Ewigkeit ist jetzt

Lebensfreude: Woher rührt sie? Was vertreibt sie? Wie können wir zu ihr durchstoßen? Darüber sprechen wir mit dem Mediziner, Theologen und Ethiker Matthias Beck in Wien.

Ist es zynisch, in Zeiten einer Pandemie mit zahllosen Toten und großen Einschränkungen über Lebensfreude zu sprechen, Herr Beck?
Es gibt viel Trauer und Leid, das stimmt. Aber aufs Ganze gesehen kommt wirkliche Freude aus dem Ernst des Lebens. Natürlich ist die Pandemie für viele Menschen tragisch! Sie kann uns aber auch zurückführen zu den wesentlichen Dingen. Daraus kann Dankbarkeit entstehen und Freude. Tiefe Freude kommt aus dem Ernst des Lebens, nicht aus oberflächlichem Spaß. Wir können das zusammendenken: Tod und Auferstehung. Dank Ostern müsste uns Sterben nicht so große Angst machen.

Manche Menschen sind von Natur aus lebenslustig und sprühen vor Freude, andere sind besorgt, schwermütig. Ist Lebensfreude ungerecht verteilt?
Nach Aristoteles heißt Gerechtigkeit, jedem das Seine zu geben, aber da jeder anders ist, ist auch Ungleiches ungleich zu behandeln. Also: Alle Menschen sind gleich in ihrer Würde, aber ungleich in ihren Temperamenten. Gerechtigkeit ist daher nicht Gleichmacherei, sondern bedeutet, die Unterschiede zu achten. Mancher depressiv, melancholisch oder nachdenklich Veranlagte hat vielleicht mehr Tiefgang als der Fröhliche. Die Unterschiede ergänzen sich. Das ist Vielfalt und die ist gut und nicht ungerecht.

Gehört zur Lebensfreude das Genießen, Sich-etwas-gönnen-können dazu?
Es braucht das richtige Maß. Mit dem Wort Genießen tue ich mich etwas schwer. Viele Leute sagen: Man lebt nur einmal und müsse das Leben daher genießen. Ja, man lebt nur einmal, aber daraus kann man auch die Verpflichtung ableiten, unsere Berufung, unsere Aufgabe in dieser Welt zu finden und zur Entfaltung zu bringen. Auch ich freue mich über ein schönes Abendessen und ein gutes Glas Wein. Aber wir sollten nicht aufs Genießen fixiert sein.

Kleine Kinder freuen sich manchmal unbändig über einen Käfer, der krabbelt, oder Wasser, das spritzt. Offenbar geht diese Freude über das Kleine, Einfache mit der Zeit verloren.
Das hat mit der Überfülle an Eindrücken zu tun, die auf uns einströmen. Der Wiener Kardinal Schönborn ging einmal mit mir über eine Wiese und sagte: „Schau mal, jede kleine Blume ein Kunstwerk!“ Dass viele Menschen sich nicht mehr an Kleinigkeiten erfreuen können, hängt mit dem Überangebot an Konsum-, Freizeit-, Informations- und Kommunikationsmöglichkeiten zusammen. Die Masse verstellt den Blick für das Kleine. Im Kleinen zeigt sich das Große. Das müssten wir in der Erziehung fördern, damit sich die Menschen den Blick für das Einfache lange bewahren.

Schicksalsschläge, Nöte, Sorgen können die Lebensfreude vertreiben. Was braucht es, um Durststrecken durchzustehen?
Soweit ich sehe, kommt das Wort Glück im Neuen Testament kaum vor. Es spricht von der Fülle des Lebens. Das ist etwas anderes als Glück. Ein erfülltes Leben braucht auch Krisen, Zeiten der Nachdenklichkeit. Jugendliche in der Pubertät fühlen sich oft stark, unbesiegbar, denken, sie könnten alles. Bekommen sie eine Grippe und liegen eine Woche im Bett, werden sie wieder ganz klein und möchten bemuttert werden. Krisen haben auch den Sinn, Menschen wieder auf den Boden zurückzubringen, damit sie entdecken, was ein erfülltes Leben sein kann.
Als Mediziner habe ich viele Menschen leiden sehen. Nicht alle waren immer nur unglücklich darüber. Von manchen Eltern mit einem behinderten Kind, das nur wenige Jahre gelebt hat, habe ich gehört: „Das waren wertvolle Jahre! Sie haben uns an wesentliche Punkte im Leben geführt.“ Insofern glaube ich, Leid, Zurückführung zur Bescheidenheit, zur Dankbarkeit für die kleinen Dinge gehören zu einem erfüllten Leben dazu. Ohne Krise ist es nicht zu haben.

