Ein Verhältnis voller Widersprüche
Wie steht es um die Beziehungen zwischen Menschen und Tieren?
Was wandelt sich zum Guten? Was nicht? Was bewirkt das Zusammenleben mit Tieren? Im Gespräch mit dem Grazer Soziologen Frithjof Nungesser.
Foto oben: privat
Das Verhältnis von Mensch und Tier ist im Wandel. Was beobachten Sie da, Herr Nungesser?
Ich erkenne zwei große Entwicklungen, die in einem spannungsvollen Verhältnis zueinander stehen. Auf der einen Seite gibt es eine wachsende Zuwendung zu Tieren, eine stärkere Sensibilisierung für ihre Bedürfnisse und ihr Empfinden. Auf der anderen Seite stellen wir nach wie vor eine Steigerung der Tierproduktion fest. Allein in Deutschland werden jährlich 740 bis 760 Millionen Landwirbeltiere geschlachtet, weltweit sind es 80 bis 85 Milliarden. Pro Minute werden also 160 000 Tiere geschlachtet.
Wie lässt sich das erklären?
Unser Kontakt zu Tieren hat sich grundlegend geändert. Wir haben kaum noch ungeplanten Kontakt zu Wildtieren. Wir begegnen ihnen fast nur im Zoo oder in Dokumentarfilmen. Ähnliches gilt für landwirtschaftlich genutzte Tiere. Während um das Jahr 1800 noch 60 Prozent der deutschen Bevölkerung in der Landwirtschaft gearbeitet haben, ist es heute nur noch ungefähr ein Prozent. Wir haben deshalb vor allem Kontakt zu Haus- beziehungsweise Heimtieren. Aus diesem Grund ist unser unmittelbares Verhältnis zu Tieren von Nähe und Empathie geprägt.
Die enorme Zunahme der Fleischproduktion – seit 1960 sind die Schlachtzahlen global stärker gewachsen als die Bevölkerung – hat mit wachsendem Wohlstand, der Industrialisierung der Produktion und einem veränderten Lebensstil zu tun.
Ist für viele Menschen die Liebe zu ihren Haustieren und die Gleichgültigkeit gegenüber dem Leid anderer Tiere kein Widerspruch?
In Umfragen sagen die meisten Menschen, dass es höhere Tierschutzstandards geben sollte und dass sie bereit wären, mehr Geld für Tierprodukte auszugeben. In der Wirklichkeit stammen aber nur knapp zwei Prozent des in Deutschland verkauften Fleisches aus Biohaltung.
Kann das damit zusammenhängen, dass Tierleid nicht so sehr berührt, wenn man es nicht sieht?
Ganz sicher. Die Schlachthöfe und die Tierindustrie haben sich über die Jahrzehnte hinweg von den Städten wegbewegt. Außerdem sehen die Produkte oft nicht mehr so aus, als ob sie etwas mit Tieren zu tun hätten. Auch diese ästhetische Dimension schafft Distanz.
Zurück zu den Haustieren. Sie sprechen lieber von Heimtieren, oder?
Das stimmt. Der Begriff Haustier ist von der Entstehung her der Gegenbegriff zum Wildtier. Mit Haustieren sind eigentlich alle Tiere gemeint, die mit den Menschen leben – sowohl die Nutztiere als auch die Heimtiere.
Was bewirkt das Zusammenleben mit Tieren?
Es hat gesundheitliche und soziale Konsequenzen. Das Halten eines Hundes beispielsweise bringt oft Vorteile für die Gesundheit mit sich, weil man sich mehr bewegt. Bei Menschen mit Depressionen, Angstzuständen, posttraumatischen Störungen, Demenz und Autismus kann die Nähe zu Tieren positive Wirkungen haben. Die Heimtierhaltung birgt auch gesundheitliche Risiken, wie etwa Infektionskrankheiten, die von Mensch zu Tier oder umgekehrt übertragen werden können, oder Allergien und Bisse. Doch die positiven Auswirkungen überwiegen eindeutig.
