Im Alter unter einem Dach
Das MITEINANDER-Haus in Augsburg
ermöglicht Seniorinnen und Senioren, selbstbestimmt und in Gemeinschaft zu leben.
Auf einmal geht es minutenlang um ein Hörgerät. Dabei ist die Hausgemeinschaft im Augsburger MITEINANDER-Haus zusammengekommen, um über die Feier zum 15-jährigen Bestehen des Wohnprojektes zu sprechen. Doch das wird kurz unwichtig, als sich zeigt, dass eine der Bewohnerinnen Probleme mit ihrem Hörgerät hat. „Ist euch aufgefallen, dass sie kaum am Gespräch teilnehmen konnte?“, sagt eine der Anwesenden. „Ist sie vielleicht auch deshalb schon gegangen?“ – „Sie findet eines ihrer Hörgeräte nicht mehr“, wusste eine andere. Und überhaupt sei nicht klar, ob es noch funktioniere, selbst wenn es sich wiederfände. „Ich gehe dem nach“, meint eine Dritte.

Diese Szene steht sinnbildlich für das Zusammenleben im MITEINANDER-Haus. Die Bewohnerinnen und Bewohner wollen einander im Blick behalten und unterstützen. „Es geht darum, Beziehung zu leben“, meint Maria Schwake, die mit ihrem Mann Hans vor sechs Jahren in das Wohnprojekt gezogen ist. „Dann bekomme ich mit, was andere brauchen. Und ich verstehe, was ich tun kann – und was nicht.“
16 Personen zwischen 65 und 95 Jahren leben zurzeit im MITEINANDER-Haus, einige allein, andere in einer der beiden Fokolar-Gemeinschaften oder eben als Ehepaar wie Schwakes. Vier von ihnen wohnen von Anfang an in dem vierstöckigen Haus am Anna-Krölin-Platz, die anderen sind im Laufe der Jahre dazugekommen. Wer einziehen will, muss selbstständig leben können, darf also nicht auf Pflege angewiesen sein. Der Geist des Hauses soll, wie der Name sagt, vom Miteinander und der christlichen Nächstenliebe geprägt sein.
Regelmäßige Gelegenheiten zusammenzukommen sind der Monatskaffee, bei dem gemeinsame Angelegenheiten besprochen werden, ein wöchentlicher Spielenachmittag, die tägliche Feier der katholischen Messe sowie Geburtstage. Einmal in der Woche gibt es das Angebot zum gemeinsamen Mittagessen. Diese und viele weitere Aktivitäten finden im Gemeinschaftsraum statt. Er liegt in der obersten Etage, wird von allen im Haus mitfinanziert und ist ihr „Wohnzimmer“ geworden.

Berta Leutner gehört zu den ersten Bewohnerinnen. Sie sagt: „Es ist ein Geschenk, im Alter hier sein zu können.“ Die beinahe 95-Jährige weiß: „Ohne die Hausgemeinschaft wäre es nicht möglich, dass ich noch allein lebe.“ Sie habe lernen müssen Hilfe anzunehmen; etwa, dass Mitbewohner für sie einkaufen, kleinere Reparaturen vornehmen oder sie zum Arzt begleiten. „Zum Glück kann ich noch stricken. Der Erlös geht an ein Hospiz. So kann ich noch etwas geben.“
Auch Gertraude Seidl ist seit Anfang an dabei. Die alleinstehende Frau sagt, dass es ihr wichtig war, „im Alter nicht schrullig zu werden“. Die Gemeinschaft korrigiere und weite den Horizont.