Hängt es von der inneren Haltung ab, wie man mit Krisen umgeht? Von der Einstellung zu sich selbst?
Ganz stark. Für mich ist dafür der Glaube wichtig im Sinn von Sich-festmachen in Gott. Weil ich von Gott angenommen bin, kann ich mich selbst annehmen. Jungen Menschen sollten wir weitergeben: Die Anbindung an Gott gibt eine gute Beziehung zu sich selbst. Mein Vater hat uns Kindern gesagt, wenn wir eine schlechte Zensur bekommen hatten: „Die ewige Seligkeit hängt nicht davon ab!“ Es gibt mir zu vielem ein entspannteres Verhältnis, wenn ich weiß, da ist noch eine ganz andere Dimension. Wir müssten daher an vielen Punkten auch das Religiöse neu buchstabieren und vermitteln: Das Wichtigste ist, dass du einen Halt hast, einen inneren Stand. Vor Gott bist du gut genug; du musst dich nicht ständig beweisen. So kannst du dich selbst annehmen und damit dann auch die anderen.

Was fördert die Lebensfreude? Wie könnten wir stärker zu ihr durchdringen? Ich denke auch an Menschen ohne religiöse Anbindung.
Die Freude kommt über die Dankbarkeit darüber, dass nicht alles selbstverständlich ist, was wir haben. Und über das bewusste Stehen in der Gegenwart. Der Philosoph Martin Heidegger hat in Anlehnung an den heiligen Augustinus gesagt: Die Vergangenheit gibt es nicht, denn die ist vorbei und kommt nie wieder. Die Zukunft gibt es nicht, weil sie noch nicht da ist – wir wissen gar nicht, ob wir in zehn Minuten noch leben. Das Jetzt ist das einzige, was wir haben. Augustinus hat gesagt: Du kannst eine Melodie nur erkennen als Melodie, wenn du den letzten Ton NOCH hörst, den jetzigen Ton JETZT hörst, und den zukünftigen Ton vorwegnimmst. Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft fallen im Jetzt des Hörens der Melodie zusammen. Das verweist auf die Ewigkeit. Ich sage noch drastischer: Ewigkeit ist jetzt. Daher ist es so bedeutsam wahrzunehmen, was gerade ist. Wenn Sie Auto fahren, der Nebel immer dichter wird und Sie immer weniger sehen, dann müssen Sie die Geschwindigkeit reduzieren. Das sagt uns auch die Corona-Krise. Wir sehen nicht mehr klar, wissen nicht, wie das Virus reagiert. Wir müssen langsamer werden. Das zwingt uns ins Jetzt. Darüber kann ich einen positiven Zugang zu meinem Leben bekommen. Und so zur Freude finden.

