Die befreiende Kraft von Grenzen

„Halt geben“ und „Freiheit ermöglichen“: Das sind die beiden Pole eines erzieherischen Spannungsfeldes.

Grenzen sind für die meisten kein schönes Thema. Wir erleben sie als lästig, unangenehm, herausfordernd, einengend oder gar bedrohlich. Bei uns selbst und bei anderen.
Aber Grenzen sind da. Es gibt sie. In der Natur, im Menschsein, im sozialen Miteinander. Sie haben durchaus positive Seiten. Durch die Haut, die unseren Körper begrenzt, spüren wir uns und unser Umfeld. Welche Schäden ein Fluss verursacht, der über seine Ufer tritt, erlebten wir in den letzten Jahren häufig. Manchmal sind Grenzen sogar überlebensnotwendig – auch im sozialen Miteinander. Wenn es da zu Grenzverletzungen kommt, hat das unter Umständen langwierige und schwerwiegende Folgen (Stichwort: Missbrauch).
Grenzen geben Sicherheit, Halt. Das ist ein Grundbedürfnis des Menschen. Aber es steht in einem natürlichen Spannungsverhältnis zu einem anderen Grundbedürfnis: der Freiheit. Nähe und Distanz. Verbundenheit und Selbstständigkeit. Diese Gegensatzpaare machen einen weiten Raum auf – ein Spannungsfeld, in dem sich auch all diejenigen bewegen, die mit Erziehung zu tun haben. Letztlich geht es dabei immer um die Frage: Wie viel Freiheit und wie viel Halt brauchen die, die ihnen anvertraut sind?
So weit wie dieses Spannungsfeld sich darstellt, so unterschiedlich sind auch die Sichtweisen zum Thema Grenzsetzung, die wir in unseren Gesellschaften vorfinden. Klare Regeln, konsequente Umsetzung und im Extremfall auch Strafen heißt die Position auf der einen Seite, während andere danach streben, ganz auf Erziehung zu verzichten, weil sie immer grenzverletzend in die eigenständige Persönlichkeit der Kinder eingreift.

Foto: © Sohl (iStock)

Patentlösungen und allgemein gültige Rezepte gibt es sicher keine. Nicht einmal innerhalb einer Familie, einer Gruppe oder eines sozialen Umfelds. Denn dass jedes Kind seine eigene Persönlichkeit hat und diese sich schon früh zeigt, wird kaum jemand – wo auch immer er sich in diesem Spannungsfeld verortet – bestreiten.
Für Kinder sind Grenzen häufig erst einmal eine Herausforderung. Wie Extremsportler reizt es sie, diese zu überwinden oder auszutesten, sei es das Mäuerchen auf dem Weg wie auch den Sprung vom Klettergerüst. Von Erwachsenen ausgesprochene Verbote scheinen für sie oft eine geradezu magische Anziehungskraft zu haben: Ob diese Grenze wohl hält, man sie nicht doch irgendwie umgehen kann? Das gehört zur gesunden Entwicklung und ist Teil des Weges, auf dem das Kind und später der Jugendliche lernt, sich selbst und in Beziehung zu seiner Umgebung zu erfahren und einzuschätzen.
Wann dieses Experimentieren gefährlich wird, können Kinder nicht immer einschätzen. Und wo sie eventuell Grenzen anderer übertreten, lernen sie erst und nur in der Beziehung. Ob und welche Leitplanken Eltern und Erziehende da setzen und wie sie darauf achten, dass sie beachtet werden, ist eine herausfordernde Aufgabe. Das liegt nicht zuletzt daran: Wer anderen Grenzen setzt, wird unweigerlich früher oder später auch mit den eigenen konfrontiert, muss sich diesen stellen. Das fällt niemandem leicht. Auch Eltern haben Grenzen. Das ist logisch und menschlich. Aber es braucht auch keine Übermenschen, um ein Kind groß zu ziehen, sondern eher den Mut, sich immer wieder den eigenen Grenzerlebnissen zu stellen und neu anzufangen. Viele Eltern und Erziehenden könnten da von einer bereichernden Wechselwirkung erzählen, davon wie viel sie von Kindern diesbezüglich lernen!
Eine weitere Hürde beim Thema Grenzen ist wohl häufig das Nein-Sagen. Zu erkennen, wann, in welchen Situationen und mit welchem Maß es angebracht ist, ist das eine. Dazu zu stehen und es dann auch zu vermitteln, das andere. Denn wer sich ohnehin schon schwertut, eine Absage zu erteilen, und sie dann auch noch mit wenig innerer Überzeugung ausspricht, wird von Kindern leicht durchschaut. Sie haben ein feines Gespür für diese Zwischentöne und merken, wenn die Eltern halbherzig sind. Dass sie versuchen, das in ihrem Sinn Beste herauszuholen, ist verständlich. „Gefährlich“ wird es dann, wenn Eltern sich gegeneinander ausspielen lassen, weil etwa die eine schneller Ja sagt und der andere eher Nein. Eltern müssen nicht immer einer Meinung sein, aber sie sollten einander trotz aller Unterschiedlichkeit den Rücken stärken. Vielfalt können Kinder aushalten – und damit umgehen.

Illustration: © Aleksei Morozov (istock)

Erziehung ist heute mehr und mehr zur Privatsache geworden. War früher das ganze Dorf oder zumindest die Großfamilie einbezogen, empfinden Eltern es heute manchmal schon als Einmischung, wenn Großeltern auch nur eine leise Anmerkung machen. Sie fühlen sich dann kritisiert und infrage gestellt. Ob das auch damit zusammenhängt, dass die Erwartungen an Eltern auch gesellschaftlich recht hoch geschraubt sind? Kinder in ihrer Entfaltung und Entwicklung zu fördern, ihnen nur ja keine Wege zu verbauen und ihnen den bestmöglichen Start ins Leben zu verschaffen … Solche häufig zu hörenden Aussagen können Eltern – bewusst oder unbewusst – beherrschen, sie überfordern und zu Stress und Druck führen. Aber sind Kinder – egal in welchem Alter – nicht auch enorm anpassungs- und widerstandsfähig? Sie können vieles verkraften und auch verzeihen, wenn die Beziehung stimmt. Authentische Zuwendung und echte Liebe sind dabei bedeutsamer als Perfektionismus und Fehlerlosigkeit.
Im großen erzieherischen Spannungsfeld von „Halt geben“ und „Freiheit ermöglichen“ können Grenzsetzungen notwendige Orientierungshilfen vermitteln und manchmal überlebensnotwendig sein. Aber sie können auch verletzende Einschnitte bedeuten. In diesem Bewusstsein ist es gut und notwendig, sensibel mit Grenzsetzungen umzugehen. Doch ist es wohl genauso gut und notwendig, dabei im Blick zu behalten, dass es echte Freiheit ohne festen Halt und tiefe Verwurzelung nicht gibt.
Gabi Ballweg

(Erschienen in der gedruckten Neuen Stadt, November/Dezember 2020)
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