Kann die Nähe zu Tieren die Sozialkompetenz oder den Selbstwert eines Menschen stärken?
Schon im 18. Jahrhundert haben der Adel und das aufkommende Bürgertum Heimtiere geschätzt. Sie wollten ihre Kinder auf diese Weise erziehen; sie sollten Verantwortungsgefühl entwickeln, lernen, Grausamkeit zu vermeiden und mit Trauer umzugehen.
Es gibt dazu noch recht wenige Studien. Doch diese deuten darauf hin, dass die emotionalen, denkerischen und sozialen Kompetenzen von Kindern und Jugendlichen durch Heimtiere gestärkt werden. Ähnliches gilt für das Selbstwertgefühl. Manche Studien erkennen einen positiven Effekt von Heimtieren, andere Studien sind da zurückhaltender.
Können Tiere lieben?
Diese Frage stellen Menschen vermutlich vor allem mit Blick auf Heimtiere. Wir haben keine Kenntnisse von der Erlebniswelt eines Tieres. Wir können allerdings beobachten. Dann sehen wir, dass Tiere langfristige Bindungen haben. Wir sehen, dass sie trauern, dass es Müttern schwerfällt, sich vom toten Nachwuchs zu trennen. Wir haben biochemische Erkenntnisse, etwa, was die Oxytozinausschüttung betrifft, ein Hormon, das unter anderem soziales Verhalten, emotionale Bindung und das Schmerzempfinden reguliert. Von daher sprechen sowohl die Biochemie als auch die Verhaltenswissenschaft dafür, dass es enge Bindungen zwischen Tieren und von Tieren zu Menschen gibt. Ob wir das dann Liebe nennen, bleibt dahingestellt.
Immer wieder werden Tiere als die besseren Menschen bezeichnet …
… was vielleicht mehr über das Verhältnis zwischen Menschen aussagt als über das zwischen Mensch und Tier. Hier schwingt mit, dass wir Tieren Treue zuschreiben, vorbehaltlose Liebe, Nähe und ein Verstehen ohne Worte. Tiere werten uns nicht ab und mögen uns so, wie wir sind. All das vermissen viele Menschen im Umgang mit anderen Menschen. Es mag widersprüchlich klingen, aber mir scheint die Wahrnehmung, dass Tiere die besseren Menschen sind, gerade darin begründet, dass sie eben keine Menschen sind.
Was bedeuten Tiere für Kinder?
Kinder haben einen engen Bezug zu und ein intuitives Verständnis von Tieren. Sie sind oft schockiert, wenn sie das erste Mal hören, woher das Fleisch kommt, das sie zu essen bekommen. Kindliche Welten sind extrem von Tieren geprägt: Sie haben Plüschtiere; auf der Bettwäsche sind Tiere; die Geschichten und Bilderbücher sind voller Tiere. Wenn sie irgendwo ein Tier sehen, zeigen sie darauf und sagen etwa „Wauwau“.
Gehören Tiere zur Familie?
Soziologisch betrachtet eindeutig ja. Die meisten Menschen bezeichnen Tiere selbstverständlich als Teil der Familie, die in unterschiedlicher Weise in den Alltag eingebunden werden.
Diese Zugehörigkeit sollte aber nicht vergessen lassen, dass es auch in der Heimtierhaltung ein Gefälle gibt. Wenn ich mit dem Hund ausgehe, werde ich verantwortlich dafür gemacht, was der Hund macht. Das gilt auch im juristischen und im medizinischen Sinn. Als Halter oder Besitzerin bin ich verantwortlich für das Tier – auch wenn ich es als gleichwertiges Familienmitglied ansehe.
Beobachten Sie, dass Tiere den Platz von Kindern einnehmen?
Statistisch gesehen scheint das auf den ersten Blick so: Familien werden kleiner. Wir haben mehr kinderlose Paare und mehr Singles, während die Zahl der Heimtiere beständig steigt. Dann aber ist es interessant zu sehen, wo die Heimtiere leben: Den mit Abstand höchsten Wert gibt es bei Familien mit Kindern. Ungefähr zwei Drittel dieser Familien haben mindestens ein Heimtier. Bei Singles ist es nur ein Drittel.
