Der immer neue Kick
Manche Menschen suchen ständig nach Veränderung,
beginnen immer wieder etwas Neues und wechseln sogar Wohnort, Beruf oder Freundeskreis. Letztlich – so scheint es – laufen sie damit vor sich selbst weg. Was tun?“
Andrea Hendrich
Familientherapeutin, Tutzing
Jeder Mensch hat grundlegende Bedürfnisse wie Zuneigung, Entwicklung, Autonomie und Sicherheit. Wenn diese erfüllt sind, fühlen wir uns gut. Wenn nicht, wird unser Gehirn unruhig oder unser „Angstzentrum“ springt an. Dann reagieren wir als Erwachsene gemäß unseren alten Erfahrungen: Wir wiederholen das, was wir kennen, um uns zu beruhigen und Glückshormone zu erleben.
Die Menschen, von denen wir hier sprechen, brauchen offensichtlich ständige Veränderung, um sich lebendig und gut zu fühlen. Dabei ist ein Neuanfang für uns alle etwas Wunderbares: wenn wir frisch verliebt sind oder einen neuen, lang ersehnten Job antreten. Wenn wir aber nur noch dem „Kick des Neuen“ hinterhereilen, kommen wir nicht mehr in der Tiefe an – in Beziehung zu uns oder zu anderen.
Was tun? Ich kann mich fragen, welches Bedürfnis bei mir aktuell nicht erfüllt ist, etwa das nach Entwicklung oder echter Gemeinschaft. Das kann ich auch mit kleinen Schritten angehen: eine neue Sprache, ein neues Hobby mit dem Partner, ein Ehrenamt – Hauptsache raus aus der alten Routine.
Und sollte hinter dem Wunsch nach dem „immer neuen Kick“ noch ein anderes Thema stehen, wie die Angst vor echter Bindung, kann auch das leichter angegangen werden, wenn ich mich selbst annehme und besser verstehe.
Udo Stenz
Pfarrer, Queidersbach
Die Bibel erzählt die Geschichte des Propheten Jona. Der läuft immer weg: vor Gott, vor anderen Menschen, vor der Arbeit und letztlich vor sich selbst. Eigentlich ist er erfolgreich und gläubig, zudem hat er eine Menge Glück im Leben. Vermutlich treibt ihn die Unzufriedenheit mit sich selbst. Gott aber verlässt ihn nicht und ist immer bei ihm. Er rettet ihn vor dem Tod, sodass seine Geschichte gar zum Vorläufer der Auferstehungsgeschichte Jesu wird.
In biblischen Geschichten wie dieser können wir immer auch uns selbst und Menschen, mit denen wir zu tun haben, unterbringen. Daraus kann sich die Einladung ergeben, es Gott gleichzutun: den anderen Menschen nicht aufgeben, sondern an ihm dranbleiben, ohne aufdringlich zu sein. Nicht aus eigener Kränkung Vorwürfe machen, sondern im Stand-by-Modus auf Abruf bereitstehen, ohne ungefragt zu belehren. Nicht nur von mir aus denken, sondern mich einfühlen, ohne mich über die andere oder den anderen zu erheben.
Zudem hält mir das Verhalten von anderen auch selbst den Spiegel vor. Sind da vielleicht ähnliche Tendenzen bei mir selbst? Was würde mir guttun?
Ulrike Zachhuber
Psychiaterin, Friedberg-Ottmaring
Vieles deutet darauf hin, dass eine tiefe Unzufriedenheit die Ursache für ein solches Verhalten ist. Unzufriedenheit stellt sich ein, wenn ein Mensch den inneren Frieden verloren oder noch nicht gefunden hat. Das macht unruhig. Manche Menschen wirken dann so, als wenn sie „auf der Flucht“ wären. Sie versuchen „im Außen“ Änderungen vorzunehmen, die aber nicht nachhaltig zufriedenstellen. Hier handelt es sich eher um ein Vermeidungsverhalten, also ein Ausweichen vor unangenehmen Situationen, Gefühlen oder Begegnungen.
Veränderungen im Leben sind grundsätzlich sinnvoll, können jedoch oberflächlich bleiben. Dann haben sie keine langfristige Wirkung. Hilfreich wäre, sich der persönlichen Unzufriedenheit zu stellen, sich ihr mit Zeit und Interesse zu widmen. Das kann durch eine persönliche Reflexion stattfinden. Besonders hilfreich ist es erfahrungsgemäß, mit einer Vertrauensperson ins Gespräch zu kommen, in einen Prozess zu gehen. Manchmal ist es auch sinnvoll, sich eine Person zu suchen, die man nicht so gut kennt und die einen professionellen Hintergrund hat. Sie kann durch gezielte Fragen und Rückmeldungen neue Aspekte und Zugänge zu dieser Unzufriedenheit, diesem Getrieben-Sein, eröffnen. So kann sie dazu beitragen, dass betroffene Menschen entdecken, was sie brauchen, um „bei sich landen zu können“.
Suchen Sie auch nach Antworten – rund um Beziehungen?
Dann schreiben Sie uns eine E-Mail oder reichen Sie Ihre Frage ein bei www.facebook.com/NeueStadt
Hat Ihnen der Artikel gefallen? Möchten Sie mehr von uns lesen? Dann können Sie hier das Magazin NEUE STADT abonnieren oder ein kostenloses Probe-Heft anfordern.
Der Artikel oben ist erschienen in der NEUEN STADT, November/Dezember 2025.
(c) Alle Rechte bei Verlag Neue Stadt, München
Ihre Meinung interessiert uns: Schreiben Sie uns! Anschrift und E-Mail finden Sie unter Kontakt.