einheit, für die sie eintreten, auch das Verhältnis unter den christlichen Konfessionen einschließen kann, wird ihnen erst 1960/61 im Zusammentreffen mit evangelischen Christen bewusst. Die wiederum fasziniert an der Fokolar-Bewegung, dass sich dort Katholiken so grundlegend an Gottes Wort ausrichten. Heute zählen sich Christen aller Konfessionen dazu.

Wärme, Gemeinschaft, Geborgenheit: Ihre Wohngemeinschaft erinnerte die Menschen in Trient an das “Focolare”, die Feuerstelle in ihren Häusern. – Foto: (c) Patrick Daxenbichler (iStock)

Die Ausbreitung in alle Erdteile zieht die Begegnung mit verschiedenen Religionen nach sich. Die Maxime, in allen Menschen Kinder des einen Vaters im Himmel zu sehen und sie entsprechend zu behandeln, schafft Beziehungen zu Muslimen, Hindus, Buddhisten, auch zu Menschen ohne ein religiöses Bekenntnis. Bei aller Unterschiedlichkeit werden Gemeinsamkeiten entdeckt, Anknüpfungspunkte, mit denen sich zusammen für eine menschlichere, sozialere Gesellschaft eintreten lässt. Mit der Zeit fühlen sich Mitglieder verschiedener Religionen der Fokolar-Bewegung zugehörig, trotz der christlichen Spiritualität.
Bei einem Besuch der Fokolar-Gemeinschaft in Brasilien 1991 ist Chiara Lubich schockiert vom großen Arm-Reich-Kontrast und will beitragen, die sozialen Probleme zu überwinden. Sie regt eine „Kultur des Gebens“ an. Im Gespräch mit Unternehmern entsteht die Initiative „Wirtschaft in Gemeinschaft“ von Betrieben, die auf die Pflege guter Beziehungen setzen und einen Teil ihres Gewinns in Projekte für Bedürftige investieren.
Im Laufe der Zeit hat die Fokolar-Bewegung Rückschläge und Enttäuschungen erlebt. Sie hat Fehler gemacht; Verletzungen sind entstanden; der Enthusiasmus der ersten Jahre mag einer nüchterneren Sicht gewichen sein. Aber von den kleinen Anfängen aus betrachtet: Was hat letztlich all die vielfältigen Ausfaltungen bewirkt? Chiara Lubich und ihre Mitstreiterinnen und Mitstreiter haben das Wort Gottes ganz an sich herangelassen. Sie waren bestrebt, es miteinander in Leben umsetzen, sich von dem inneren Licht, das dadurch entsteht, führen zu lassen. So haben sich Kontakte entwickelt, ist eine gemeinschaftliche Spiritualität gewachsen, sind Ideen und Initiativen entstanden, an die keine der jungen Frauen aus Trient anfangs auch nur im Entferntesten gedacht hatte.
Clemens Behr

(Erschienen in der gedruckten Neuen Stadt, Januar/Februar 2020)
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