1. Oktober 2025

Unbehagen zeigen

Von nst5

Oft üben Menschen unterschwellig Macht aus:

Sie dürfen kritisieren, sich lustig machen, ihre Meinung in den Raum stellen, … lassen das Gleiche aber umgekehrt nicht zu. Wie damit umgehen?

Antonella Ritacco und Holger Sawatzki
Psychotherapeutin und Lehrbeauftragter für Konfliktmanagement, Gengenbach
Es gibt verschiedene Arten, wie man Kritik äußern kann: konstruktiv oder destruktiv.
Menschen lassen sich auf konstruktive Kritik gerne ein, weil mit ihr auch Wertschätzung und der Wille kommuniziert werden, sich mit Argumenten auseinandersetzen zu wollen. Konstruktive Kritik an der eigenen Person wird so als wertvolle und stärkende Rückmeldung wahrgenommen.
Menschen, die destruktiv kritisieren, wertschätzen andere nicht; sie wollen um jeden Preis ihre eigene Überlegenheit, ihre Macht demonstrieren. Sie greifen mit ihrer Kritik auf der persönlichen Ebene an. Sie gehen auf Argumente nicht ein, ziehen andere Meinungen oft ins Lächerliche und sind davon überzeugt, dass ihre Meinung die einzig Richtige ist. Sie erleben Kritik als Verletzung ihrer Person und ihres Selbstbildes, können damit nicht umgehen und lenken deswegen vom Thema ab.
Was kann man tun? Ein Geheimrezept für den Umgang mit diesen Menschen gibt es nicht. Entscheidend ist, dass man gelassen bleibt, keine Selbstzweifel zulässt und sich nicht dazu hinreißen lässt, mit Argumenten überzeugen zu wollen. Es zahlt sich nicht aus, Anreize zum sinnlosen Diskutieren anzubieten. Das kostet wertvolle Energie und fördert nur eine Negativspirale. Darum sollte man sich darauf nicht einlassen, das Ganze nicht persönlich nehmen und mit Humor darauf schauen.

Atem Morfaw
Juniorarchitekt, Köln
In einer Zeit wachsender Polarisierung wird das Gespräch immer schwieriger. Jeder weiß es besser, hat die richtige Vorstellung, sieht nur bei den anderen den Verbesserungsbedarf. Dabei wollen doch viele nur gehört werden.
In der Grundschule sagte unsere Lehrerin einmal: |„Wenn du mit dem Finger auf jemanden zeigst, denk daran – ein Finger zeigt auf den anderen, aber drei zeigen auf dich.“| Dieser Satz hat sich mir eingeprägt. Ich glaube: Zuhören und gehört werden beginnt bei uns selbst. Sich auszudrücken ist wie Singen im Chor – sobald meine Stimme so laut wird, dass sie alle anderen übertönt, stimmt etwas nicht.
Schwierig wird es, wenn Menschen subtil Macht ausüben, indem sie nur sich selbst Raum geben. Damit umzugehen, verlangt viel: Geduld, die nicht mit Schwäche verwechselt wird. Höflichkeit, die nicht ausgenutzt wird. Mut und Ehrlichkeit, ohne anzugreifen.
Viele merken gar nicht, wie einseitig sie auftreten. Schweigen oder Rückzug löst selten etwas – oft macht es die Lage nur schlimmer. Deshalb: klar bleiben, respektvoll, aber bestimmt. Die Wahrheit sagen – nicht um zu gewinnen, sondern um zu verstehen. Das braucht Mut. Und genau darin liegt eine stille, echte Stärke.

Teresa Mühlig
Leitung Sozialpastoral beim Caritasverband Oberhausen, Mülheim
Sie stehen beim Bäcker, lächeln höflich, leicht verlegen dem Kunden neben Ihnen zu und auf einmal streichelt er Ihnen durch die Haare. Oder Sie sind zum Essen eingeladen. Die Beilage schmeckt Ihnen nicht. Sie bitten darum, keine zu bekommen. Aber die Gastgeberin meint, sie schmecke ganz toll. Sie sollten mindestens probieren, und so gibt Sie Ihnen doch eine Portion auf den Teller. Später unterhalten sich alle über ein Thema, von dem Sie nichts verstehen. Nachdem Sie zwei Anekdoten erzählt haben, die Sie spannend finden, heißt es: Jetzt reicht es aber. Die anderen möchten sich weiterunterhalten. 
Ich hoffe, das ist Ihnen in letzter Zeit nicht passiert. Kindern passiert das ständig. Wir alle haben es als Kind wahrscheinlich oft erlebt, und viele von uns haben verinnerlicht, dass man dann nicht einfach schreien darf, sondern höflich und still oder am besten gar nicht reagiert; der Erwachsene hat es doch gut gemeint.
Unseren Kindern versuchen wir zu zeigen, dass sie eine solche Art übergriffiger Machtausübung nicht akzeptieren müssen. Sie dürfen Nein sagen und ihr Unbehagen auch drastisch zeigen. Wir Eltern versuchen dann, das aufzufangen. Vor die Wahl gestellt, ob sie Übergriffigkeit still ertragen oder sich etwas zu laut dagegen wehren, ist uns Letzteres lieber. Wie sie es höflich tun können, werden sie sich mit der Zeit schon von uns Eltern abschauen. Dem eigenen Empfinden von Selbstwert zu vertrauen, halte ich für sehr wichtig, auch um nachher den Selbstwert anderer zu achten.

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Der Artikel oben ist erschienen in der NEUEN STADT, September/Oktober 2025.
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