Birgt das Streben nach Lebensfreude nicht die Gefahr, unter Leistungsdruck, auf eine überzogene Selbstoptimierungsschiene zu geraten?
Wenn Sie einen schwachen Stern am Himmel sehen wollen, müssen Sie ein bisschen daneben schauen. Das hängt mit dem blinden Fleck zusammen, wo der Sehnerv ins Auge tritt, da sehen wir nicht scharf. So ist das mit dem Glück auch: Ich kann nicht direkt darauf abzielen. Es funktioniert nicht, mir vorzunehmen: Jetzt bin ich glücklich! Oder: Heute Abend in der Disko verliebe ich mich! Mein Glück kann ich finden, wenn ich richtig lebe. Das heißt bei Aristoteles, dem guten Geist zu folgen. So entwickelt er seine Tugendlehre: Klugheit, Gerechtigkeit, Tapferkeit, Maß.
Wenn ich diese Tugenden einübe, kann sich das Glück einstellen und die Beziehung zu den Mitmenschen und zu dir selbst verbessern. Glück kann sich ereignen, machen kann man es nicht. Im Christentum sprechen wir davon, dem Heiligen Geist zu folgen und so das Leben in Fülle zu erlangen. Viele Versprechungen, ein größeres Auto oder ein weiterer Urlaub würden uns glücklicher machen, laufen oft ins Leere, weil wir selbst uns immer mitnehmen und das innere Unglücklichsein damit nicht weg ist. Ich hatte viel mit schwer Depressiven zu tun. Wenn ich denen sage, schau doch mal, wie schön die Sonne scheint, ist das fast wie eine Ohrfeige für sie. Weil es ihnen innen drin schlecht geht und das alles überlagert. Glück ist eine Frage der Innerlichkeit. Es lässt sich mit äußeren Gütern vielleicht ein bisschen fördern, aber ich kann es nicht direkt anpeilen. Es muss sich einstellen.

Hängt Lebensfreude auch davon ab,  ob ich in meinem Leben und Tun einen Sinn erkenne?
Karl Marx hat richtig erkannt, dass ständig gleichförmige Fließbandarbeit den Menschen von sich selbst entfremden kann. Der Neurologe und Psychiater Viktor Frankl hat vieles über das Sinngeben geschrieben. Ich würde einen Schritt weitergehen. Es kann sein, dass ich in bestimmten Situationen meinem Leben keinen Sinn mehr geben kann, weil es so aussichtslos ist. Auch viele Mystiker sprechen vom Dunkeln, wo sie nichts mehr sehen. Aber aus einer göttlichen Perspektive kann das, was mir geschieht, einen Sinn haben, ohne dass ich ihn erkenne.
Manche Menschen sehen ihren Lebenssinn im Beruf. Aber wenn sie einen tragischen Unfall haben und den Beruf nicht mehr ausüben können? Anderen gibt ihre Familie den Sinn. Aber wenn die Kinder aus dem Haus gehen oder der Partner wegläuft? Dann verschwindet auch der Sinn. Einen letzten Sinn gibt für mich der Glaube und der Bezug zum göttlichen Urgrund. Jeder vordergründige Sinn kann überraschend wegbrechen.

Wann ist Freude für andere ansteckend? Was können wir tun, damit sie ausstrahlt?
Auch das kann man nicht machen. Wenn ich authentisch bin und aus der inneren Stimmigkeit Freude entsteht, Enthusiasmus, Begeisterung, dann kann das überspringen. Wenn du selbst ständig unglücklich bist – ein Miesepeter, Schwarzmaler, Runtermacher, wirst du auch deine Mitmenschen unglücklich machen. Was ich nicht in mir habe, kann ich nicht weitergeben. Die Freude, die ich vermitteln will, kann nur bei mir anfangen. Wenn sie bei mir echt und nicht aufgesetzt ist, strahlt sie von selbst aus.

Herzlichen Dank für das Gespräch!
Clemens Behr

Foto: (c) Joseph Krpelan

Matthias Beck,
geboren 1956 in Hannover, hat in Münster und München Pharmazie, Humanmedizin, Philosophie und Theologie studiert. Seit 2007 ist er Professor für Moraltheologie mit dem Schwerpunkt Medizinethik an der Universität Wien. 2011 wurde er zum Priester geweiht.
Beck ist Mitglied der Österreichischen Bioethikkommission beim Bundeskanzleramt, der Beratergruppe der Europäischen Bischofskonferenzen in Brüssel, der Europäischen Akademie der Wissenschaften und Künste in Salzburg und korrespondierendes Mitglied der Päpstlichen Akademie für das Leben im Vatikan.

(Erschienen in der gedruckten Neuen Stadt, Juli/August 2020)
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