Illustration: © Maksym Kapliuk (iStock)
4. Dezember 2020

Der große Graben

Von nst5

Was die Wahl in den Vereinigten Staaten so polarisierend und kompliziert macht.

Die erste TV-Debatte zwischen Präsident Donald Trump und seinem demokratischen Herausforderer Joe Biden war ein trauriger Höhepunkt des US-Wahlkampfes: Während der eine sich mühte, seine Ideen in Worte zu kleiden, fiel ihm der andere ständig ins Wort. Beide attackierten sich gegenseitig auf der persönlichen Ebene, und um politische Konzepte ging es bei dieser Schlammschlacht kaum. Dschungelcamp oder demokratische Veranstaltung?
Wenige Tage danach entstand dieser Text. Was ist passiert mit diesem Land, das einst die einflussreichste Supermacht der Welt war? Und warum wählen so viele – und gerade auch Christen – einen Mann, der für das Amt nicht geeignet erscheint?
Um zu verstehen, wie es zu der tiefen Spaltung der amerikanischen Bevölkerung kam, muss man sowohl in die Geschichte als auch in die nahe Vergangenheit blicken. Zum einen begünstigen das Zwei-Parteien-System und das amerikanische Wahlrecht, das Sitze nicht prozentual vergibt, sondern dem Gewinner in einem Staat alle Sitze zuspricht, eine Spaltung der Gesellschaft. Andere Parteien oder ungebundene Kandidaten haben es schwer, weil sie mehr als 50 Prozent der Stimmen auf sich vereinen müssen.
Zum anderen werden die traditionell das Land dominierenden WASPs (Weiße Angelsächsische Protestanten) bald überall in den USA in der Minderheit sein; in einigen Staaten wie Kalifornien sind sie es schon. Paradoxerweise hat diese Erkenntnis ausgerechnet unter der Präsidentschaft von Barack Obama zu einem Wiederaufflammen des Rassismus geführt. In einem von Verlustängsten geprägten Klima gedeiht Fremdenfeindlichkeit.
Dazu kommt, dass Millionen Arbeiterjobs durch die Globalisierung weggefallen sind. Viele Leute sorgen sich um ihre Arbeitsplätze und den Verlust der Welt, wie sie sie kannten.
In Donald Trump sehen sie jemanden, der das traditionelle amerikanische Ideal verkörpert: individuelle Freiheit, die nicht von der Regierung eingeschränkt wird, und die Möglichkeit, durch Arbeit und Leistungswillen zum Erfolg zu kommen. In den fast vier Jahren, die Trump nun im Amt ist, hat er einiges umgesetzt: Er hat Steuern gesenkt, er hat (unter dem Vorwand der Pandemie) die Grenzen für Einwanderer geschlossen, er hat sich in Diskussionen um Gender und Religion auf die Seite der Konservativen gestellt. Diese Werte sehen viele als bedroht an: Eine Umfrage von Larry Bartels/Vanderbilt ergab, dass 50 Prozent der Republikaner und ihnen nahestehende Unabhängige glauben, dass „der traditionelle American Way of Life so schnell verschwindet, dass wir ihn zur Not mit Gewalt absichern müssen.“ Fast genauso viele glauben, dass „eine Zeit kommen wird, in der patriotische Amerikaner das Gesetz in die eigene Hand nehmen müssen.“

Viele Ängste sind auf Falschinformationen gebaut.
Viele dieser Ängste sind auf Desinformationen gebaut – ein Sozialsystem, wie viele europäische Staaten es haben, wird hier als Kommunismus angesehen. Nichts fürchten viele Amerikaner mehr als eine Einschränkung der Freiheit. Und während viele höhere Steuern ablehnen, spenden Millionen Amerikaner jedes Jahr enorme Summen für soziale Zwecke. Sie wollen selbst bestimmen können, wofür sie etwas geben. Großzügigkeit und Einsatz für das Gemeinwohl sind tief im amerikanischen Volk verankert.
Diese Widersprüche sind für Außenstehende oft schwer zu verstehen: Die Ablehnung von einer verpflichtenden Krankenversicherung etwa ist nicht Egoismus oder Verantwortungslosigkeit, sondern ein tiefer Wunsch nach Selbstbestimmung.
Bis vor etwa 20 Jahren waren verschiedene Ansichten aber kein Grund, nicht miteinander zu sprechen oder freundschaftliche Kontakte zu pflegen. Die kontinuierliche Desinformation auf rechtsgerichteten Internetseiten und der Linksruck in vielen etablierten Medienunternehmen tragen nun aber dazu bei, dass ein Wahlsieg der Demokraten von Konservativen als das Ende der freien Welt gesehen wird. Genauso wie für Demokraten einige Anliegen konservativer Wähler – wie zum Beispiel das Festhalten an traditionellen Familienmodellen – bedrohlich erscheinen. Da sich die meisten nur mit Gleichgesinnten über Politik unterhalten, wird die Kluft immer größer.