Nicht schrullig werden
Peter Oswald bildet mit Vittorio Fasciotti und Franz Wezel die Fokolar-Gemeinschaft der Männer im MITEINANDER-Haus. Als Arzt wird er häufig um medizinischen Rat gebeten. Doch er betont: „Es geht nicht nur um Hilfe, sondern auch um den Austausch“, zu teilen, was einen beschäftigt. Alle zwei Wochen trifft er sich mit Vittorio und Bruno Czaputa zu einem Musikabend, an dem sie ein Instrument, einen Komponisten oder ein Musikstück kennenlernen.
Dieser Abend findet virtuell statt, weil Bruno und seine Frau Sigrid im Mai 2023 ausgezogen sind. „Ich habe mein ganzes Leben lang vorausschauend gedacht“, erläutert Bruno. Nach einem Oberschenkelhalsbruch schien es ihnen besser, wieder in die Nähe ihrer Kinder und in ein „Service-Wohnen“ zu ziehen, das den nahtlosen Übergang in eine Pflegestation ermöglicht.
Über Jahre hinweg war Bruno „ein Motor“ im MITEINANDER-Haus. Er hat vieles angestoßen und dabei versucht, alle und alles im Blick zu behalten. Für den einen oder die andere wirkte er gelegentlich zu bestimmend, aber zweifellos war jemand wie er nötig, damit das Projekt beginnen und sich entwickeln konnte.
Von unschätzbarem Wert war und ist die ehrenamtliche Hilfe von Freundinnen und Freunden des Wohnprojektes, die ihre Expertise zur Verfügung stellen. Eine davon ist Angelika Wagenseil. Seit 15 Jahren kommt sie jeden Dienstagvormittag. Sie hilft beim Duschen und Putzen, überlegt, welche pflegerische oder medizinische Unterstützung weiterhelfen kann, oder auch, ob ein Krankenhausaufenthalt geboten ist. Eine ganze Reihe von Bewohnern hat sie bis zum Lebensende begleitet.
Nicht für alle von ihnen ging der Wunsch in Erfüllung, dass das MITEINANDER-Haus die letzte Station in ihrem Leben sein möge. Arthur Baum etwa musste seine letzten Lebenswochen in einem Pflegeheim verbringen; schmerzlich für ihn und die ganze Hausgemeinschaft.
Bärbel Bockmühl ist eine derjenigen, die später eingezogen ist. Sie schätzt die Mischung zwischen freigelassen und willkommen sein. Das Wohnprojekt biete einen geschützten Raum in der eigenen Wohnung und zugleich die Möglichkeit, in Beziehung zu leben. Regine Bolkart, die mit Bärbel in der Fokolar-Gemeinschaft der Frauen lebt, macht ähnliche Erfahrungen: „Ich kann bei einer Anfrage auch mal ‚Nein‘ sagen und das wird – in der Regel – gut angenommen. Andererseits stoße ich auf Echo, wenn ich einen Vorschlag mache.“
Als Robert Berzl sich überlegte, in das MITEINANDER-Haus zu ziehen, sagten ihm Freunde: „Nimm auf jeden Fall deinen Werkzeugkoffer mit.“ Tatsächlich kann er sich praktisch einbringen. Er schätzt aber auch, das Glaubensleben mit anderen teilen zu können.
Viel Energie einbringen
Mit Ulrike Comes ist vor zwei Jahren eine Person eingezogen, der der Ruf vorauseilte, keinen Stein auf dem anderen zu lassen. „Zum Glück habe ich davon erfahren, bevor ich eingezogen bin“, meint die pensionierte Lehrerin schmunzelnd. So konnte sie, die tatsächlich viel Energie in das Zusammenleben einbringt, sich erst einmal zurückhalten. Für manch einen ist sie immer noch zu schnell, und doch sind alle dankbar für ihre kommunikativen, grafischen und sprachlichen Fähigkeiten. „Ich lerne, die anderen und ihre Vorstellungen wertzuschätzen, auch wenn sie anders sind als meine. Alles, was aus echtem Miteinander entsteht, hat ungeheuren Wert.“

Strenggenommen sind vier der 15 Wohnungen „extern“ vermietet, also an Menschen, die formal nicht Teil des Projektes sind: zwei Frauen aus der Ukraine, ein junger Webdesigner, ein pensionierter Pfarrer sowie eine alleinstehende Dame. Aber auch sie gehören – soweit sie wollen und können – dazu. Iryna Nakrapas, eine der Ukrainerinnen, stammt aus Prokrowsk, einem Ort nahe der Front. Sie sagt: „Hier wohnen zu können, tut dem Herzen gut. Es ist wie Medizin.“ Und Karl Kraus, der pensionierte Priester, nimmt an vielen Initiativen teil.
Eine neue Generation im MITEINANDER-Haus bringt neue Vorstellungen mit. Das ist bereichernd, aber auch herausfordernd. „Keiner ist wie der andere“, meint Ingrid Schiller dazu. „Manchmal kracht es“, ergänzt die gebürtige Düsseldorferin. „Aber bei allen Differenzen raufen wir uns schnell wieder zusammen.“ Ein Thema der letzten Wochen war, wie sie das Wohnprojekt bekanntmachen können – auch, um Interessierte zu finden, die einziehen möchten, wenn eine Wohnung frei wird. Die Idee, einen Freundeskreis zu bilden und regelmäßig einen Newsletter zu verschicken, fand schnell Zustimmung. Schwieriger war da schon, für einen Flyer zu beschreiben, was das MITEINANDER-Haus ausmacht: Ist ein direkter Bezug auf den christlichen Glauben der Bewohner wichtig oder könnte er ausgrenzend wirken?’
In solchen Momenten zeigt sich eine weitere Stärke der Hausgemeinschaft: Hören, aufeinander hören ist mehr, als ein gutes Gehör oder ein funktionierendes Hörgerät zu besitzen. Es ist eine Haltung.
Peter Forst

Das MITEINANDER-Haus
Im Oktober 2010 eröffnet, bietet das MITEINANDER-Haus in Augsburg 15 weitgehend barrierefreie Wohnungen, einen Gemeinschaftsraum sowie Tiefgarage und Fahrradkeller. Seit Anfang der 2000er-Jahre hatten Angehörige der Fokolar-Bewegung den Wunsch geäußert, im Alter selbstbestimmt und zugleich in Gemeinschaft wohnen zu können. 2007 zeigte sich die Möglichkeit, ein in Planung befindliches Haus der Hans Heyne-Stiftung zu mieten.
Mieter des Gebäudes war anfangs die eigens gegründete „Gemeinnützige Sozialgenossenschaft MITEINANDER eG – Augsburg“. Seit 2025 ist es die Fokolar-Stiftung. Die Hausverwaltung ist der Contecta Immobilienverwaltung übertragen, die auch die Mietverträge abschließt. Ein gewählter Beirat spricht für die Hausgemeinschaft – auch bei der Auswahl neuer Mieter.
Wer mehr wissen möchte, kann sich unter info@miteinanderhaus.de für den Newsletter des MITEINANDER-Hauses anmelden.
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Der Artikel oben ist erschienen in der NEUEN STADT, November/Dezember 2025.
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