1. Oktober 2025

Gemeinsam wachsen

Von nst5

„Ubuntu: Wir wachsen gemeinsam,

ohne jemanden zurückzulassen.“ Mit diesem anspruchsvollen Motto setzt sich Augustine Orengo Lenamoe seit Jahren dafür ein, die Lebenssituation der Menschen im Norden Kenias zu verbessern.

Marsabit ist eine Region im Norden Kenias an der Grenze zu Äthiopien, mit dem gleichnamigen Hauptort. Nur zehn Prozent der Fläche ist landwirtschaftlich nutzbar. Die Bevölkerung lebt hauptsächlich von der Viehzucht: 45 Prozent von ihnen unterhalb der Armutsgrenze, 80 Prozent ohne Zugang zu sauberem Wasser. Mehr als 70 Prozent können weder lesen noch schreiben.
Augustine Orengo Lenamoe stammt von dort und setzt sich seit Jahren dafür ein, die Lebensbedingungen seines Volkes, der Hula Hula Gemeinschaft, zu verbessern. Unterstützt wird der 35-Jährige dabei von Clemens Schlenkrich, einem pensionierten Wissenschaftlichen Dokumentar, der mit seiner Familie in Mannheim lebt. So ist 2019 in der Nähe der Stadt Marsabit das „Ubuntu-Zentrum“ entstanden. Auf einer Fläche von gut vier Hektar werden hier Aktivitäten zur Verbesserung der Lebenssituation gebündelt.

Augustine Orengo Lenamoe und Clemens Schlenkrich
Foto: (c) Ursel Haaf

Wie kam es dazu? Augustine Orengo Lenamoe ist gerade in Mannheim zu Besuch und bei Kaffee und Kuchen erzählt er: „Ich war 16 Jahre alt und besuchte eine Missionsschule in Marsabit, als es aufgrund von mangelndem Wasser und Weideland an der Grenze zu Äthiopien zu einem Massaker zwischen verschiedenen Ethnien kam. Auch die Jugendlichen standen einander feindselig gegenüber. Ich fragte mich, was ich tun könnte, um einen Beitrag zum Frieden zu leisten. Von meinem Taschengeld begann ich, unter den Jugendlichen sportliche Wettbewerbe für den Frieden zu organisieren.“
Mit einigen von ihnen gründete Augustine 2016 die NPYDO (Northern Pastoralists Youth Development Organization), eine Organisation zur Förderung der Hirtenvölker im Norden Kenias; sie ist inzwischen als Nicht-Regierungsorganisation anerkannt. Zwei Jahre später konnten sie mit Unterstützung einer niederländischen Organisation einen Raum anmieten und die „Shepherd School“ [Hirtenschule] eröffnen: Lesen, Schreiben und Rechnen sowie Grundkenntnisse über Ernährung und andere Themen standen auf dem Stundenplan.

Die Schule ist inzwischen staatlich anerkannt.
Foto: (c) Clemens Schlenkrich

Im selben Jahr – 2018 – lernten sich Augustine, damals 28 Jahre alt, und Clemens Schlenkrich, gerade in Rente, auf einem internationalen Festival in Manila kennen: „Alles begann mit einem Lächeln“, schmunzelt der Deutsche. „Augustine lächelte mich an, ich lächelte zurück und fragte, woher er kommt und wie er lebt. Er erzählte von seinem Einsatz für seine Gemeinschaft und sprach vor allem von der prekären Wassersituation in seinem Land. Ich war fasziniert, ermunterte ihn, mir seine Vorschläge zu schicken, und versprach, nach Möglichkeiten der Unterstützung Ausschau zu halten“.

Mit Clemens‘ ersten Spenden, die er beim Nachbarschaftsfest und bei seiner Geburtstagsfeier gesammelt hatte, haben sie Filter zur Wasserreinigung angeschafft, „denn ohne Wasser geht gar nichts“. Dabei blieb es nicht. Augustine und Clemens war klar: Bei über 70 Prozent Analphabetismus muss Bildung im Mittelpunkt stehen. In erster Linie wollten sie Kinder und Frauen fördern. „Die Frauen haben einen starken Einfluss“, meint Augustine. „Ich sagte mir, wenn sie merken, was Bildung bewirken kann, schicken sie ihre Kinder zur Schule.“
Auf dem inzwischen erworbenen Gelände der „Shepherd School” konnten sie fünf kleine Klassenzimmer und vier Toiletten bauen. 120 Kinder und 100 Frauen haben seither den Unterricht besucht.

“One child – one tree”: Jedes Schulkind hat ein Bäumchen gepflanzt und pflegt es. – Foto: (c) Augustine Orengo Lenamoe

VERDIENST ERMÖGLICHEN
Frauen haben in der Nomadengesellschaft keine Rechte und kaum Möglichkeiten, aus ihrer kleinen Welt mit Kind und Herd herauszukommen. Deshalb haben Augustine und Clemens mit weiteren Spendengeldern Nähmaschinen gekauft. Frauen lernten nähen und stellen Kleidung her – für sich selbst und zum Verkauf. Vor allem unverheirateten Frauen bietet das die Chance, ein eigenständiges würdevolles Leben zu führen.
Auch die Männer, die bisher als Nomaden mit ihrem Vieh durch das Land gezogen sind, müssen lernen, sich umzustellen, was nach einer jahrhundertelangen Tradition nicht einfach ist. Aufgrund des Klimawandels und der wachsenden Dürre sterben viele ihrer Tiere einfach weg und die Armut wächst. Augustine setzt auch hier bei der jüngeren Generation an, um zu zeigen, dass anderes und nachhaltiges Wirtschaften möglich ist: „One child – one tree“ ist eine Aktivität im schulischen Rahmen. Jedes Schulkind ist dabei verantwortlich für ein selbst gepflanztes Bäumchen, wofür es jeden Mittwoch einen Liter Wasser mitbringt.