Illustration: © Maksym Kapliuk (iStock)

Für viele Wähler – besonders für Christen – ist das Abtreibungsrecht der Dreh- und Angelpunkt. Trump versprach – und hielt sein Wort – dass er Richter einsetzen wird, die das Abtreibungsrecht einschränken und religiöse Gewissensfreiheit gewähren. Trump war auch der erste Präsident, der auf dem jährlichen „Marsch für das Leben“ zu Zehntausenden meist jungen Menschen sprach, die für ihre Überzeugung, dass menschliches Leben mit der Empfängnis beginnt, auf die Straße gingen.
Dass mehr und mehr demokratische Politiker sich für eine Abtreibung bis zur Geburt einsetzen, hat sie für viele Christen und auch Gläubige anderer Religionen schwer wählbar gemacht. Joe Biden, selbst gläubiger und praktizierender Katholik, hatte als Vize-Präsident noch 2012 erklärt, dass er persönlich gegen Abtreibung sei, aber dass eine Frau diese Entscheidung selbst treffen können müsse. In 2020 ist davon nichts mehr zu hören – und das macht ihn schwer wählbar für Katholiken, denen das Leben Ungeborener am Herzen liegt.

Unterschiedliche Wahlentscheidung bei gleichen Werten
Die Bischofskonferenz der Vereinigten Staaten (USCCB) schrieb im Dokument „Gläubige Staatsbürgerschaft“ (2019), „wir Bischöfe wollen keinem Katholiken sagen, was er oder sie zu wählen hat. Unser Ziel ist, Katholiken zu helfen, ihr Gewissen zu formen, sodass es mit Gottes Wahrheit übereinstimmt“. Die Unantastbarkeit des Lebens werde in vielen Bereichen verletzt: durch Abtreibung, aber auch durch die Todesstrafe, Euthanasie, Armutsstrukturen, Rassismus, Umweltzerstörung oder dem Abweisen von Migranten. „Kein Kandidat und keine Partei stimmt mit allen Anliegen und Werten der Katholischen Kirche vollkommen überein, sodass es letztlich dem Gewissen des Einzelnen überlassen bleibt, wen er oder sie wählt.“
Diese Botschaft ist leider nicht überall angekommen. Sogar in der katholischen Kirche denunzieren sich die Gläubigen gegenseitig, wenn eine Äußerung ihrer Ansicht nach nicht mit der katholischen Lehre vereinbar ist.
Wie kommen wir aus dieser Falle heraus? Der wichtigste Schritt ist ein innerer: zu respektieren, dass jemand sein Gewissen befragt und zu dem Schluss kommt, für den Kandidaten zu stimmen, den ich vielleicht vehement ablehne; zu akzeptieren, dass meine Freunde viele meiner Überzeugungen teilen und wir in der gleichen christlichen Gemeinschaft leben, aber dass sie „dem anderen Kandidaten“ ihre Stimme geben. Das, was uns im Glauben verbindet – und das habe ich persönlich in Gesprächen erlebt – sind stärker als meine politischen Ideen. Nur wenn ich es schaffe, offen zu sein und vorurteilsfrei zuzuhören, ist Dialog und Verständigung möglich. Wenn ich diesen Dialog als bereichernd erlebe, kann ich andere dafür begeistern.
Eine Freundin, die in Washington Jura lehrt, schlug vor, dass sich jeder einen „Kumpel von der anderen Partei“ suchen und im Kleinen diesen Dialog starten solle. Damit wirken wir der Dämonisierung des Gegners entgegen. Und das braucht das Land nun dringender denn je!
Susanne Janssen, New York 1)

1) Die Autorin stammt aus Deutschland, lebt aber seit vielen Jahren in den USA und ist Chefredakteurin unserer Schwesterzeitschrift „Living City“.

(Erschienen in der gedruckten Neuen Stadt, November/Dezember 2020)
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