Die Frage ist auch, was man mit “ Platz einnehmen” meint. Setzen Menschen Kinder und Tiere tatsächlich gleich? Auch hier könnte es auf den ersten Blick so scheinen, wenn Menschen ihre Heimtiere als Freundin, als beste Kumpel, als Kinder oder als Babys bezeichnen. Gleichzeitig gibt es auch Bezeichnungen, die eine Grenze markieren: Fellnase etwa, Samtpfote, oder Stubentiger. Das sind zwar auch Kosenamen, die von Nähe zeugen, aber gleichzeitig deutlich machen: „Ihr seid nicht wie wir.“
Kann Tierliebe zu weit gehen?
Auf jeden Fall. Schon das Produktionssystem von Heimtieren wirft Fragen auf. In der Zucht gibt es bestimmte Rassestandards, die nicht tierwohlorientiert sind, sondern einem bestimmten Zuchtideal dienen: etwa der lange Rücken bei Dackeln, die Schnauze des Mopses oder die Ohren der Schottischen Faltohrkatze. All das ist mit massivem Tierleid verbunden. Ich sehe das ganze Zuchtsystem kritisch, weil es Millionen von Heimtieren in Tierheimen gibt und die Menschen trotzdem oft Zuchttiere kaufen.
Weiterhin halte ich es für bedenklich, Wildtiere zu halten, etwa Reptilien, Spinnen, Fische und Papageien. Im Gegensatz zum Hund, der sich dem Menschen seit mehreren 10 000 Jahren angepasst hat, kann man diese Tiere unmöglich artgerecht halten.
Schließlich kann Tierliebe auch im alltäglichen Umgang zu weit gehen. Ein klassisches Beispiel ist das Umarmen von Hunden. Sie empfinden das als einengend und unangenehm. Häufig reden Menschen auch zu viel mit ihrem Hund und lassen ihm nicht die nötige Ruhe. Und dann ist da das Thema Kleidung und Ernährung. Wer Tieren menschliche Nahrung gibt, tut ihnen in der Regel nichts Gutes. Und sie brauchen auch keine Kleidung, außer bei starkem Frost vielleicht.
Wie wird sich das Verhältnis von Mensch und Tier entwickeln?
Es gibt viele Ansätze dafür, wie sich das Verhältnis verbessern könnte. Als Soziologe schaue ich aber darauf, was tatsächlich passiert. Da sehe ich wenig Fortschritt. So erkenne ich kein Abrücken von der industriellen Tierproduktion und kaum Verbesserungen im Tierschutzrecht. Manche Milieus sehen die Tiernutzung zunehmend kritisch. Eine steigende Zahl von Menschen essen wenig Fleisch oder leben vegetarisch oder vegan. Gleichzeitig aber gibt es eine Politisierung des Themas durch die Verknüpfung von Fleischkonsum und Freiheit – vor allem durch rechte Parteien.
Auf jeden Fall wird uns dieses Thema weiter begleiten. Wenn es nicht das Wohl der Tiere ist, das uns zu Veränderungen bewegt, dann werden es vielleicht die ökologischen, sozialen und gesundheitlichen Folgen der Massentierhaltung sein.
Vielen Dank für das aufschlussreiche Gespräch.
Peter Forst

Frithjof Nungesser, geboren 1980 in Darmstadt, studierte Wissenschaftliche Politik, Soziologie und Philosophie an der Albert-Ludwigs-Universität Freiburg im Breisgau und an der University of Toronto. Er ist Privatdozent am Institut für Soziologie der Karl-Franzens-Universität Graz. Seine Arbeiten bewegen sich in den Bereichen der soziologischen Theorie sowie der Herrschafts- und Gewaltsoziologie. Hier widmet er sich etwa Fragen des Mensch-Tier-Verhältnisses oder analysiert die Vielfalt menschlicher Verletzbarkeit.
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Der Artikel oben ist erschienen in der NEUEN STADT, Juli/August 2025.
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