Bau eines Wassertanks. – Foto: (c) Augustine Orengo Lenamoe

Augustine liegt es am Herzen, „junge Menschen für Friedensfragen zu sensibilisieren. Sie werden häufig von Milizen rekrutiert und in bewaffnete Konflikte verwickelt.“ Das „Morans Regreening“-Projekt wendet sich an männliche Jugendliche, die ihre Waffen niedergelegt haben. Sie pflanzen und betreuen Bäume in der näheren Umgebung des Zentrums. Außerdem helfen sie bei schweren Arbeiten wie dem Bau von großen Wasserbehältern aus Beton, „kalabash“ genannt.

SCHRITT FÜR SCHRITT
Beim Thema Nachhaltigkeit ist Clemens hellhörig und durch einen Besuch in Kenia auch hellsichtig geworden. Aus Mist (Kuhdung, Küchenabfälle) Biogas herstellen und damit das mühsame Holzsammeln der Frauen überflüssig machen und energiesparender kochen ist nur eine von vielen Neuerungen. So konnte schon im ersten Jahr der CO2-Ausstoß um 1500 Kilogramm reduziert werden.
Um diesen Weg weiter verfolgen zu können, hat Augustine online einen Lehrgang zum Biogasanlagenbauer absolviert. Jetzt kann er selbst entsprechende Anlagen installieren und vertreiben. Zukünftig will er auch Solaranlagen bauen.
Vieles ist schon erreicht: Der Bezirk Marsabit hat die Schule des Ubuntu-Zentrums staatlich anerkannt. Sie konnten fünf Lehrer, eine Köchin und eine Sicherheitsperson einstellen. Dafür gibt auch jede Familie pro Kind fünf Dollar im Vierteljahr. Zwei Frauen haben nach ihrem Schulabschluss eine Anstellung in der Bezirksverwaltung von Marsabit erhalten. Es gibt eine lange Warteliste für die Schule, und so planen sie weitere Klassenräume. Augustine träumt sogar von einer weiterführenden Schule. Aber „step by step“, eines nach dem anderen, meint er lächelnd.

Foto: (c) Clemens Schlenkrich

Der junge Mann ist Gründer und Direktor des Ubuntu-Zentrums, aber entsprechend dessen Motto „Wir wachsen gemeinsam, ohne jemanden zurückzulassen“ möchte er die Entwicklung des Projektes mit allen gemeinsam vorantreiben. „Wir brauchen einander“, unterstreicht er. „Ich bin, weil du bist. So gehen wir voran.“ Um das sicherzustellen, hat er mit vor allem älteren Männern ein Komitee gegründet, das über die Aktivitäten und Ausgaben wacht; mit ihnen bespricht und entscheidet er alles.
Nach drei Wochen in Europa geht es für Augustine bald zurück in die Heimat zu seiner Frau, die in der Gesundheitsberatung tätig ist, zu seinen beiden kleinen Kindern, zwei und drei Jahre alt, zu seinem Projekt und der Gemeinschaft vor Ort.

ALLE MITNEHMEN
„Mich beeindruckt, wie gelassen und geduldig Augustine das Projekt voranbringt“, meint Clemens. „Er hält immer Rücksprache mit seiner Gemeinschaft und wartet mit der Ausführung seiner Ideen, bis alle mitgehen können. Und so haben sich die Leute das Projekt zu eigen gemacht.“
Augustine lacht und bestätigt ein afrikanisches Sprichwort: „Wenn du schnell gehen willst, geh allein; wenn du weit gehen willst, dann musst du mit anderen zusammen gehen.“
Maria Kuschel

Foto: (c) Clemens Schlenkrich

Das Ubuntu-Zentrum

2019 entstanden, bündelt das Ubuntu-Zentrum Projekte, die die Lebensverhältnisse der Hula Hula Gemeinschaft im Bezirk Marsabit im Norden Kenias verbessern sollen. Das Zentrum zeigt, was mit wenigen Mitteln erreicht werden kann: eine Grundschule für Kinder, Jugendliche und Frauen, ein IT-Zentrum, ein Sport- und Spielgelände, Nähkurse und Produktion von Kleidung, ein Agrarprojekt zur nachhaltigen Verbesserung der Ernährungssituation sowie die Renaturierung durch Wiederaufforstung einheimischer Pflanzen und Bäume. Zurzeit profitieren ungefähr 300 Personen davon. Unterstützt werden die Projekte von einigen Personen aus Europa; Schenkungen und Spenden von Freunden und Bekannten werden über den gemeinnützigen Verein Starkmacher e.V. abgewickelt.
cs-water4marsabit.com
ubuntucentre.com


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Der Artikel oben ist erschienen in der NEUEN STADT, September/Oktober 2025.
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